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Viele fühlen sich erschlagen von der kapitalistischen Warenvielfalt, nicht nur Kinder.

Institut Dipf in Frankfurt

Wie Kinder einkaufen

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Bildungsforscher Johannes Hartig vom Institut Dipf in Frankfurt schickt Grundschüler in einen virtuellen Supermarkt.

Kaufentscheidungen in der Familie beeinflussen Kinder schon in ganz jungen Jahren – wenn sie etwa an der Supermarktkasse wegen Süßigkeiten quengeln oder zu Hause den Brokkoli ausspucken. Wenn sie in die Schule kommen, ziehen sie auch selbst mit Taschengeld los. Eine Forschergruppe, an der das Frankfurter Institut Dipf beteiligt ist, will herausfinden, wie Kinder einkaufen und wovon sie sich dabei beeinflussen lassen. Dazu ziehen sie mit Tablet-Computern in die Schulen und simulieren darauf einen Supermarkt-Besuch.

Professor Hartig, was wissen Sie darüber, wie Kinder einkaufen?
Wir wissen, dass Kinder im Grundschulalter anfangen, selbst in diesem Bereich aktiv zu werden. Etwa indem sie sich von ihrem Taschengeld im Supermarkt etwas aussuchen oder zum Kiosk gehen, um sich Süßigkeiten zu holen. Manche sparen auch, damit sie sich dann etwas Größeres kaufen können.

Was wollen Sie herausfinden?
Uns interessiert, welche Aufgaben Kinder tatsächlich schon allein bewältigen können. Wir schicken sie dazu mit einem Einkaufszettel in einen virtuellen Supermarkt, wo sie ihren Weg zwischen den Regalen nehmen können. Dazu nutzen wir Tabletcomputer, und obwohl das eine recht simple, zweidimensionale virtuelle Umgebung ist, kann man dort vieles von dem simulieren, was es auch in einem echten Supermarkt gibt.

Was wäre das?
Zum Beispiel Sonderangebote, auf denen Produkte groß angepriesen werden, wo es anscheinend tolle Rabatte gibt oder in einer Cornflakes-Packung Sammelbildchen zu finden sind. Dinge eben, die versuchen, den Konsumenten von der rationalsten Entscheidung abzulenken. Tatsächlich lassen sich Kinder davon genauso beeinflussen wie in der Realität und kaufen etwas, das gar nicht auf dem Einkaufszettel stand.

Wie das auch bei Erwachsenen vorkommt.
Natürlich.

Was fangen Sie mit Ihren Erkenntnissen an?
Zum einen wollen wir die Entscheidungsprozesse der Kinder besser verstehen – welche Voraussetzungen brauchen sie, um die Aufgaben zu bewältigen. Etwa wie gut sie schon rechnen können sollten, um die günstigste von verschiedenen Packungsgrößen zu wählen. Wir wollen auch sehen, wo sie überfordert sind, wo sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihrer Aufgabe ablenken lassen und wo man vielleicht noch Bildungsmaßnahmen braucht, um sie auf das alltägliche Leben vorzubereiten. Etwa zur Frage, was Werbung ist und wie man damit umgeht.

Bereitet Schule Kinder ausreichend vor?
In den Grundschulen geschieht das sicher nicht systematisch und eher punktuell. Mit den Ergebnissen unserer Studie wollen wir Schulen dann Hinweise geben, wo    eine Vorbereitung noch verbessert werden könnte oder wo sie überhaupt nötig ist. Die Familien spielen dabei natürlich auch eine große Rolle. Die familiären Unterschiede sind in diesem Alter noch ziemlich groß, was die Höhe des Taschengelds angeht oder die Freiheiten im Umgang damit. Wir wollen sehen, wie das die Kompetenzen der Kinder beeinflusst.

Wie halten Sie es mit Ihren eigenen Kindern?
Die bekommen etwas Taschengeld, sind aber tatsächlich eher passive Konsumenten. Sie kaufen sich so gut wie nie etwas, sparen die ganze Zeit ihr Geld und stel-len dann überrascht fest, dass sie sich jetzt schon ein für ihre Verhältnisse großes Spielzeug leisten könnten. Wir versuchen, sie dann mal loszuschicken, ein Eis zu kaufen oder vielleicht auch ein Spielzeug. Sie sollen ja selbst entdecken, was die Dinge kosten, und sie sollen sehen, was möglich ist und wo ihre Grenzen liegen. Nur so lernt man. Ich denke, das ist auch der Hauptzweck von Taschengeld.

Wie viel Taschengeld und welche Entscheidungsfreiheiten halten Sie für angemessen?
Ich halte ein Niveau für sinnvoll, bei dem Kinder schon so viel Geld erhalten, dass sie tatsächlich entscheiden können, was sie dafür kaufen. Es sollte aber nicht so viel sein, dass sie kaum an Grenzen stoßen und gar nicht lernen müssen, dass sie zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen müssen.

Sind Jugendliche im Vorteil, die als Kind schon solche Erfahrungen gemacht haben?
Das wissen wir nicht. Sehr spannend wäre es, Kinder über einen längeren Zeitraum begleiten zu können, um die Entwicklungen zu beobachten. Vielleicht ist das ein gutes Thema für eine weitere Studie.

Johannes Hartig (48) ist Professor am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Dipf) in Frankfurt. Der Bildungsforscher und Psychologe leitet dort den Arbeitsbereich Educational Measurement. Hartig hat drei Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. 

Er untersucht gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Siegen das Kaufverhalten von Grundschulkindern. 

Grundschulen im Raum Frankfurt, die sich an der Studie beteiligen wollen, erhalten Informationen unter Johannes Hartig, Dipf, Rostocker Straße 6, 60323 Frankfurt, oder via E-Mail über sekretariat-biqua@dipf.de. pgh 

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