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Wasser hilft gegen Hitze, Grün auch, oder weiße Dächer, Häuser und Straßen.

Interview

Klimawandel: Wie schaffen es Städte, nicht im Hitzekollaps unterzugehen?

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Professorin Martina Klärle über die Möglichkeiten, Städte wie Frankfurt vor der Überhitzung zu schützen - und warum das der Welt ziemlich wenig nützt.

Martina Klärle ist Professorin für Landmanagement und im Direktorium des Frankfurter Forschungsinstituts. 

Frau Klärle, sollten wir alle unsere Gebäude und Straßen weiß streichen?
Für die Anpassung an den Klimawandel wäre das schon sinnvoll. Weiß reflektiert das Sonnenlicht stärker als dunkle Farben, die Flächen erwärmen sich deshalb weniger. Schauen Sie sich die arabischen Städte an, die schon seit Jahrhunderten mit der Herausforderung überhitzter Städte umgehen müssen. Die Häuser dort sind fast durchgängig weiß.

Was bringt das in Grad Celsius?
An der Hochschule haben wir die Temperatur über einem Blechdach gemessen und mit einem direkt daneben liegenden begrünten Dach verglichen. Am Gründach waren es 15 Grad weniger. Nicht ganz so stark, aber ebenfalls deutlich messbar ist der Effekt bei hellen Dächern im Vergleich zu dunklen.

Das ist eine ganze Menge. Gilt das auch für helle Straßen? Zum Beispiel Langen und auch Frankfurt setzen ja auf Asphaltmischungen, die sich ebenfalls weniger erhitzen sollen?
Helle Straße führen zu weniger Stauwärme, es wird dort spürbar kühler. Deutlich mehr aber bringt es, wenn man mehr Grün in die Stadt bringt. Neben dem Abkühlen produzieren Grünflächen ihre eigene Frischluft. Und noch wichtiger ist es, Frischluftschneisen zu erhalten, also nicht dort zu bauen, wo Luft in die Städte strömt.

Martina Klärle.

Die Stadt Hanau hat verboten, in Neubaugebieten Vorgärten zu schottern. Ist das tatsächlich klimarelevant, oder eher eine ästhetische Frage?
Je enger bebaut ist, desto wichtiger ist es, auf Schottergärten zu verzichten. Diese Gärten, ähnlich wie diese schottergefüllten Drahtgeflechte, die als Mauern dienen, wirken sich auf das lokale Kleinklima stark aus. Wenn dort mehrere nebeneinander liegen, kann sich die Umgebung nur noch schwer abkühlen. Und selbst dort, wo nicht ganz so dicht bebaut ist, macht sich der Besitzer zumindest das Mikroklima an seinem eigenen Haus kaputt, wenn er vor den Fenstern Steine statt Büsche und Gras hat. Es ist wichtig, dass möglichst viele Eigentümer und auch Mieter ein Bewusstsein dafür haben, was sie selbst tun können. Entscheidend aber ist auch, was die Städte an Regeln in ihren Satzungen festlegen. Dort sollte es klare Vorgaben geben, um die Überhitzung der Stadt auf ein minimales Maß zu beschränken.

Frankfurt macht seine Sache gut

Wie ist die Lage in Frankfurt?
Bei jedem neuen Baugebiet oder Großprojekt wird mit einem Gutachten gekllärt, ob dadurch die Frischluftzirkulation gestört wird. In aller Regel wird dann an solchen Stellen nicht gebaut, das macht Frankfurt wirklich gut. Je mehr der Klimawandel zunimmt und zur Erwärmung führt, desto wichtiger werden solche Maßnahmen. Letzten Sommer konnten wir es ja ganz deutlich am eigenen Leib spüren, wie sehr sich die Hitze da zwischen den Hochhäusern im Bankenviertel gestaut hat. Wenn man dann in einen Grünstreifen gekommen ist, war es gleich viel angenehmer, auch wenn das gar keine große Grünfläche war. Gerade am Boden, dort wo die Menschen sich bewegen, sollte man also auf helle Materialien setzen. Grünflächen aber bringen noch mehr, die möglichst groß und so nah beieinander gelegen sein sollten, dass sie zudem auch für die Tiere wie Trittsteine funktionieren.

Haben Sie Beispiele aus anderen Städten von uns, von denen man etwas lernen kann?
Ich war in ein Projekt in Esslingen eingebunden, das wie das nahe Stuttgart in einem Kessel liegt. Dort hat man dunkle Flächen durch neuen Asphalt aufgehellt und man hat sogar einzelne Gebäude abgerissen, um damit die Luftzirkulation zu verbessern. Frankfurt ist auch eine Vorreiterstadt für die großen Ballungszentren, etwa auch durch den Bau von Gebäuden, die besonders effizient mit Energie umgehen und so dem Klimawandel entgegen wirken.

Bringen denn helle Straßen und Dächer auch etwas für das Klima insgesamt?
Man muss deutlich zwischen dem Klimaschutz und der Klimaanpassung unterscheiden. Unsere ganzen Bemühungen mit den Anpassungen, auch zum Beispiel den Vorgärten, bringen überhaupt nichts, wenn wir auf der anderen Seite nicht genug für den Klimaschutz tun. Nur mit ganz starken Anstrengungen wird es gelingen, dort etwas zu bewirken, so dass wir uns auch nicht so stark anpassen müssen. Diese Anpassungen bringen nur direkt vor Ort etwas.

Mit was müssen wir schlimmstenfalls rechnen? Könnten wir noch erleben, dass Frankfurt unbewohnbar wird?
Das wird nicht der Fall sein. Wir könnten im Sommer die Hitze meiden, indem wir mehr in den Gebäuden bleiben, auch wenn das sicher traurig wäre. Wenn Sie so wollen, wäre auch der flächendeckende Einbau von Klimaanlagen eine Art der Anpassung an die Erwärmung. Schauen Sie sich Abu Dhabi an, da ist fast jedes Gebäude klimatisiert. Allerdings mit der Folge, dass der Kohlendioxid-Ausstoß zunimmt und so den Klimawandel sogar noch anheizt. Wir können uns hier ganz gut schützen, durch Klimaanlagen und hohe Dämme an den Küsten. Aber Menschen, die in anderen Gegenden der Welt leben, an Küsten, in übervölkerten Städten, in armen Ländern, die können sich nicht alle schützen. Und werden dann zu Flüchtlingen.

Interview: Peter Hanack

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