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Lehrerin Kathrin Kappes mit ihrer Klasse. Vier Jahrgänge lernen hier mit- und voneinander. 

Ländlicher Raum

13 Kinder müssen es sein

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In Kerbersdorf ist die Schule der Dreh- und Angelpunkt des Ortes. Zieht aber auch nur eine Familie weg von hier, könnte es eng werden für den Schulstandort.

An der Tür steht „Klassenraum“. Das genügt. Es gibt ja nur diesen einen.

Wir sind zu Besuch in der Grundschule von Kerbersdorf im östlichen Main-Kinzig-Kreis. Vier Jahrgänge lernen hier gemeinsam in einem Klassenzimmer, neun Jungen, elf Mädchen. Leni, die Jüngste, ist sechs Jahre alt, Maxim, der Älteste, elf. Ihre Lehrerin heißt Frau Kappes und mit Vornamen Kathrin und unterrichtet seit mittlerweile fünf Jahren den hiesigen Nachwuchs.

Es ist ein kleines Wunder, dass es diese Zwergschule noch gibt. Die Kerbersdorfer, allen voran die Kerbersdorferinnen, haben hart dafür gekämpft.

Ina Balter ist Elternbeiratsvorsitzende. Ihr Vater und ihr Mann stammen aus dem Dorf, sie ist aus dem nahen Bad Soden hierher gezogen. Ihrer Familie gehören Anteile am 106 Jahre alten Backhaus, das die Kerbersdorfer vor einiger Zeit gemeinsam renoviert haben. „Wir sind hier verwurzelt“, sagt sie. Als es 2012 hieß, die Schule solle geschlossen werden, war es keine Frage, dass sie mit für deren Erhalt stritt.

Nicole Dümpelmann hat als Vorsitzende des Schulfördervereins für den Erhalt gekämpft.

„Wenn meine Tochter morgens in die erste Stunde muss, dann sind da ganz schnell zehn, elf Kinder zusammen, die gemeinsam laufen“, erzählt Balter. Mittags spielen die Jungen und Mädchen auf der Straße, Erstklässler verabreden sich mit Viertklässlern auf dem Spielplatz, und wenn die Turmuhr auf dem Schuldach um 18 Uhr läutet, heißt es nach Hause gehen zum Abendessen. „So ist das bei uns auf dem Dorf“, sagt Balter und lacht. Das Türmchen für die historische Schulglocke hatte eine Gruppe von Rentnern 2003 auf das Dach gezimmert. Den Wetterhahn ganz obenauf haben die Kinder gestaltet.

Der Zusammenhalt, die gegenseitige Rücksichtnahme, das sei schon etwas Besonderes. Gerade auch unter den Kindern. „Als wir 2003 aus Bad Vilbel hierher gezogen sind, haben wir ganz schnell Anschluss gefunden“, erzählt Nicole Dümpelmann. Sie sind beim Sankt-Martins-Zug mitgelaufen, der am Feuer auf dem Schulhof endet, als ihr Sohn noch ganz klein war. Sie haben das Schulfest besucht, sich gemeinsam mit anderen Eltern am Streuobstwiesenprojekt beteiligt. Und Freunde gefunden.

Kerbersdorf hat etwa 460 Einwohner, die meisten davon katholisch, seit 1970 gehört der Ort zu Bad Soden-Salmünster. Es gibt einen Gastwirt, das Backhaus, keine Kirche. Aber eben die Schule. Sie ist Dreh- und Angelpunkt des Dorflebens, stiftet Gemeinschaft und festigt Strukturen. Nicole Dümpelmanns Sohn ist heute 16 und drückt schon lange nicht mehr in Kerbersdorf die Schulbank. Vorsitzende des Schulfördervereins ist Dümpelmann dennoch geblieben. 70 Mitglieder hat der, bei gerade mal 20 Grundschulkindern sei das doch eine ganze Menge, sagt sie.

Seit der Main-Kinzig-Kreis die Schule wie einige andere im eher dünn besiedelten Ostkreis zum Schuljahr 2013/2014 schließen wollte, gehört der Erhalt des Standorts zur Satzung des Fördervereins. Damals haben sie nicht locker gelassen, haben Unterschriften gesammelt, die Politiker eingeladen, sich „ihre“ Schule anzusehen, haben demonstriert, Flyer gedruckt und unzählige Gespräche geführt. Am Putz- und Flicktag haben sie das Schulgebäude renoviert, ein Benefizkonzert organisiert und Gutscheine für Arbeitsstunden geschrieben.

Zwergschulen

Einklassenschulen sind eine traditionelle Schulform vor allem für den ländlichen Raum. Zumeist haben sie nur eine Lehrkraft. Inzwischen sind sie aufgrund von Zusammenlegungen von Schulstandorten selten geworden.

Unterrichtet wird jahrgangsübergreifend. Was früher aus der Not geboren war, kann heute auch als reformpädagogisches Konzept umgesetzt werden. Vor allem die individuelle Förderung und das eigenständige Arbeit sowie die gegenseitige Unterstützung stehen dabei im Vordergrund. Frontalunterricht ist eher die Ausnahme.

„Kurze Beine, kurze Wege“ gilt als Grundsatz in der hessischen Schulpolitik. Grundschüler sollen keine allzu langen Schulwege haben. Deshalb sollen Standorte im ländlichen Raum möglichst erhalten bleiben.

