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Schülerbetreuung am Nachmittag ist mehr als nur Unterrricht: Hier ein Fussballturnier der Horteinrichtungen und Spielstuben in der Hochtaununshalle.

Grundschulkinder

Probleme bei Kinderbetreuung in Frankfurt und Rhein-Main

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Hier fehlen die Plätze, dort das Personal: Wer in Frankfurt auf Betreuungsmöglichkeiten für Grundschüler angewiesen ist, hat schlechte Karten.

Am 13. August wird Ágnes Horváths Tochter in die Frankfurter Elsa-Brandström-Schule eingeschult. Genau 18 Monate vor diesem Termin hat sich Horváth an den Rechner gesetzt und ihr Kind im Vermittlungsportal Kindernet in mehreren Einrichtungen im Westend für einen Hortplatz vormerken lassen. Früher geht das gar nicht.

Seit Februar werden die Plätze für den Sommer verteilt, bisher ging Horváth leer aus. Und das bringt sie zur Verzweiflung. „Ich kann meinem Chef gerade nicht sagen, ob ich nach der Einschulung arbeiten kann“, sagt sie. Doch sie sei auf eine Arbeitsstelle angewiesen. „Es ist haarsträubend, wie das mit den Hortplätzen läuft.“

Regelmäßig hat sie die Einrichtungen abgeklappert und dort vorgesprochen. „Viele sind schon mit Geschwisterkindern voll“, sagt Horváth. Es sei ja in Ordnung, dass Geschwisterkinder und Alleinerziehende bei der Aufnahme bevorzugt würden. „Aber es ist für mich keine Option, nicht zu arbeiten.“

Agnes Horváth ist nicht die Einzige, die in Frankfurt händeringend nach einer Betreuung für ihr Grundschulkind sucht. In Alt-Eschersheim, Kalbach, Nied, Rödelheim gründen sich Elterninitiativen, die Alarm schlagen. „Und im ganzen Frankfurter Westen ist der Bedarf für eine Schulkindbetreuung hoch“, sagt Nicole Möhrmann, Referentin von Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD). „Doch das Problem ist, Räume und Fachpersonal zu finden.“

Es ist schwierig in der wachsenden Stadt, an Liegenschaften, zu kommen. Es gibt schließlich auch immer andere Interessenten, etwa für den Wohnungsbau. Eine Arbeitsgruppe im Stadtschulamt sucht ständig nach geeigneten Gebäuden. „Wir sind auch immer im Austausch mit den Kinderbeauftragten und Ortsbeiräten“, sagt Möhrmann. „Sie sind die Experten vor Ort.“ Wenn etwa ein Ladenlokal frei werde, wüssten es die Menschen dort zuerst. „Dort kann man dann vielleicht eine Kita unterbringen.“ Auch über „jede Elterninitiative sind wir froh“, sagt Möhrmann. Die Eltern in Alt-Eschersheim wollen einen Schülerladen aufmachen. „Sie waren in der Neugründerberatung beim Stadtschulamt, und wir sehen, was realisierbar ist. In der wachsenden Stadt sind wir täglich gefordert, neue Ideen zu entwickeln.“

Unter Webers Vorgängerin Sarah Sorge (Grüne) hat es keinen Ausbau der Horte mehr gegeben. Grundschulen sollten als Ganztagsschulen ausgebaut werden, doch das geht nicht schnell genug. Zwar ist auch nach Webers Amtsantritt 2016 weiterhin Ziel für die Stadt: „Wir wollen die Schulen unterstützen, dass sie ganztägig arbeiten können“, sagt Möhrmann. Aber es dürfen nun wieder Horte eröffnet werden. „Das macht die Stadt flexibler, wir haben mehr Optionen“, sagt Möhrmann. 184 Hortplätze wurden seitdem geschaffen, 1169 Betreuungsplätze an Schulen. Doch auch das reicht nicht, um den Bedarf zu decken.

In Frankfurt gibt es eine Vielfalt an Betreuungsformen für Grundschüler. Da sind die Horte, in denen die Kinder nach dem Unterricht betreut werden. Es gibt an den Schulen aber auch Übermittagsbetreuung, die Erweiterte Schulische Betreuung, den Pakt für den Nachmittag und Ganztagsschulmodelle. Zum Teil wird die Betreuung am Nachmittag dabei von freien Trägern und der Stadt übernommen, zum Teil vom Land. Ein Gesamtkonzept für den Ganztag wird in Frankfurt derzeit in einem Beteiligungsprozess erarbeitet, bestehende Landes- und Kommunalprogramme für Grundschulen sollen sinnvoll zusammengeführt werden. „Dadurch soll vernetztes Arbeiten möglich werden“, sagt Möhrmann, „alle sollen voneinander profitieren können.“ Eine höhere Übersichtlichkeit und Transparenz für die Eltern soll dabei auch herauskommen.

