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Klima retten – warum tun wir’s nicht?

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Von: Thomas Stillbauer

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Welches Klimatier sind Sie? Das aufgescheuchte Huhn? Die bockige Ziege?
Welches Klimatier sind Sie? Das aufgescheuchte Huhn? Die bockige Ziege? © Renate Hoyer

Die Klimakrise ist da, wir wissen Bescheid – warum ändern wir dann nicht unser Verhalten? Eine Frankfurter Ausstellung will es ergründen.

Stell dir vor, es ist 2045, und wir haben es im Griff. Das mit dem Klima. Das mit der Nachhaltigkeit. Stell dir vor, es ist nicht alles verloren. Die Menschen sind zufrieden. Und friedlich. Was für eine schöne Idee für das Finale dieser Ausstellung.

Das Publikum kann in der Zukunft anrufen. Am Telefon meldet sich etwa Rudi aus Frankfurt, 70 Jahre alt, und erzählt begeistert: „Die Welt ist kaum wiederzuerkennen.“ Zwar sei es nicht einfach gewesen, es habe einen schlimmen Rückschlag gegeben, als multiresistente Keime grassierten und viele Menschen töteten. Die Wissenschaft habe das aber in den Griff gekriegt („Medi-Drohnen“), und um 2030 herum sei mit dem Klima alles auf die richtige Spur gekommen. „Heute brettert hier keiner mehr mit Verbrennermotor durch die Gegend“, erzählt Rudi. Und die Leute seien auch nicht mehr so gestresst, seit es für Berufstätige die Drei-Tage-Woche gebe.

Märchenhaft. Bis Ausstellungsbesucherinnen und -besucher aber dort angekommen sind, wo die Hoffnung ist, müssen sie durch ein tiefes Tal, über dem stets die eine Frage steht: „Warum tun wir nicht, was wir wissen?“ So lautet der Untertitel der Schau. Da wir doch nun seit mindestens 50 Jahren wissen, was uns droht, wenn wir nicht radikal umsteuern in Richtung Klimaschutz und Nachhaltigkeit – warum, um alles in der Welt, handeln wir nicht danach? Der Titel „Klima_X“ soll auf diese Leerstelle, englisch Gap, hinweisen: Das X ist die Zukunft. „Der Gap dazwischen ist für mich das Jetzt“, sagt Kuratorin Katja Weber, die die Ausstellung gemeinsam mit Timo Gertler und Sebastian Mall entworfen hat. „Das ist unser Handlungsspielraum, um die ungewisse Zukunft so zu gestalten, wie sie für uns und kommende Generationen noch lebenswert ist.“

Warum das alles nötig ist, darauf geht „Klima_X“ ausführlich ein. Auf halber Treppe zur Schau unterm Dach sind Ergebnisse einer „Veränderungswerkstatt“ zu sehen. 25 Schülerinnen, Schüler und Studierende zeigen, was ihnen zum Thema einfiel, in Poesie, Comics und Kunst. Da liegt ein Mann im Bett und sinniert: „Man müsste echt mal was tun“ – während er langsam im ansteigenden Wasser versinkt.

Ganz oben, im Prolog der Ausstellung, zoomt eine Kamera aus dem Weltall auf die Erde und bis auf die Museumswiese, im Frühjahr angelegt, jetzt übrigens herrlich blühend. Wir betreten das „Spaceship Earth“, Raumschiff Erde, und erfahren: Wir sind nicht die Passagiere an Bord – wir alle sind die Crew. Und können wählen, welchen Job wir übernehmen wollen. Navigator:in mit Ideen? Oder Springer:in, dort eingesetzt, wo Leute gebraucht werden? Oder noch Suchende:r? Wer will, kann sich einen Button mit seiner Funktion anstecken, mit anderen Crewmitgliedern ins Gespräch kommen und seine Rolle im Lauf des Besuchs verändern.

