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Nicht nur Segelbegeisterte erfreut der Wind auf dem Main. Er hat auch eine wichtige Kühlfunktion für Frankfurt.

Frankfurt

Frische Luft fürs heiße Frankfurt

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Winde aus Taunus und Wetterau helfen der Stadt beim Abkühlen, doch für erträgliche Temperaturen reicht das nicht. Ein Stadtklima-Experte fordert Mut zu mehr Veränderung.

Frankfurt wird immer heißer. In diesem Jahr wurden am Flughafen und im Westend wieder Hitzerekorde aufgestellt. Bis zum nächsten Sommer liegt die Messlatte bei 40,2 Grad Celsius im Frankfurter Westend. Die Tendenz ist aber wohl steigend. Nach heißen Tagen bietet maximal die Nacht etwas Abkühlung, doch auch wenn der Mond die Sonne abgelöst hat, sinken die Temperaturen nicht mehr verlässlich auf erfrischende Gradzahlen. Wo findet man in Frankfurt noch kühle Plätze und wie kann man diese fördern? Fragen, mit denen sich unter anderem Hans-Georg Dannert, Leiter des Bereichs „Stadtklima und Klimawandel“ bei der Stadt Frankfurt, beschäftigt.

Der Fachmann erklärt, dass Frankfurt in einer windschwachen Gegend liege und eine recht windgeschützte Lage aufweise. Herrscht Hochdruck mit starker Sonneneinstrahlung und ohne Wolken oder Regen, so heizt sich die Stadt entsprechend auf. Wind aus Süden bringt zusätzliche heiße Luft nach Deutschland, oftmals erkennbar am Saharastaub, der dann auf Autos oder anderen Flächen liegt.

Das alles erklärt die Hitze in der Mainmetropole, aber wie sieht es mit dem Wind aus? Dannert sagt, dass es in der Stadt unterschiedliche Windsysteme gebe, die sich sowohl zeitlich als auch in ihrer Höhe unterschieden. Die stärkste Ausprägung hat dabei der Gradientwind. Dieser entsteht vereinfacht dargestellt durch unterschiedlichen Druck zwischen Hoch- und Tiefdruckgebieten, Erddrehung und Eigendrehung des Druckgebiets. „In Frankfurt herrscht sehr häufig Westwind“, sagt Dannert.

Schwächer und deutlich regionaler ist die autochthone Wetterlage. Hierbei entstehen ausgleichende Luftbewegungen, weil lokale Einflüsse wie unterschiedliche Temperaturen von Oberflächen dominanter sind. Dadurch entsteht sogenannter Regionalwind. Beispielhaft nennt Dannert den Taunuswind und den Wetterauwind. Diese wehen mit drei Meter pro Sekunde und wirken bis in 300 Meter Höhe. Komplettiert werden die Luftströmungen durch Hangabwind, beispielsweise am Riedberg oder dem Flurwind am Stadtrand. Dieser Flurwind erreicht Geschwindigkeiten von einen Meter pro Sekunde, ist also schwächer als der Regionalwind und hilft, trotzdem die Stadt zu kühlen.

All diese Faktoren sind Teil eines speziellen Stadtklimas mit unterschiedlichen Luftbewegungen und Temperaturen. Das Stadtklima wird durch den Menschen geprägt. Durch die Wärme und Schadstoffe, die wir produzieren, und auch durch die Oberflächenstruktur der Städte.

Die Luftströmungen in Frankfurt entstehen vorrangig am Abend, wenn die Flächen des Umlands sich schneller abkühlen als die aufgeheizte Stadt. Wer am Stadtrand spazieren geht, der spürt, dass es kühler wird. Der Flurwind sorgt für angenehmere Luft, reicht aber nicht weit in die Stadt herein. „Die nordöstlichen Stadtteile werden nachts perfekt gekühlt“, berichtet Dannert. Auch weil Regionalwind aus dem Norden dann kühle Luft nach Frankfurt bringt.

Ein weiterer wichtiger Faktor in der Stadt sind die Frischluftschneisen, auch Kaltluftschneisen genannt. Sie verlaufen im Groben entlang der beiden Flüsse Main und Nidda (siehe nebenstehende Karte). Von dort aus verteilt sich die kalte Luft in den angrenzenden Straßen und Stadtteilen. Doch jedes Hindernis, wie etwa Häuser, bremsen den Luftfluss.

Deshalb sind Wind und die Richtungen aus denen er weht, relevant bei der Stadtplanung und der Errichtung einzelner Gebäude. „Wir müssen Flüsse, Gefälle und Strömungen bei der Planung beachten“, sagt Dannert. An Stellen, wo kein starker Wind vorherrsche, spiele neben der Ausrichtung der Gebäude auch deren Höhe eine Rolle. Ist also jedes neue Bauprojekt im Einklang mit kühlendem Wind? „Jedes Bauvorhaben ist immer auch ein Eingriff.“ Allerdings gebe es Bereiche, wo so etwas eher möglich sei als in anderen. Entscheidend sei, dass es keine massiven Eingriffe gebe, und auch die Art der Umsetzung sei entscheidend.

Dannert erklärt, dass man das Wasser im Gelände halten müsse, und auch Grünflächen wichtig seien. Beides trage positiv dazu bei, dass sich die entsprechende Gegend nicht zu sehr erhitze. Zudem brauche es Maßnahmen, um der Stadterwärmung entgegenzutreten. So müsse man versuchen, Schatten zu schaffen, etwa durch Bäume, Sonnensegel oder Arkaden. Außerdem seien hellere Fassaden an Gebäuden ein Weg oder möglichst nicht so breite Straßen. Gerade die Verkehrsflächen seien große Wärmespeicher. „Neue Stadtteile müssen künftig deutlich anders aussehen als heutige.“ Ein Weg auch bestehende Strukturen positiv zu verändern, seien Dach- und Fassadenbegrünungen. Wenn es gelänge, mit Begrünung und Beschattung ein besseres Mikroklima zu schaffen, wäre man auch nicht mehr so abhängig vom Wind.

Als positives Beispiel nennt der Bereichsleiter den Paulsplatz. Hier wurden Platanen gepflanzt und allen Bedenken zum Trotz habe es geklappt. Die Wurzeln stören nicht und auch bei Veranstaltungen passen Hütten auf den Platz. „Warum wird es nicht an anderen Stellen, wie etwa dem Roßmarkt, ebenso gemacht? Wir brauchen Mut zur Veränderung“, fordert Dannert. Die Stadt, Bürger und Wirtschaft müssten gemeinsam aktiv werden. „Wir müssen das Ruder jetzt rumreißen“, sagt Dannert.

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