Strukturell sollen so auch die Voraussetzungen für den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Grundschüler geschaffen werden. Den gibt es schon für Krippen- und Kindergartenkinder, für Grundschulkinder hat ihn die große Koalition langfristig versprochen. „Das haben wir im Blick, damit wir nicht überrascht werden, wenn er dann kommt.“

So ist man dabei, die Erweiterten Schulischen Betreuungen auszubauen, Hortplätze aufzustocken. 73 dieser Erweiterten Schulischen Betreuungen gibt es inzwischen – das bedeutet, dass fast jede Grundschule eine hat. Aber das ist alles noch zu wenig.

Ágnes Horváth versteht das nicht. „Die müssen doch bei der Stadt wissen, wie viele Kinder da sind“, sagt sie. „Statistik ist doch keine geheime Wissenschaft.“ Doch für Möhrmann ist das nicht ganz so einfach. „Es gibt bei den Zahlen so viele Unwägbarkeiten“, sagt sie. Kann-Kinder, Zuzüge, Nachverdichtungen, durch die etwa „ein Zehnfamilienhaus entsteht und plötzlich 20 Kinder da einziehen“, sagt Möhrmann. „Das geht manchmal ganz schnell.“

Und so schnell Plätze zu schaffen, ist für die Stadt nicht einfach. Selbst wenn eine Liegenschaft gefunden ist, kann ein Hort nicht über Nacht eröffnet werden. Baugenehmigungen für eventuelle Umbauten, Brandschutz, Betriebserlaubnis – „es ist ganz schwierig in sechs Wochen auf fehlende Plätze zu reagieren“, sagt Möhrmann. Aber man habe die Zahlen im Blick, und die Plätze würden laufend ausgebaut.

Manchmal gibt es aber auch die Plätze, doch es fehlen die Fachkräfte. Wie in Nied. Die Kita St. Lioba könnte eigentlich ausgebaut werden, doch es ist kein Personal zu finden. Um Fachkräfte für Frankfurt zu gewinnen, will die Stadt eine Koordinierungsstelle schaffen. Eine Werbekampagne soll noch in diesem Jahr anlaufen. Zudem soll die Tagespflege ausgebaut werden. Bisher werden 153 Grundschülerinnen und -schüler von Tagesmüttern oder Tagesvätern betreut. „Dafür wollen wir mehr Personen gewinnen“, sagt Möhrmann. „Denn eine Tagespflege ist kurzfristig einsetzbar, die können wir sofort anbieten.“

Wie viele Kinder bei ihrer Einschulung ohne Hortplatz dastehen werden, kann noch niemand sagen. „Das Vergabeverfahren läuft noch“, sagt Möhrmann. „Da ist noch ganz viel Bewegung drin.“ Und es werde ja auch derzeit viel ausgebaut. Das alles tröstet Ágnes Horváth nicht, Planungssicherheit sieht für sie anders aus. Sie denkt über Alternativen nach. Mit dem Laptop von daheim arbeiten etwa. „Aber das ist eigentlich keine Lösung“, sagt sie. Denn wirklich betreuen könne sie die Tochter auch nicht, wenn sie vor dem Rechner sitze. Horváth wird also weiter hoffen und Einrichtungen abklappern. „Bei einer stehen wir weit oben auf der Liste. Es müssen nur noch zwei Kinder wegziehen.“

Viele Betreuungsformen für Kinder in Frankfurt

9758 Kinder werden derzeit in Frankfurt in Horten betreut. 6438 Kinder nehmen Betreuungsangebote an den Schulen wahr. 153 Grundschülerinnen und Grundschüler sind in der Tagespflege.

Es gibt eine Vielfalt an Betreuungsformen in Frankfurt. Die Übermittagbetreuung wird im Anschluss an den Unterricht von freien Trägern, aber auch von den Fördervereinen der Schulen bis 14 Uhr organisiert.

In der Erweiterten Schulischen Betreuung (ESB) der Stadt können Grundschüler nach dem Unterricht bis 15 oder 17 Uhr bleiben. Kita Frankfurt oder freie Träger übernehmen die Betreuung. Der Schwerpunkt liegt auf Arbeitsgemeinschaften. 73 Frankfurter Grundschulen haben eine ESB – das sind fast alle.

In der offenen Frankfurter Ganztagsschule (OFG) werden Kinder von 7.30 bis 17 Uhr an der Schule betreut. Der Schwerpunkt liegt auf offenen Betreuungsangeboten. Viele OFG sind schon in eine ESB umgewandelt worden.

Beim Pakt für den Nachmittag gibt es eine Betreuung der Kinder von 7.30 Uhr bis 17 Uhr in der Grundschule. Das Land stellt von 7.30 bis 14.30 Uhr die Lehrer, danach übernimmt die Stadt. Es gibt AGs und offene Angebote. Jedes Kind bekommt an seiner Schule einen Platz in der Betreuung. In Frankfurt nehmen 16 Grundschulen am Pakt teil. Im nächsten Schuljahr kommen drei hinzu: die Grundschule Europaviertel, die neue Grundschule Riedberg 3, die Merianschule.

Zudem gibt es Horte, in denen Kinder nach dem Unterricht außerhalb der Schule betreut werden. Betreiber sind Stadt oder freie Träger.

