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Corona verzögert Pläne

Kleinmarkthalle Frankfurt braucht dringend Sanierung – doch dazu kommt es vorerst nicht

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Gerade im Lockdown sind die Gemüse- und Feinkoststände in der Kleinmarkthalle Frankfurt eine erste Adresse für gutes Essen. Die geplante Erneuerung ist vorerst aufgeschoben.

  • In der Kleinmarkthalle in Frankfurt geht der Verkauf trotz Corona-Lockdown weiter.
  • Schon seit längerem soll das Gebäude in der Frankfurter Innenstadt saniert werden.
  • Corona sorgt dafür, dass die Pläne vorerst verschoben werden.

Frankfurt – Natürlich hat sich auch an diesem Morgen am Wurststand von Frau Schreiber eine Schlange gebildet. Seit vielen Jahren geht das schon so in der Kleinmarkthalle. Neu ist nur, dass die Wartenden Masken tragen. Der kleine Wurststand ist derzeit aber nicht der einzige, an dem Kundinnen und Kunden warten müssen. Es ist einiges los rund um Weihnachten und Silvester. Zwar seien von der Pandemie „alle genervt“, wie Anja-Katharina Mänz von der Interessengemeinschaft Kleinmarkthalle gesteht. Doch die Betroffenheiten seien sehr unterschiedlich.

Kleinmarkthalle Frankfurt: Umsatzeinbußen bei Gastronomie wegen Corona

Die Gastronomiebetriebe leiden wegen des fehlenden Ausschanks. Mänz selbst vom Weingut Rollanderhof im ersten Stock der Halle schätzt die Umsatzeinbußen für ihren Betrieb derzeit auf 80 Prozent. Auch bei den anderen Gastronomiebetrieben im ersten Stock ist wenig los.

Lebensmittel und Blumen gibt es in der Markthalle aus den 1950er Jahren. Zurzeit ist der Verzehr von Speisen und Getränken vor Ort verboten.

Schlange stehen muss man dagegen dort, wo die Menschen sich für ihr Mahl an den Festtagen eindecken wollen, wie etwa bei der Metzgerei Hoos. „Man merkt, dass die Leute zu Hause kochen und die Restaurants zu sind“, sagt Standleiterin Mary Soloja. Gekauft werde vor allem „Filet, Filet, Filet“, verrät sie. In vielen Wohnstuben werde es wohl Fondue geben. Auch Gulasch und Rouladen seien gefragt. Es wird gekocht, was nicht täglich auf den Tisch kommt.

Kleinmarkthalle Frankfurt in der Corona-Pandemie: Besser als das KDW in Berlin

Die Metzgerei Hoos hat in diesem Sommer groß investiert in ihren Stand. Die Metzgerzeile ist hochmodern. Ulrike Schiedermair findet, „die Hoossche Zeile“ stelle sogar „das KDW in Berlin in den Schatten“. Schiedermair ist seit sieben Jahren Ehrenmitglied der Interessengemeinschaft Kleinmarkthalle. Wohl als Dank für ihre frühere Arbeit für die „Freunde der Kleinmarkthalle“, glaubt sie. Die „Freunde“ hatten sich formiert, als der damalige Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) 2005 den Abriss der Kleinmarkthalle vorgeschlagen hatte. Auch als es ab 2008 um die Sanierung des 1954 errichteten Bauwerks ging, waren die „Freunde“ noch aktiv, mittlerweile ruhe die Arbeit aber, so Schiedermair. Die Sanierungspläne zogen sich so lange hin, dass die einstigen Vereinsmitglieder die Angelegenheit zur Seite gelegt haben.

Zahlen und Daten zur Frankfurter Kleinmarthalle

Knapp 1500 Quadratmeter Platz bietet die Kleinmarkthalle, dazu noch etwas mehr als 70 Parkplätze. 63 Händler:innen bieten Waren an, Gebackenes, Gemüse, Obst, Blumen, Gewürze, Bioprodukte, Fisch und Fleisch, Nudeln, Weine, Olivenöle. Vor Corona schlängelten sich im Schnitt fast 25 000 Menschen am Tag durch die Gänge.

Im 19. Jahrhundert verdoppelt sich die Zahl der Stadtbewohner auf 85 000. Das Marktwesen kommt mit der Nachfrage und den Hygieneanforderungen nicht mit, die Stadt legt kleine Märkte zu einem großen an der Hasengasse zusammen. Wegen der Belastung für die Nachbarn bewilligen die Stadtverordneten einen Hallenbau.

Im Sommer 1878 errichtet die Eisengießerei J.S. Fries Sohn einen 117 Meter langen, 34 Meter breiten und 22 Meter hohen neoklassizistischen Eisen-Glas-Bau. 354 Stände sind im Erdgeschoss, 114 auf der Galerie. Eröffnung ist am 10. Februar 1879.