173 der 1025 Grundschulen in Hessen (Schuljahr 2018/19) gelten als „klein“, das heißt sie hatten höchstens 80 Schülerinnen und Schüler. Die Zahl der „Zwergschulen“ mit ein oder höchstens zwei Klassen wird nicht erfasst.

Mindestens 13 Schülerinnen und Schüler braucht eine Schule, damit sie eine Lehrkraft zugewiesen bekommt. Liegt die Zahl dauerhaft darunter, weist das Kultusministerium bzw. das Staatliche Schulamt keine Lehrer mehr zu. Damit einher geht die Schließung des Standorts durch den jeweiligen Schulträger, also die Stadt oder den Landkreis. 

„Lasst die Schule im Dorf!“ lautete der Schlachtruf. Und die Kerbersdorfer hatten Erfolg. Der Kreistag nahm den Schließungsbeschluss zurück, es folgte eine Mediation und es gab eine Lösung: Kerbersdorf und das benachbarte Romsthal wurden zu einer Verbundschule zusammengelegt. Gemeinsame Schulleitung, gemeinsame Verwaltung bei weitgehender Eigenständigkeit.

Die beiden Schulen seien zusammengewachsen, ohne die Eigenheiten der einzelnen Standorte zu verlieren, heißt es in der Stellungnahme des Fördervereins zum Evaluationsbericht. Einmal die Woche steht gemeinsamer Sportunterricht auf dem Stundenplan, es gibt gemeinsame Projektwochen, Bundesjugendspiele und Ausflüge. Aber Sankt Martin wird noch immer in jedem Dorf für sich gefeiert.

Um vom Staatlichen Schulamt eine Lehrkraft zugewiesen zu bekommen, braucht es mindestens 13 Schülerinnen und Schüler. Die 20 Kinder in der Klasse von Frau Kappes scheinen da eine solide Grundlage für den Fortbestand. Doch der aktuelle vierte Jahrgang ist groß. Neun Jungen und Mädchen werden nächsten Sommer in die weiterführende Schule wechseln. Bleiben elf.

Ina Balter , Elternbeiratsvorsitzende, genießt die Verwurzelung ihrer Familie im Dorf. 

In Kerbersdorf sind sie optimistisch, die 13-Schüler-Hürde dennoch zu nehmen. „Drei oder vier Kinder werden wohl mindestens eingeschult“, sagt Dümpelmann. Doch so wie sie mit ihrer Familie aus Vilbel hierher gezogen ist, weil sie sich in der Stadt kein Haus mit Garten hätten leisten können, so könnte eine Kerbersdorfer Familie mit ihren Kindern gen Frankfurt ziehen, weil es dort die Arbeitsplätze gibt. Und dann?

Darüber wollen sie in Kerbersdorf erst gar nicht nachdenken. Immerhin gibt es ja da noch die Gestattungschüler. Zwei sind es zurzeit, die aus anderen Orten hierher in den Unterricht kommen, obwohl sie eigentlich anderen Grundschulen besuchen müssten. Die Eltern mögen das pädagogische Konzept. Das Schulamt muss das genehmigen. Warum sollten das nicht noch mehr werden? Schließlich könne das Schulamt ja auch Kinder aus Bad Soden oder anderen umliegenden Orten nach Kerbersdorf gehen lassen.

Jahrgangsübergreifenden Unterricht gibt es hier schon immer, anders wäre der Schulalltag auch gar nicht zu organisieren. Die Einklassenschule ist ein traditionelle Schulform im ländlichen Raum. Doch was aus der Not geboren ist, hat auch seinen Mehrwert. „Es ist eine ganz andere Arbeit“, sagt Lehrerin Kappes.

Die Zweit-, Dritt- und Viertklässler erhalten ihren eigenen Wochenplan für Deutsch und Mathematik mit individuellen Aufgaben für jedes Kind. Gearbeitet wird möglichst eigenständig, Kathrin Kappes bespricht mit jedem am Ende der Woche die Fortschritte, wo es hapert und was als nächstes kommt.

Im Sachunterricht arbeiten die Kinder häufig in altersgemischten Gruppen, die Älteren helfen den Jüngeren, jeder Erstklässler hat einen Viertklässler als Paten. „Man braucht viel Flexibilität, muss viel vorbereiten, im Unterricht ständig umschalten“, sagt Kappes. Sie kann und will es sich gar nicht mehr anders vorstellen. „Dabei habe ich mir das gar nicht ausgesucht“, sagt sie.

Seit 50 Jahren schon arbeitet die Grundschule in Kerbersdorf nach einem reformpädagogischen Ansatz, der an die sogenannte Jenaplan-Reformpädagogik von Peter Petersen angelehnt ist. Balter und Dümpelmann sind sich sicher, dass die gegenseitige Rücksichtnahme der Kinder, ihr auffällig gutes Sozialverhalten, gerade auch diesem Konzept geschuldet ist. Am Ende profitiert davon das ganze Dorf. „Wer hier zur Schule gegangen ist, der ist hier auch zu Hause“, sagt Nicole Dümpelmann.

Von Peter Hanack

Lehrer Marco Rill aus Obertshausen in Hessen wird als bester Lehrer Deutschlands ausgezeichnet.

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