Mit drei Profilen unterscheidet das Kultusministerium seine drei Ganztagsmodelle. Profil 1: an mindestens drei Tagen Hausaufgabenbetreuung oder AGs bis 14.30 Uhr. Schulen im Profil 2: Ganztagsangebot an fünf Tagen, Montag bis Donnerstag bis 16 oder 17 Uhr, Freitag bis 14 Uhr. Die Teilnahme an den Angeboten im Profil 1 und 2 ist für die Schüler freiwillig. Profil 3: Betreuung an fünf Tagen bis 16 oder 17 Uhr. Die Teilnahme ist für die Schüler ganz oder teilweise verpflichtend, da auch am Nachmittag Unterricht stattfindet.

Grundschulkinder-Betreuung in Offenbach: Vorgabe wird nicht erfüllt

In Offenbach stehen Grundschulkindern sowohl Plätze im Hort wie auch in Ganztagsklassen zur Verfügung. Das sind geschlossene Klassenverbände, die in Kooperation zwischen der Schule und dem Eigenbetrieb Kindertagesstätten Offenbach (EKO) ein ganztägiges Bildungsangebot bereitstellen. Das klassische Hortangebot steht dagegen Mädchen und Jungen klassen- oder auch schulübergreifend offen.

Nach Angaben der städtischen Pressestelle gibt es in Offenbach 1480 Hortplätze, darin enthalten sind 825 Plätze der Ganztagsklassen an vier Schulen und 240 Hortplätze freier oder kirchlicher Träger. Damit wird die Vorgabe, für 35 Prozent der Grundschüler einen Hortplatz zur Verfügung zu stellen, weit unterschritten.

Laut dem aktuellen Bildungsbericht gibt es im laufenden Schuljahr 5216 Grundschüler. Für sie müsste es 1825 Hortplätze geben. Den Angaben nach stehen 1480 zur Verfügung, es fehlen also 345 Plätze. Tatsächlich ist der Bedarf aber wesentlich höher. Eine Befragung von Eltern der Grundschulkinder zum Betreuungsbedarf für dieses Schuljahr ergab: Fast zwei Drittel der Befragten sagten, sie benötigten eine Nachmittagsbetreuung für ihre Kinder.

Wie Stadtsprecherin Kerstin Holzheimer mitteilte, lässt sich erst dann über die Versorgung der Schulkinder verlässlich Auskunft geben, wenn Eltern die Plätze wegen des Wechsels auf weiterführend Schulen kündigen. In der Vergangenheit habe es Wartelisten in der Innenstadt gegeben.

Aktuell seien in zwei Kitas Plätze frei. Weil der EKO an der Beethovenschule neben den Ganztagsklassen übergangsweise drei Hortgruppen anbietet, konnten Holzheimer zufolge in umliegenden Einrichtungen mit Hortangeboten nicht alle Plätze belegt werden. Nach ihren Angaben werden insgesamt 2962 Kinder auf offiziellen Betreuungsplätzen nachmittags versorgt. (ags)

Darmstadt: Gute Versorgungsquote für Kinder

Alle Darmstädter Grundschulen haben eine Schulkindbetreuung. Viele Grundschulen sind laut aktuellem Bildungsbericht darüber hinaus ganztägig arbeitende Schulen oder im Pakt für den Nachmittag. Hinzu kommen 19 städtische Hortangebote unter Verantwortung des Jugendamtes. Derzeit stehen somit für circa 5360 Schüler rund 2300 Plätze im Bereich Schulkindbetreuung/Pakt für den Nachmittag und rund 1200 Hortplätze zur Verfügung. Zusammen ergibt dies laut Bericht im aktuellen Schuljahr eine Versorgungsquote von 65,3 Prozent. Wie viele Plätze im kommenden Schuljahr fehlen werden, ist derzeit noch unklar. Erst in der zweiten Maiwoche erhalten Eltern die Zusagen bezüglich eines Platzes und erst dann könnten Zahlen zur Versorgung genannt werden, ließ die städtische Pressestelle wissen. Insgesamt sei die Abdeckung in Darmstadt aber sehr hoch. Auch sollen im Schuljahr 2019/2020 voraussichtlich drei weitere Grundschulen dem Pakt für den Nachmittag beitreten. Dann würden 40 Prozent der Gesamtkapazitäten über den Pakt für den Nachmittag abgebildet. Darmstadt war 2015/2016 einer der sechs Pilot-Schulträger in Hessen für den Pakt. Der Pakt für den Nachmittag ist ein freiwilliges Angebot, welches aber nach Anmeldung des Kindes verbindlich ist. Man kann bei Schulen in städtischer Trägerschaft zwischen dem für die Eltern kostenlosen Modul bis 14.30 Uhr und dem beitragspflichtigen Modul bis 17 Uhr wählen. Auch die Hortbetreuung geht bis 17 Uhr.

Auf der aktuellen Webseite kinderbetreuung.darmstadt.de/elternportal.jsf kann online ein Betreuungsplatz gesucht werden. Aktuell werden dort für das laufende Schuljahr noch freie Plätze angezeigt. (cka)

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