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Kleingärten in Frankfurt: Alles bio zwischen Schaukeln und Regeln

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Von: George Grodensky

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Daniel Maucec freut sich auf die erste Ernte aus den Hochbeeten.
Daniel Maucec freut sich auf die erste Ernte aus den Hochbeeten. © Peter Jülich

Kleingärtner:innen spritzen ihr Obst und Gemüse nicht, sie wollen es schließlich direkt vor Ort essen. Die strenge Dreiteilung der Parzellen bleibt bestehen. Mehr Lebensmittel anzubauen, lässt das Bundeskleingartengesetz gar nicht zu.

Zu tun gibt es eigentlich immer etwas. Deswegen ist Daniel Maucec fast jeden Tag in seinem Garten. Jetzt ist es zwar noch recht kalt, aber der 47-Jährige hat sich zwei Hochbeete gebaut, aus alten Holzpaletten. Da wachsen bereits Erbsen, Petersilie, Salat und Zwiebeln. „Alles, was nicht so empfindlich ist.“ Hochbeete liegen im Trend im Kleingartenverein Erbbaublock am Rebstock. „Man muss sich nicht so bücken“, sagt Maucec. Sie ermöglichen auch Erträge früh im Jahr. Weil Kompost darunter verrottet, das spendet den Pflanzen Wärme. Die Höhe ist Hindernis für „das Ungeziefer“, also Schnecken und Wühlmäuse. Zudem legt Maucec eine Glasplatte oben auf. Das wirkt wie in einem Gewächshaus. Auch die sind im Trend, sagt Maucec verschmitzt. Sein Parzellennachbar baut sich gerade eins.

Mit den hohen Lebensmittelpreisen im Supermarkt hat das nichts zu tun, Maucec winkt lachend ab. „Das ist alles nur Vorspeise und Nachtisch“, sagt er. Ganze feine Kost allerdings. „Alles bio.“ Kleingärtner spritzen keine Chemie auf ihr Essen. „Das geht ja auch in den Boden und ins Grundwasser.“ Für Anbau in großem Stil fehlt der Platz. „Für Kartoffelanbau braucht man einen Hektar, damit sich das rentiert“, sagt Maucec und lacht. Und die Zeit. Der Garten ist sein Hobby, neben Beruf und Familie.

Der Erbbaublock ist eine recht aufgeräumte Anlage. Lange, gerade Wege. Alles ordentlich umzäunt. Die einzelnen Gärten zeigen die klassische Dreiteilung, die das Bundeskleingartengesetz vorschreibt. Anbaufläche, Erholungs- und Zierfläche, dazu die Laube. Die Einteilung hat auch in Krisenzeiten Bestand. Darauf pocht Hannelore Dörr von der Stadtgruppe der Frankfurter Kleingartenvereine. Denn nur so lassen sich die Einschränkungen der Rechte der Grundstückseigentümerin, also der Stadt Frankfurt, legitimieren – die geringe Pachteinnahmen, die Beschränkung der Kündigungsmöglichkeiten. 25 Cent kostet der Quadratmeter Kleingarten. Im Jahr. Im Schnitt sind die Parzellen etwa 300 Quadratmeter groß. „Das ist fast geschenkt, dafür muss man sich an die Regeln halten“, sagt Dörr.

Im Frankfurter Dachverband sind 112 Vereine organisiert, mit 16 000 Mitgliedern. Ärger gibt es immer wieder einmal, sagt Dörr und seufzt. Einer hat zu viel Rasen, ein anderer kommt nur einmal die Woche zum Grillen und lässt sonst alles verlottern. Sie hat das Gefühl, die Corona-Pandemie habe die Menschen ein bisschen aggressiver werden lassen.

Freie Gärten sind „mit Glück“ noch zu bekommen, obschon viele Vereine Wartelisten führen. Da läuft es wie früher bei den Kitaplätzen. Viele Menschen bewerben sich in ihrem Frischluft-drang gleich bei mehreren Vereinen. Wenn sie dann einen Platz bekommen, lichten sich die Reihen in den Wartelisten. Wegen der weltpolitischen Lage ist noch keiner vorstellig geworden, sagt Dörr. Corona war da eher Motivation. „Mit der ersten Welle kamen unglaublich viele Anfragen.“ Dörr ist da reserviert. „Das läuft dann wie bei den Hunden. Viele schaffen sich einen an, nach Corona landet er im Tierheim.“ Die Vereine sind aber an langfristigen Pächter:innen interessiert. So ein Garten braucht ja auch Zeit, um sich zu entwickeln. Daniel Maucec bearbeitet sein kleines Reich seit 2008. Mit Frau und zwei Töchtern lebt er in einem Hochhaus am Rande der Stadt. Die Aussicht sei fantastisch. Aber ein eigener Garten hat ihm lange gefehlt. Die viele Arbeit, die zahllosen Stunden, die Schwielen an den Fingern, all das sieht man der Parzelle an. Die Apfelbäume sind fachgerecht geschnitten, den Grill hat er selbst gemauert. Den Mittelweg säumen Weinreben.

Eine davon ist ein Ableger der ältesten Rebe der Welt. Seit 450 Jahren gedeiht die „Schwarzsamtene“ in Maribor in Slowenien. Die Ableger sind begehrt, Nachfahren des Weinstocks wachsen unter anderem in Paris, in Prag, im Vatikan. Und im Erbbaublock, Frankfurt. Freunde haben ihn mitgebracht, Maucec ist geborener Slowene. Seit 1994 lebt er in Deutschland.

Wenn es wärmer wird, will er Tomaten pflanzen, Zucchini, Gurken, noch mehr Salat. Warum tut er sich das an? Warum setzt er sich nicht einfach mal vor den Fernseher und entspannt? „Mach ich doch“, kommt die Antwort. Hinter der Laube hat er Satellitenschüssel und TV-Gerät installiert, „für Sportübertragungen“. Das Gartenleben soll ja nicht nur aus Arbeit bestehen.

Davon zeugt auch der Rasen. Bei den Nachbarn jedenfalls. Dort sind Schaukeln und Rutschen zu sehen. Nicht so bei Maucec. Die Töchter sind groß geworden, 14 und 18 Jahre alt, sie kommen nicht mehr mit in den Garten. Nur ein paar Tierfiguren aus Stein lugen noch verschreckt und vergraut aus dem Gebüsch hervor: ein kleiner Drache, ein Kaninchen, ein Frosch. „Die sind noch von den Kindern“, sagt Maucec verlegen und macht eine wegwerfende Handbewegung. Aber man sieht ihm an, das er nicht daran denkt, sie zu entsorgen.

Der Kleingartenverein Erbbaublock am Rebstock.
Der Kleingartenverein Erbbaublock am Rebstock. © Peter Jülich

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