Christopher Bausch, geboren in Kronberg, ist seit 2004 Kinobetreiber in Aschaffenburg. 2016 hat er die beiden Frankfurter Programmkinos „Cinema“ und „Harmonie“ übernommen und modernisiert.
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Christopher Bausch, geboren in Kronberg, ist seit 2004 Kinobetreiber in Aschaffenburg. 2016 hat er die beiden Frankfurter Programmkinos „Cinema“ und „Harmonie“ übernommen und modernisiert.

Kino

„Es ist eine willkürliche Entscheidung“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Kinobetreiber Christopher Bausch ist wütend auf die Politik, weil sie Gottesdienste zulässt und Lichtspielhäuser schließt. Im Interview fordert er die hessische Regierung zum Umdenken auf.

Herr Bausch, Sie haben Ihre persönliche Leidenschaft für den Film schon recht früh auch in eine Profession umgewandelt. Wie alt waren Sie, als Sie ihr erstes Kino eröffneten?

Mein erstes Kino war das „Casino“ in Aschaffenburg, das habe ich vor 16 Jahren eröffnet, da war ich 24 Jahre alt. Das war ein altes Haus aus der Nachkriegszeit, das wir zu einem modernen Kino umgebaut haben.

Dazu brauchte es Mut.

Dazu brauchte es Mut, sicherlich. Aber vor allem mussten wir den Oberbürgermeister und alle Stadtrats-Fraktionen von Aschaffenburg von unserem Unternehmenskonzept überzeugen. Wir mussten nämlich damals einen städtischen Bebauungsplan kippen, der eine andere Nutzung vorsah, und das ist uns gelungen.

Seit Mitte März mussten Sie ihre Kinos in Frankfurt und Aschaffenburg zunächst ganz schließen, dann konnten Sie im Sommer nur unter großen Einschränkungen wieder öffnen. Was macht das mit einem leidenschaftlichen Kino-Menschen wie Ihnen?

Für mich persönlich war das ein Einschnitt, sehr bitter. Ich glaube an das Kino als einen individuellen Ort. Jedes Kino hat seine eigene Atmosphäre, die man gestalten muss, und seine eigenen Gäste, von denen es lebt. All das können wir gerade nicht gestalten. Wir können nur abspielen. Das tut wahnsinnig weh. Wir wurschteln nur rum.

Ihre Kinos in Frankfurt sind das Cinema am Roßmarkt und die Harmonie am Lokalbahnhof. Wie haben Sie die erste Schließung im März erlebt?

Was mich überrascht hat, war die Reaktion unseres Publikums damals. Die Menschen haben uns Mut zugesprochen. Wir bekamen viele Briefe und E-Mails. Die Leute schrieben: Haltet durch, wir wissen nicht, was wir ohne euch machen sollen. Als wir am 2. Juli wieder geöffnet haben, konnten wir nur 20 bis 25 Prozent unserer Sitzplätze anbieten wegen der unsinnigen Abstandsregel von 1,50 Metern, die nur in Hessen gilt.

Und jetzt müssen Sie die Häuser zum zweiten Mal schließen.

Das macht mich wütend. Es ist eine willkürliche Entscheidung. Wieso gibt es weiter Gottesdienste, in denen sich nachweislich schon viele Menschen angesteckt haben, und wieso müssen die Kinos schließen, in denen die Ansteckungsgefahr gleich null ist? Ich glaube, die Politik weiß ganz genau, dass sie in der Kultur auf den geringsten Widerstand trifft. Die Kulturlandschaft ist leider sehr zerklüftet und spricht mit vielen Stimmen.

Wieso genießt Kino einen so geringen Stellenwert?

Ich will den politischen Entscheidern eines zugute halten: Sie stehen so unter Druck, dass sie sich mit der Kinobranche überhaupt nicht beschäftigen können. In der Kinobranche ist es aber anders als in der Gastronomie. Der Gastronom schließt sein Restaurant zu und macht es wieder auf. Der Kinobetreiber aber ist Teil einer Verwertungskette. Hinter dem Kino als Abspielort steht eine ganze Industrie, stehen Verleihfirmen, die uns mit Filmen versorgen. Diese ganze Kette wird jetzt wieder massiv unterbrochen. Welcher Verleih legt sich schon Filme auf Halde, um sie vielleicht im Dezember dann abspielen zu können? Wir wissen ja gar nicht, ob wir im Dezember wieder öffnen können.

Sie sind immer noch wütend.

Ich war sehr geknickt, als die Nachricht von der Schließung kam. Und als ich dann das mit den Gottesdiensten erfahren habe, hat mir das den Rest gegeben. Die Politik macht genau das Falsche: Sie schließt Theater und Kinos, die sicher sind, und schickt die Leute nach Hause, wo sie sich bei privaten Feiern anstecken werden. Es ist natürlich gut, dass die Politik uns verspricht, 75 Prozent unserer Ausfälle zu ersetzen. Aber mir kommt das so vor, als ob man sagt: Haltet die Klappe und dafür werdet ihr bezahlt.

Werden jetzt Kinos aufgeben müssen?

Wenn wir in vier Wochen wieder aufmachen und dann gelten immer noch die gleichen Abstandsregeln, dann gehen wir vor die Hunde. Die Politik muss die Zeit jetzt nutzen, um die Corona-Regeln zu überarbeiten. In Hessen muss die unsinnige Abstandsregel von 1,50 Metern fallen, damit wir danach wenigstens eine schwarze Null schreiben können.

Werden Kinobesucher durch den zweiten Lockdown endgültig abwandern zu den Streamingdiensten, zu Netflix und Amazon?

Nein, das glaube ich nicht. Streaming und Kino sind zwei unterschiedliche Daseinsformen. Auch die jungen Menschen hängen am Kino. Die Menschen werden wieder ins Kino zurückkehren, wenn sie es denn eines Tages dürfen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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