In der Klimahaltestelle lassen sich Klimafakten studieren, auch die Auswirkungen auf Hessen, und anschließend gilt es, ein Klimatier für sich selbst auszusuchen. Wer bin ich angesichts der Lage, in der sich die Welt befindet? Das aufgescheuchte Huhn? Der wütende Gorilla? Dazu läuft seit Sommer schon ein Onlineangebot. Zwischenergebnis: „Die meisten sagen, sie seien die fleißige Biene“, berichtet Museumssprecherin Regina Hock, gefolgt von der Schildkröte, die zwar langsamer ist, aber immerhin auch was tut.

Der Umgang mit den eigenen Klimaemotionen nimmt einigen Raum ein in der Schau. Auch das schlechte Gewissen. „Da ist das Paar, das nach zweieinhalb Jahren Corona endlich mal wieder schön in Urlaub will“, sagt Kurator Timo Gertler. Aber fliegen? Um das schlechte Gefühl loszuwerden, gebe es zwei Möglichkeiten: Verhalten oder Einstellung ändern. Ein Berührbildschirm hilft Schritt für Schritt weiter: Ein anderes Reiseziel ansteuern? Ein anderes Verkehrsmittel wählen?

KLIMA_X – DIE AUSSTELLUNG

Von Donnerstag an, 13. Oktober, ist die Ausstellung „Klima_X – Warum tun wir nicht, was wir wissen?“ im Museum für Kommunikation am Frankfurter Museumsufer zu sehen. Die Schau läuft bis August 2023. Sie will dem Phänomen auf den Grund gehen, warum wir nicht so handeln, wie es angesichts der Klimakrise nötig wäre – ähnlich wie bei den guten Vorsätzen, weniger zu rauchen oder mehr Sport zu treiben.

Begleitend zur Ausstellung gibt es viele Aktionen, etwa eine Klimashow des Berliner Ensembles „vollehalle“ an diesem Donnerstag um 17 Uhr im Museum mit Publikumsbeteiligung.

Zum Ausstellungskonzept gehören auch die Blühwiese, gemeinsam mit dem Frankfurter Umweltamt im Museumsgarten angelegt, und vier Hochbeete vor der historischen Villa neben dem Museum. Die Beete haben die Stadtfarmer von der Genossenschaft „Die Kooperative“ bepflanzt. Sie stehen für die Themen essbares Grün, natürliche Düngung, Vegetationswandel und Fassadenbegrünung.

Weitere Veranstaltungen beschäftigen sich beispielsweise mit der Klimakrise in den Medien: „Infocalypse now?“ am 15. November, 18.30 Uhr, lädt ein zur Debatte mit Fachleuten.

Klimakino gibt es am 7. Dezember um 20.30 Uhr. Dann läuft „Dear Future Children“, ein Dokumentarfilm des jungen Regisseurs Franz Böhm, der drei Frauen in Uganda, Chile und Hongkong bei ihrem Kampf für Klimaschutz, Gerechtigkeit und Demokratie begleitete; er ist selbst fürs Gespräch dabei.

Außerdem: ein „Denkraum“ zum Mitmachen und ein Aktionstag im November, öffentliche Führungen und buchbare Angebote für Gruppen und Schulklassen, Herbstferien-Workshops – und die Chance, Teil des Klima_X-Teams zu werden. Nähere Info und Anmeldung: klima-x.museumsstiftung.de

Zehn als Eisberge gestaltete Ausstellungsmodule erzählen die Geschichte von mehr als 80 Jahren Klimakommunikation. Achtzig? Tatsache? Ja: „Damit wird aber die Tätigkeit des Menschen zur Ursache einer erdumspannenden Klimaänderung, deren zukünftige Bedeutung niemand ahnen kann“, warnte 1941 der in Frankfurt geborene Meteorologe Hermann Flohn.

