Jubiläum

„Waisenkinder in Tansania sind wie Freiwild“

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
    schließen

Der Frankfurter Verein Streetkids International setzt sich für Waisenkindern in Tansania ein, schenkt ihnen ein zu Hause, schafft Perspektiven. Und das schon seit 20 Jahren.

Als Waisenkind in Tansania ist man wie Freiwild. Wenn die Eltern tot sind, passt oft keiner mehr auf die Kinder auf und die Bevölkerung denkt, dass sie keine Rechte haben. Diesen Kindern geben wir ein Zuhause“, sagt Daniel Preuß. Im November 2000 hat der IT-Manager die Kinderhilfsorganisation Streetkids International e. V. gegründet – nun feiert der gemeinnützige Verein, der seinen Sitz im Gallus hat, 20-jähriges Bestehen. Seitdem setzen sich Preuß und sein Team für Kinder und Jugendliche in Tansania ein. Streetkids schenkt Waisenkindern aus dem ostafrikanischen Land ein betreutes Zuhause, ermöglicht Bildung und gibt ihnen berufliche Perspektiven.

Seine Leidenschaft für Afrika entwickelte Daniel Preuß auf einer mehrere Monate dauernden Reise über den Kontinent. Auf der letzten Station der Reise, in Sansibar, kaufte er spontan ein Beach-Resort. Zwei Jahre lang betrieb er das Resort, lernte Swahili und die Kultur des Landes kennen. Er ging zurück nach Deutschland – bis ihn auf einer Urlaubsreise in Tansania eine einheimische Sozialarbeiterin auf einer Cocktailparty fragte, ob er sich nicht vorstellen könne zu helfen. „Bis dahin hatte ich eine eher ablehnende Haltung gegen die Menschen und Organisationen vor Ort – wegen der Korruption“, sagt Preuß rückblickend. Doch als die Sozialarbeiterin ihm ihr Aids-Projekt zeigte, hatte das einen „starken Impact“ auf Preuß. Er entschloss sich zu helfen und gründete seinen eigenen Verein - Streetkids International.

Seit 2007 besitzt Streetkids zwei Grundstücke auf einem Areal in Mwandege, in der Nähe des Regierungssitzes Dar es Salam. Aus Sicherheitsgründen seien die zwei Grundstücke eingemauert, zudem würden sie von vier Wachleuten, die dem Stamm der Massai angehören, bewacht, sagt Preuß. Für Jungs gibt es zwei Waisenhäuser, für Mädchen ein großes, in dem vierten leben kleinere Kinder beider Geschlechter zusammen. Außerdem gibt es einen Montessori-Kindergarten, eine Grundschule, eine weiterführende Schule und Ausbildungswerkstätten, in denen die Kinder die Möglichkeit bekommen, eine Ausbildung zum Schreiner oder zur Schneiderin zu machen, erzählt Preuß. Momentan lebten rund 80 Kinder auf dem Gelände, hinzu kämen 20 bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – alles Einheimische.

Verein hat seinen Sitz im Frankfurter Gallus

Seinen Sitz hat der Verein im Frankfurter Gallus, das kleine Team dort besteht aus ehrenamtlich Tätigen, die von Praktikant:innen und Studierenden unterstützt werden. In den vergangenen 20 Jahren habe der gemeinnützige Verein über 1,3 Millionen Euro investiert. Über 2000 Kindern sei ein Schulabschluss ermöglicht worden, zudem seien circa 100 Arbeitsplätze geschaffen worden. „Wenn ich sehe, dass ehemalige Waisenkinder heute zum Teil in unseren Einrichtungen arbeiten, hat sich die Arbeit auf jeden Fall ausgezahlt“, sagt Preuß.

Viele der Kinder haben bereits in jungen Jahren viel Leid gesehen, häufig sind die Eltern an Aids, Tuberkulose oder Gelbfieber gestorben. Wenn es keine Angehörigen gibt oder die Angehörigen, die noch bleiben, zu arm sind, um für die Kinder zu sorgen, bietet Streetkids eine Zuflucht. Die Kinder werden unabhängig von ihrer Konfession aufgenommen, sagt Preuß. „Wir bringen ihnen übergeordnete Werte bei, beispielsweise Gewaltverbot.“

Wegen der Corona-Pandemie war Preuß selbst das letzte Mal im Februar dieses Jahr vor Ort. „Wir haben natürlich Vorkehrungen getroffen,“ sagt der 57-Jährige. „Weil die Lehrkräfte zum Teil Angst hatten, mit den häufig überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, mussten wir zwischenzeitlich auf Personal aus der näheren Umgebung zurückgreifen.“ Infektionsfälle habe es in seinen Einrichtungen bisher keine gegeben. Bereits vor Ausbruch des Virus seien Hygiene und Schutz vor Krankheiten ein zentrales Thema für die Waisenhäuser gewesen. „Wir sorgen für sauberes Trinkwasser und verankern westliche Hygienestandards in der Routine der Kinder“, so Preuß. Die Organisation orientiert sich an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen.

In Zukunft will Preuß die Bildungstätigkeit seiner Organisation horizontal ausbauen. Deshalb werden künftig keine Waisenhäuser mehr gebaut; stattdessen sollen Familien Unterstützung in Form von Lebensmitteln und Schulmaterial bekommen. So können bedürftige Kinder in ihrer gewohnten sozialen Umgebung bleiben. Geschulte Sozialarbeiter:innen sollen die Sachspenden koordinieren und sicherstellen, dass diese auch bei den Kindern ankommen.

Wer helfen möchte , kann eine Patenschaft für ein Kind oder die Ausbildung eines Jugendlichen übernehmen oder Geld für die verschiedenen Projekte spenden. Mehr Infos unter www.helfensie.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare