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Kleidung im einstigen Tonstudio kaufen

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Von: Steven Micksch

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Das „Achtung Aufnahme“-Schild hängt noch in der Awo-Kleiderstube Harry Hansen in Frankfurt-Bockenheim.
Das „Achtung Aufnahme“-Schild hängt noch in der Awo-Kleiderstube Harry Hansen in Frankfurt-Bockenheim. © Peter Jülich

Die Bekleidungsstube Harry Hansen ist die älteste Einrichtung ihrer Art bei der Frankfurter Awo. Seit 20 Jahren können sich Menschen dort mit guter, gebrauchter und günstiger Kleidung versorgen.

Etwas versteckt liegt die älteste Kleiderstube der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt in einem Hinterhof der Leipziger Straße im Stadtteil Bockenheim. Wenn man den Schildern am Eingang zum Hof keine Beachtung schenkt, kann man die Kleiderstube glatt übersehen. Doch sie ist da und das seit nun mehr 20 Jahren. Die linke Eingangstür im Hinterhof ist die richtige. Ist man hineingegangen, müssen die Gäste nur noch der Treppe in den Keller folgen. Dann sind sie da, in Harry Hansens altem Tonstudio.

Als der Frankfurter Tonmeister in den Ruhestand ging, hatte er Platz in seinen Räumlichkeiten. Als Leiter des AWO-Ortsvereins Bockenheim wusste er um die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung. Deshalb rief er die Bekleidungsstube 2002 ins Leben. Damals trug sie noch den Beinamen Wilhelm Binder, zu Ehren des Vorsitzenden der AWO-Bockenheim, der nach dem Zweiten Weltkrieg Kleidung und Lebensmittel sammelte und verteilte.

Die Keimzelle der Kleiderstube liegt in einem der Aufnahmezimmer Hansens. Später kamen immer weitere Räume hinzu. Im Dezember 2012 verstarb Hansen mit 71 Jahren. Im Jahr darauf entschied sich der Ortsverein, der Kleiderstube künftig den Beinamen des Tonmeisters zu geben. Finanziell unterstützt wurde die Einrichtung durch die Neelestiftung, die Göhre-Stiftung und die Dr.-Marschner-Stiftung.

Mittlerweile ist die Kleiderstube im Stadtteil fest integriert – auch wenn sicherlich nicht alle Menschen von ihr wissen. In drei Räumen finden die Kundinnen und Kunden zahlreiche Bekleidungsstücke. Leiterin Rosemarie Pfeiffer und ihr Team achten darauf, dass alle Sachen in einem prima Zustand sind. Viele hochwertige Kleidung finde sich im Fundus der Einrichtung, versichert sie. Kleiderspenden werden gesichtet, bei kleineren Mängeln an der Nähmaschine ausgebessert, gebügelt und ansprechend präsentiert.

Im rechten Raum gibt es Schmuck, Taschen, Blusen, Hosen und Oberbekleidung für Herren und Damen. Dazu noch Herrenschuhe. Das Fußwerk für die Frauen braucht etwas mehr Platz und ist im Flur in offenen Schuhschränkchen aufgereiht. Im linken Raum finden sich Röcke, Kleider, Jacken, Mäntel und Herrenanzüge. Aber auch Gesellschaftsspiele, Brillenetuis und einen American Football findet man in einem Regal. „Wir passen die Kleidung auch an die jeweilige Jahreszeit an“, sagt Pfeiffer.

Die Einrichtung

Die Kleiderstube Harry Hansen liegt in der Leipziger Straße 42a in Frankfurt Bockenheim. Sie befindet sich im Hinterhof.

Geöffnet ist dienstags von 13 bis 18 Uhr und mittwochs von 14 bis 17 Uhr.