Weitere Themen auf den Eisbergen: die lange Zeit gut funktionierende Leugnung des Klimawandels, etwa durch den Mineralölkonzern Exxon, die zunehmende Verbreitung der Klimakrise durch die Medien seit den 1980er Jahren – und die Risiken einer sogenannten Katastrophenkommunikation. Denn einer der Gründe, aus denen wir nicht tun, was wir wissen, ist: Wir verschließen gern unsere Ohren vor allzu oft wiederholten Horrorszenarien, auch wenn das kontraproduktiv ist.

Die Eisberge sind übrigens, wie die ganze Schau, aus umweltfreundlichem Material gebaut, darum ging es diesmal bei der Planung ganz besonders. „Klima_X“ widme sich der Kommunikation in Bezug auf die Klimakrise, sagt Museumsdirektor Helmut Gold. „Es ist aber auch ein großangelegtes Projekt, das uns als Museum nachhaltig verändern wird“, zum Beispiel in der Frage: „Wie werden wir in Zukunft Ausstellungen klimafreundlicher bauen, oder wie handeln wir als Museum ressourcenschonend?“ Punkte, deren Brisanz unter anderem dadurch deutlich wird, dass die Ausstellung auf den letzten Drücker fertig wurde – weil Baumaterial auf sich warten ließ. Im weiteren Sinn auch eine Folge der Art, wie wir zu leben gewohnt sind. Die Schau soll 2023 nach Berlin weiterziehen. Zweitverwendung schont Ressourcen.

Die Rolle der Politik fehlt nicht in der Ausstellung, angeführt von den Grünen, 1979 auf den Plan getreten, zunächst als „Müslifresser“ und „Ökotrottel“ verunglimpft. Andere Parteien fanden es viel später noch nötig, in der Debatte über die „Fridays for Future“ festzuhalten: „Es bleibt die Tatsache, dass sie dafür die Schule schwänzen.“ Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU.

„Wir gehen davon aus, dass auch Leute kommen, die die Klimakrise leugnen und streiten wollen“, sagt Gertler. „Aber wir wollen mit allen ins Gespräch kommen, die dazu bereit sind.“ Ausgebildete Klimaguides werden stets ansprechbar sein.

Am Ende stellt „Klima_X“ erfolgreiche Kampagnen vor, die Mut machen sollen: Greenpeace-Aktionen, die Klimaklage vor dem Verfassungsgericht, auch aus anderen Gesellschaftsbereichen, etwa Frauenbewegung, Rauchverbot und HIV-Prävention. Dann kommen Prominente zu Wort: der Arzt und Klimapionier Eckart von Hirschhausen, Transformationsforscherin Maja Göpel, die Frankfurter Klimakommunikatorin Feyza Morgül und andere erzählen über Wege zum klimafreundlichen Leben.

Und ganz zum Schluss: die „Machbar“ in einem Raum mit Waldpanorama, Liegestühlen und den Telefonen für Anrufe ins Jahr 2045. Es meldet sich auch Klara, 17, aus Magdeburg. Früher, hat sie gehört, sei Hafermilch teurer gewesen als Kuhmilch. „Krass, oder?“ Inzwischen gebe es viel mehr Haferanbau als Rinderweiden, Kuhmilch sei total selten, und hey: „In Ihrer Zeit“, fragt Klara, „sind Bio-Lebensmittel immer noch teurer als konventionell hergestellte, oder?“

Die Blühwiese im Museumsgarten, im Sommer angelegt, jetzt in voller Blüte - und so gut fürs Klima. Finden auch ein paar späte Bienen.
Die Blühwiese im Museumsgarten, im Sommer angelegt, jetzt in voller Blüte - und so gut fürs Klima. Finden auch ein paar späte Bienen. © Renate Hoyer
„Solange die anderen nichts machen ...“ Das Ausreden-Glücksrad.
„Solange die anderen nichts machen ...“ Das Ausreden-Glücksrad. © Renate Hoyer

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