Die Stadt wächst weiter , mehr Hallen und Märkte entstehen, Entlastung bringt der Bau der Großmarkthalle 1928. Die Großhändler ziehen ins Ostend, die Kleinmarkthalle wird zum Refugium der Einzelhändler. Den Krieg übersteht die Halle nicht. 1948 errichten etwa 130 Händler:innen auf dem Trümmergrundstück Verkaufsbuden. An ihrem angestammten Platz ist die Halle dem Fluchtlinienplan für eine verbreiterte Zeil im Weg. Ab 1952 entsteht der Neubau an ihrem jetzigen Standort, ein 100 Meter langes, 24 Meter breites Einkaufsparadies.

In den 60ern machen die Selbstbedienungsläden und Supermärkte Konkurrenz. Die Kleinmarkthalle kann sich dank der Gastarbeiter halten. Bis zum Anwerbestopp 1973 leben bereits mehr als 115 000 Arbeitsmigranten in Frankfurt, die in der Fremde die heimatliche Küche vermissen und sich in der Kleinmarkthalle eindecken. 1979 sind unter den 80 Standbetreibern ein gutes Dutzend internationale.

Unter Denkmalschutz steht die Halle seit 2000, 2005 stößt der damalige Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) auf erbitterten Widerstand mit seinem Vorschlag, die Händler umzuziehen und die Halle abzureißen. 2008 gibt es einen Architektenwettbewerb für eine Sanierung. Der Entwurf verschwindet im Archiv. 2104 kündigt die Stadt an, ab 2016 im laufenden Betrieb sanieren zu wollen.

Die Kleinmarkthalle , Hasengasse 5-7, öffnet Mo.-Fr. von 8-18 Uhr, Sa. 8-16 Uhr. Am 31. 12. von 7 - 13 Uhr, an Neujahr geschlossen. sky

www.kleinmarkthalle.com

An eine komplette Sanierung der Kleinmarkthalle glaubt unter den Händler:innen niemand mehr so recht. „Ich bin schon seit zehn Jahren hier und seit zehn Jahren soll saniert werden“, winkt Mary Soloja ab. Werner Röder betreibt seit 1988 „Feinkost Treulieb“ und will sich über eine mögliche Sanierung gar keine Gedanken mehr machen: „Ich bin jetzt 64 und höre irgendwann nächstes Jahr auf, dann können mir alle den Buckel ´runterrutschen.“

Kleinmarkthalle Frankfurt: Es muss etwas passieren

Ungeachtet dessen konstatiert Ralf Karpa, Geschäftsführer der Hafen- und Marktbetriebe: „In der Kleinmarkthalle muss etwas passieren.“ Vor allem die Gebäudetechnik müsse dringend erneuert werden. Im Sommer welken den Gemüsehändlern bei den hohen Temperaturen in der Halle die Salate, noch bevor die ersten Kunden kommen. Die Probleme an den einzelnen Ständen seien unterschiedlich, sagt Mänz, die Schriftführerin der Interessengemeinschaft. Generell gelte: „Der Abfluss ist nicht der dollste.“

Karpa würde die Halle gerne für längere Zeit schließen und in einem Rutsch sanieren. Doch keine:r der Händler:innen will für längere Zeit auf die Einnahmen verzichten. „Wir sind sehr froh, dass die Sanierung Stand für Stand und sozialverträglich erfolgen soll“, gesteht Mänz.

Jede Menge köstliche Kleinigkeiten sind hier zu haben.

Doch die lange schwärende Sanierung bringt auch Probleme mit sich. Im ersten Stock der Halle gibt es schon seit Frühjahr dieses Jahres Leerstand. Die Bio-Metzgerei Schick ist in den Taunus abgewandert und hinterlässt buchstäblich eine große Lücke, die Nachbar Franco Gulino nicht begeistert. „Ich merke das am Umsatz, natürlich. Die Leute, die dort gekauft haben, sind auch bei mir stehengeblieben“, sagt Gulino und verrät, dass er die Fläche für seinen Fischmarkt Mare Blú und die Austernbar gerne übernommen hätte. Doch da hätte die Marktaufsicht etwas dagegen gehabt. Denn der Mix muss stimmen und der Einzelhandel sei zuletzt gegenüber der Gastronomie „etwas zu kurz gekommen“, findet Mänz, die sich an der Stelle der abgewanderten Bio-Metzgerei ein Käsegeschäft vorstellen könnte. Doch welcher Einzelhändler will in einen Stand investieren, der bald schon wieder wegen einer Sanierung geräumt werden muss?

Gut besucht: der Verkaufsstand der Metzgerei Hoos.

Nach jetzigem Stand sollen im Jahr 2022 die größeren Sanierungsarbeiten beginnen. Dann müssten einzelne Händler:innen ausquartiert und über Containerlösungen nachgedacht werden, so Karpa. Derzeit werde ein Gutachten für die Finanzierung erstellt, im kommenden Jahr sollen Ausschreibung und Vergabe der Arbeiten erfolgen. In einem Bericht des Magistrats zur Sanierung der Kleinmarkthalle von Anfang Dezember heißt es allerdings, durch Covid-19 könne sich alles etwas verzögern. Bis die Sanierung beginnt, werden die Wartenden in der Schlange bei Frau Schreiber wohl keine Masken mehr tragen. (Oliver Teutsch)

Rubriklistenbild: © Renate Hoyer

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