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St. Bartholomäus in Frankfurt war einst das höchste Gebäude der Stadt. Heute sind selbst einige Wohntürme weiter in den Himmel gewachsen als der Dom.

Interview

Kirchentag in Frankfurt: „Jeder Mensch sollte immer wieder auch zweifeln“

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Bettina Limperg spricht über ihre Doppelfunktion als Kirchentags- und Bundesgerichtshof-Präsidentin, Frauen in Führungspositionen und warum Frankfurt ein guter Ort ist, ein großes kirchliches Fest zu feiern.

Bettina Limperg (59) ist seit Juli 2014 Präsidentin des Bundesgerichtshofs. Sie ist die erste Frau in dieser Position. Limperg lebt in Fellbach bei Stuttgart, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist evangelische Präsidentin des dritten ökumenischen Kirchentags in Frankfurt. Ihr Pendant auf katholischer Seite ist Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.  

Frau Limperg, ist Frankfurt wirklich ein guter Ort für einen Kirchentag? Hier ist der Dom längst nicht mehr das höchste Gebäude. Das sind die Finanztürme.
Das macht ja den Reiz aus. Wir gehen raus aus den Kirchtürmen, dorthin, wo wir sonst vielleicht nicht so häufig sind. Frankfurt ist dafür ideal.

Weshalb?
Die Stadt bringt unglaublich viel Diversität mit, Menschen aus rund 180 Nationen, viele Religionen und Kulturen, die nicht nur einfach friedlich miteinander leben, sondern auch zusammenarbeiten, etwa im Rat der Religionen. Der dritte ökumenische Kirchentag nimmt nicht nur Christinnen und Christen in den Blick, sondern alle Menschen, gleich welchen Hintergrunds.

Es gibt hier in Frankfurt ganze Stadtteile ohne christliche Kirche. Ist der Glaube, vor allem der christliche, in der Gesellschaft nicht im Verschwinden begriffen?
Man kann feststellen, dass sich Glaubenspraxis und Zugehörigkeitsgefühl verändern. Aber die Frage, was wir als Christen anbieten können, bleibt ja aktuell.

Das Kirchentagsmotto heißt „Schaut hin!“. Was bedeutet das für Sie?
Schauen ist mehr als sehen. Schauen geht nicht vorbei. Schauen bleibt stehen und übernimmt aktiv Verantwortung. Das ist unser Auftrag als Christinnen und Christen. Wo sind Bedarfe? Wo kann sich christlicher Glaube beweisen, außer in der selbstreferenziellen Diskussion? Die Frage ist: Wofür braucht uns die Welt? Und bieten wir das an?

Haben Sie darauf schon Antworten?
Manche Selbstverständlichkeit scheint zu schwinden, das sehen wir auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Ich weiß nicht, ob die Menschen insgesamt kritischer geworden sind, jedenfalls äußern sie Kritik heute offener. Viele wünschen sich mehr Mitwirkungsmöglichkeiten im Sinne echter Partizipation. Auch dafür ist ein ökumenischer Kirchentag ein guter Ort.

Wie wird man eigentlich Kirchentagspräsidentin?
Ich bin gefragt worden. Der Deutsche Evangelische Kirchentag sucht dabei nach Menschen, die als Christinnen und Christen Verantwortung in unserer Gesellschaft übernehmen. Ich freue mich, dass ich diese Funktion nicht allein ausübe, sondern im Team mit Thomas Sternberg, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Was verbinden Sie mit diesem Amt für sich?
Es fordert heraus. Es ist ein ganz anderer Bereich als der, in dem ich mich beruflich bewege. Ich übernehme Verantwortung dafür, den ökumenischen Kirchentag spannend und weltoffen zu gestalten. Das macht zugleich viel Freude.

Wie schaffen Sie es, in einem 24-Stunden-Tag zugleich Präsidentin des Bundesgerichtshofs und Kirchentagspräsidentin zu sein?
Die Präsidentschaft des Kirchentags ist ein Ehrenamt, für das ich wie viele andere ehrenamtlich Tätige den großen Teil meiner Freizeit aufbringe. So hoffe ich, dass ich beiden Ämtern gerecht werden kann.

Ein wenig bange ist Ihnen schon?
Es ist eine Herausforderung. Aber ich bin ja nicht allein. Es gibt ein großes, wirklich unglaublich engagiertes Team aus Ehrenamtlichen und hauptberuflich Mitarbeitenden.

