Kinder mit Handycap: Eltern wünschen sich mehr Mitsprache

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention läuft im Bereich inklusive Bildung auch in Frankfurt schleppend
Etwas versteckt in den Kleingärten am Industriehof in Frankfurt liegt das Gut Hausen der Lebenshilfe. Auf dem Gelände finden sich unter anderem eine Krabbelstube und ein Naturkindergarten. Beide sind integrativ, leben also die Inklusion im bestmöglichen Sinne vor. In der Krabbelstube gibt es breite Flure, der Großteil ist ebenerdig, es gibt eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln für Kinder mit einer Behinderung.
30 Kinder besuchen momentan die Einrichtung, sechs davon haben eine Beeinträchtigung. Das ist ungewöhnlich, manche Einrichtungen in Frankfurt haben nicht mal ein beeinträchtigtes Kind. „Viele Kinder mit einer Beeinträchtigung in Frankfurt bekommen gar keinen Kitaplatz“, sagt Dorle Horcher, Bereichsleiterin für die Integrativen Kindereinrichtungen bei der Lebenshilfe Frankfurt. Es fehle an ausreichend und entsprechend geschultem Personal. Aber auch an der Haltung, es unbedingt ermöglichen zu wollen.
Damit legt Horcher den Finger in die Wunde: Deutschland ist 15 Jahre nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention immer noch sehr weit von einer ausreichenden Umsetzung entfernt. Das Deutsche Institut für Menschenrechte konstatierte in diesem Jahr, dass die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderungen vielerorts nicht die notwendige politische Priorität habe oder unter Ressourcenvorbehalten stehe. Das fängt bei den Krippen an und hört bei den Schulen nicht auf.
Emil ist sechs Jahre alt und hat einen sehr seltenen Gen- defekt, der dafür sorgt, dass seine Entwicklung verzögert ist. Der Junge hat früher die Krabbelstube Gut Hausen besucht, mittlerweile ist er in einem Kindergarten der Lebenshilfe in Frankfurt. Emils Vater Jens P. lobt die Arbeit in den Kindereinrichtungen in höchsten Tönen. Es gebe gute Absprachen, die Handgriffe in den interdisziplinären Teams sitzen. Kurzum: „Die Kinder werden gut betreut.“
Der 47-Jährige bestätigt die Probleme mit der Inklusion in vielen Einrichtungen. Eine passende Kita für Emil zu finden, war zeitaufwendig. Immer wieder hörte er, man habe nicht genug Personal oder das Know-how. Das meiste suchte sich der Frankfurter aus dem Internet heraus. Welche Möglichkeiten der Betreuung gibt es, wie kommt man an Therapien, welche Freizeitangebote sind inklusiv? Im Internet stieß er auch auf ein Projekt der Lebenshilfe – ein Kontakt, der ihm sehr weiterhalf.
Dorle Horcher erklärt: „Die Eltern brauchen Zugang zum System.“ Es sei wichtig, sich mit anderen Menschen, die in der gleichen Situation sind, auszutauschen. Sie habe schon oft die Verbundenheit erlebt, die Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung zu anderen betroffenen Eltern entwickeln.
Anlaufstellen
Die Frühförderung der Lebenshilfe Frankfurt steht allen Eltern offen, die unsicher sind, ob ihr Kind sich altersgemäß entwickelt.
Die erste Beratung kann auch ohne Überweisung einer Ärztin oder eines Arztes wahrgenommen werden.
Kontakt per E-Mail an fruehfoerderung @lebenshilfe-ffm.de oder Telefon 069 /975 870 100.
Alle Angebote der Lebenshilfe im Internet unter lebenshilfe-ffm.de oder per Telefon 069 / 174 892 500. mic
Auch P., der sich im Aufsichtsrat der Lebenshilfe engagiert, unterstreicht die Bedeutung von Peer-Netzwerken (englisch für gleichrangig).
Es sei nicht nur die Verbundenheit, sondern vielmehr auch der Erfahrungsschatz, auf den man zurückgreifen könne. Viele Eltern seien durch den Para- grafendschungel überfordert oder wissen schlicht und ergreifend nicht, welche Ansprüche sie haben.
Seit einem Dreivierteljahr ist der Vater beispielsweise mit dem Feststellungsverfahren für den sonderpädagogischen Förderbedarf beschäftigt. Denn Emil soll bald in die Schule kommen. Mit mindestens fünf Behörden ist er dafür in Kontakt, zahllose Formulare mussten ausgefüllt werden. „Das ist ein wahnsinniger Aufwand.“ Auch diese Suche zeigte wieder: Ein nicht unerheblicher Teil der Frankfurter Schulen ist nicht in der Lage, eine gute Inklusion sicherzustellen. Besonders wenn es um ein Kind mit kognitiven Beeinträchtigungen geht.
Das aktuelle Förderschulsystem, in dem Kinder mit einer Behinderung eine spezielle Schule besuchen und unter sich bleiben, sei kein geschützter Raum, wie gerne postuliert wird, sondern ein „exklusiver Raum, aus dem man in der Regel nicht mehr rauskommt“. Nicht umsonst fordert das Deutsche Institut für Menschenrechte die Abschaffung dieses Systems und einen Wechsel zu einem inklusiven Bildungssystem. P. wünscht sich Schwerpunktschulen, in denen beide Aspekte integriert sind.
Dass die hessische Regierung das Festhalten am Förderschulsystem in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, kann der Vater nicht verstehen. „Ich habe nicht den Eindruck, dass Politik und Eltern am selben Strang ziehen.“ Die Eltern wollen aber gemeinsam Verbesserungen gestalten, deshalb wünscht sich der 47-Jährige, dass der Bedarfsperspektive der Eltern mehr Beachtung geschenkt würde.
Horcher findet, dass Kindern frühzeitig ein selbstverständlicher Umgang mit Menschen mit Behinderung vermittelt werden sollte. Beide Seiten profitieren davon. Emil orientiere sich an den anderen Kindern in der Gruppe, wachse und lerne viel, erzählt sein Vater. Die anderen Kinder seien empathisch und gingen ganz vorsichtig mit ihm um. „Es braucht noch mehr alltägliche Berührungspunkte von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung“, sagt P. Dazu müsse die Politik das Thema auf dem Schirm haben. Und es brauche den Willen, die unzureichenden Gegebenheiten zu ändern.
