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Kinderschutz in Frankfurt: „Der Bedarf an Vormündern für Geflüchtete ist groß“

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Von: Steven Micksch

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Anja Sommer leitet beim Kinderschutzbund Frankfurt das Angebot der ehrenamtlichen Einzelvormundschaften.
Anja Sommer leitet beim Kinderschutzbund Frankfurt das Angebot der ehrenamtlichen Einzelvormundschaften. © Renate Hoyer

Anja Sommer vom Frankfurter Kinderschutzbund spricht im Interview über ein spezielles ehrenamtliches Engagement.

Frau Sommer, wie hoch ist zurzeit der Bedarf an ehrenamtlichen Einzelvormündern?

Wir merken, dass seit der Machtübernahme der Taliban die Einreisezahlen von minderjährigen Geflüchteten extrem steigen. Das Frankfurter Jugendamt hat im September so viele geflüchtete junge Menschen in Obhut genommen wie noch nie seit 2016. Zwar bleiben sie nicht alle in Frankfurt, sondern werden verteilt, aber der Bedarf an Vormündern ist trotzdem entsprechend groß.

Wie hoch würden Sie den Bedarf beziffern?

Wir wollen für unsere nächste Schulung, die im November startet, gerne wieder 20 Freiwillige zusammenhaben. Wir haben immer zwei Schulungsdurchläufe pro Jahr mit je 15 bis 20 neuen Einzelvormündern. Damit haben wir bisher es immer gut hingekriegt, dass wir die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten gut versorgt haben. Wenn wir keine Vormünder mehr haben, geht die Vormundschaft an das Jugendamt.

Welche Schritte durchlaufen die Freiwilligen auf dem Weg zum Vormund?

Zunächst gibt es eine Infoveranstaltung, dort besteht die Möglichkeit, Kontakt mit uns aufzunehmen, und wir berichten, was auf die zukünftigen Vormünder zukommt. Wenn sie dann noch interessiert sind, können sie telefonisch oder per E-Mail mit uns in Kontakt treten. Wir schicken dann Hintergrundmaterialien und einen Bewerbungsbogen zu.

Was passiert, wenn man den ausgefüllt und zurückgeschickt hat?

Dann laden wir jeden Interessenten zu einem Einzelgespräch ein und fühlen ihnen sozusagen auf den Zahn. Was die Motivation ist, was sie so mitbringen und wer sie sind. Aber natürlich können auch die Interessenten ihre Fragen stellen. Wenn am Ende des Gesprächs beide Seiten immer noch interessiert sind, dann folgt als Nächstes die Schulung. Dort gibt es vier Basismodule, wo es um die Grundlagen geht. Dann teilt es sich in zwei zusätzliche Module auf. Zum einen für Vormünder, die gern ein geflüchtetes Mündel übernehmen möchten, und zum anderen für Vormünder, die gern die Vormundschaft für ein Kind aus einer dysfunktionalen Frankfurter Familie übernehmen möchten.

Wie lange dauert so eine Schulung?

Wir terminieren es so, dass es sich nicht ewig hinzieht. Die Menschen, die beispielsweise im November beginnen, wären etwa im März fertig.

Was passiert nach der Schulung? Ist man mit seinem Mündel auf sich allein gestellt?

Nein, natürlich nicht. Wir bleiben beratend und begleitend an der Seite des Tandems. Meine Kollegin ist Diplompädagogin und Fachberaterin für Psychotraumatologie und ich bin Juristin. Wir decken also viele Themen ab. Dazu kommt noch ein großes Netzwerk von Kooperationspartnern, an die wir verweisen können. Es gibt auch regelmäßige Gruppenabende und eine Möglichkeit der Supervision.

Wann endet die Vormundschaft in der Regel?

Die Vormundschaft endet mit der Volljährigkeit des Mündels, also wenn es 18 Jahre wird. Das Besondere an unseren Einzelvormündern ist aber sicherlich, dass damit nicht automatisch die Beziehung endet. Wir haben viele, die weiterhin in Kontakt bleiben und die Bindung aufrechterhalten.

Was sind weitere Besonderheiten dieses Ehrenamts?

Ich würde schon sagen, dass es kein Ehrenamt wie jedes andere ist. Man übernimmt eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und hat eine sehr wichtige Funktion. Wir haben ganz häufig Menschen, die es aus ihrem Alltag und aus dem Beruf gewöhnt sind, Verantwortung zu übernehmen. Unsere Vormünder haben eine Altersspanne von Anfang 30 bis Anfang 70, und das Gros sind wirklich Menschen, die noch im Berufsleben stehen.

Interview: Steven Micksch

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