Man sagt Ihnen ein großes Pflichtgefühl nach. Können Sie nicht Nein sagen?
Ich kann durchaus Nein sagen. Das mache ich auch oft. Aber gewisse Aufgaben wie eben diese Präsidentschaft reizen mich sehr. Ich bringe mich gerne ein und gestalte mit.

In einem Interview haben Sie gesagt, Frauen unterschätzten sich häufig. Gilt das auch für Sie?
Die Erfahrung, dass Frauen sich unterschätzen, kenne ich aus meinem beruflichen Kontext. Von mir würde ich sagen, dass ich mich jedenfalls nicht überschätze. Überschätzung und sehr große Selbstgewissheit führen gerne auch zu Selbstgerechtigkeit. Und das ist für mich ein schwer zu ertragender Zustand.

Ist es ein Vor- oder Nachteil, Zweifel zu haben?
Ich denke, jeder Mensch sollte immer wieder auch zweifeln dürfen, niemand ist perfekt oder für alles gleichermaßen geeignet. Von Aristoteles stammt sinngemäß der Satz: „Wer recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben.“ In diesem Sinne gehört Zweifel immer auch zu einem guten Diskurs, der zunächst den Sachverhalt und die Umstände vollständig erfasst und erst dann zu Entscheidungen führt. Diese Art Zweifel steht jedem gut zu Gesicht.

Sind Ihnen da die zweifelnden Christen, die ihrer Kirche treu sind oder zu ihr zurückkommen, lieber als jene, die aus Gewohnheit oder weil es selbstverständlich ist, bei ihr bleiben?
Ich sehe darin keinen Gegensatz. Auch Menschen, die etwas wie selbstverständlich und aus Gewohnheit oder Tradition tun, kennen Zweifel. Es ist für mich entscheidend, Zweifel und kritische Fragen zuzulassen, ernst zu nehmen und gemeinsam nach Antworten zu suchen.

Gerade fand in Frankfurt der Auftakt zum Synodalen Weg der katholischen Kirche statt. Frauen fordern dort mehr Mitsprache und Macht. Braucht die Kirche, auch die protestantische, eine Frauenquote in Führungspositionen, so wie Sie sie für die Wirtschaft fordern?
Eine Quote kann immer nur das letzte Mittel sein. Schon seit 1989 besteht in der EKD das Ziel von 40 Prozent Frauen in allen Leitungsämtern. In bestimmten Gremien ist das mühsam erkämpfter Standard. Das Verhältnis von Bischöfinnen und Bischöfen ist weit entfernt von der Zielmarke. Beim Evangelischen Kirchentag wechseln sich seit vielen Jahren Männer und Frauen in der Präsidentschaft ab. Das ist das Ergebnis eines auch darauf achtenden Prozesses. Seit Mitte der 1990er Jahre leiten Generalsekretärinnen den Kirchentag, auch in unseren Gremien ist das gleichberechtigte Miteinander schon weit vorangeschritten. Für den dritten ökumenischen Kirchentag haben wir für Podien und für die Vorbereitungsgremien eine 40-Prozent-Regel verbindlich beschlossen und empfehlen 50 Prozent.

Der ökumenische Kirchentag in München hat 26 Millionen Euro gekostet, Frankfurt soll bis zu 30 Millionen Euro kosten dürfen. Ist das nicht zu viel Geld, um mal ein schönes kirchliches Fest zu feiern?
Nein, das finde ich gar nicht. Es geht ja nicht um eine Party für Kirchenmitglieder. Wir laden Menschen aller Kulturen und Glaubenshaltungen ein, mitzuwirken und teilzunehmen. Wir thematisieren Fragen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, wie etwa die Bewahrung der Schöpfung, die Verantwortung von Banken und Wirtschaftsunternehmen oder Fragen nach einem gelingenden Zusammenleben durch Generationendialog, Geschlechtergerechtigkeit und interkulturellem Austausch. Wir werden Verantwortliche aus Politik und Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft und den Kirchen einladen, in einen Dialog zu diesen Themen zu treten. Das ist einzigartig und wirkt lange über den Kirchentag hinaus. Alle Frankfurterinnen und Frankfurter sind herzlich eingeladen, sich an diesem Großereignis zu beteiligen.

Interview: Peter Hanack

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