Während der Öffnungszeiten werden Kleiderspenden angenommen. Wer mit einer Geldspende helfen möchte, kann dies tun unter folgender IBAN: DE 3850 0502 0100 0002 6229, Verwendungszweck: Harry Hansen Kleiderstube. mic

Geöffnet ist die Einrichtung immer dienstags von 13 bis 18 Uhr und mittwochs von 14 bis 17 Uhr. Zu diesen Öffnungszeiten sollten im Idealfall auch die Kleiderspenden erfolgen. „Zu uns gelangt Kleidung, die zu Hause aussortiert wurde, aber auch bei Haushaltsauflösungen oder bei Todesfällen finden sich häufig Sachen, die gespendet werden“, sagt Wolfgang Rüth, heutiger Vorsitzender der AWO-Bockenheim. Die Menschen, die spenden, schätzen, dass in der Kleiderstube nachhaltig gehandelt werde. Verschwendet wird quasi nichts. Sollte es mal Bettwäsche geben, die nicht mehr zum Auftragen geeignet ist, wird sie ans Tierheim gespendet. Kinderbekleidung und Spielzeug gehen an das Jugendamt oder den „Eine-Welt-Laden“ im Gallus.

Doch für wen ist die Kleiderstube eigentlich? „Für jeden“, sagt Pfeiffer. Wer etwas haben möchte, müsse nicht bedürftig sein. Allerdings sei der Großteil der Kundinnen und Kunden schon bedürftig, müsse mit kleinem Einkommen zurechtkommen oder ist obdachlos. Gezahlt wird mit einer Spende. Obdachlose Menschen und Frankfurt-Pass-Inhaber:innen bekommen drei Kleidungsstücke kostenlos.

Das Geld, das die Kleiderstube für die Sachen bekommt, nutzt sie, um die Miete, Telefonanschluss und Strom zu zahlen. Dabei helfen auch immer wieder Zuwendungen der Stiftungen oder von Privatleuten. „In den letzten zwei Jahren haben wir die Kleiderstube aus Eigenmitteln finanziert“, sagt Rüth. Generell habe die Pandemie auch die Arbeit in der Einrichtung verändert. 3G und 2G, beschränkte Zutrittszahlen und letztlich auch weniger Kundschaft. „Wir wünschen uns, dass es ab Januar wieder wie vor Corona wird“, hofft Pfeiffer, die bereits seit zehn Jahren die Kleiderstube leitet. Dazu müssten die Menschen wieder wissen, dass der Zugang erneut unbeschränkt möglich ist.

Üblicherweise kommen zehn bis fünfzehn Menschen pro Öffnungstag. Im Monat seien es früher schon mal bis zu 100 gewesen, erzählt Rüth. Häufig seien es Stammkundinnen und -kunden, die regelmäßig kommen, um das neue Angebot zu sichten. Die Hemmschwelle sei für viele andere jedoch hoch. „Die Leute trauen sich nicht zu kommen“, sagt Rüth. Scham spiele immer noch eine große Rolle. Diese sei jedoch unbegründet, weil die Anonymität gewährleistet werde. Und die Einrichtung sei ja für alle Menschen, unabhängig von der sozialen oder finanziellen Lage.

Und was für außergewöhnliche Geschichten sind in den zurückliegenden 20 Jahren geschehen? Rosi Pfeiffer fällt aus ihren zehn Jahren spontan nichts ein. Wolfgang Rüth erinnert sich aber noch an etwas. „Der Schwiegervater von Rudolf Scharping hat hier in der Nähe gewohnt. Als er starb, haben wir seine feinen selbstgenähten Hemden bekommen und angeboten. Das war schon was.“

Rosemarie Pfeiffer, Karin F., Karin Bornschlegl und Margarethe Markwardt (v.l.n.r.) sind das Team.
Rosemarie Pfeiffer, Karin F., Karin Bornschlegl und Margarethe Markwardt (v.l.n.r.) sind das Team. © Peter Jülich
Auch Schuhe finden sich im Angebot.
Auch Schuhe finden sich im Angebot. © Peter Jülich
Schmuck und jahreszeitlich passende Bekleidung können hier erstanden werden.
Schmuck und jahreszeitlich passende Bekleidung können hier erstanden werden. © Peter Jülich

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