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„Kinder brauchen vertrauensvolle Personen im nahen Umfeld“

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Von: Timur Tinç

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Das offene Wohnprojekt „BeTrift“ in Niederrad bei der Eröffnung im Mai.
Das offene Wohnprojekt „BeTrift“ in Niederrad bei der Eröffnung im Mai. © Monika Müller

Birgit Kasper vom Netzwerk gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt über die Bedürfnisse von Familien und das Engagement der Politik.

Frau Kasper, was sind die Hauptgründe für Familien zu sagen, sie wollen gemeinschaftliches Wohnen?

Für Haushalte mit Kindern ist es besonders wichtig, denn Kinder brauchen über die klassische Kleinfamilie hinaus vertrauensvolle Personen im nahen Umfeld. Wenn es nicht mehr die traditionelle Großfamilie ist, dann müssen das gute Freunde oder die Nachbarn sein. In einigen Wohnprojekten geht das so weit, dass man Toberäume und Gästezimmer teilt oder einen Gemeinschaftsraum mit Küche hat. Aber noch viel wichtiger ist für Eltern das Teilen der Zeit, die Beaufsichtigung und Betreuung der Kinder untereinander. Das funktioniert besonders gut, wenn es selbstgewählte, vertrauensvolle Nachbarschaften sind.

Wie meinen Sie das?

Üblicherweise ist es so, dass Nachbarschaften zufällig zustande kommen. Man kann Glück, aber auch schreckliches Pech haben. Bei den Projekten fängt Nachbarschaft vor dem Einzug an. Es finden sich Leute – durchaus auch generationenübergreifend, die ähnliche Präferenzen, Ziele und Vorstellungen haben, wie man als Familie gut lebt.

Welchen Einfluss hat der immer teurere Wohnraum in der Stadt Frankfurt auf den Wunsch nach Gemeinschaftsprojekten?

Ich glaube, es ist beides. Neben den genannten sozialen Aspekten ist es auch eine wirtschaftliche Frage, wie man Wohnen finanzieren will: Wie viele Quadratmeter Wohnraum brauche ich wirklich, um gut zu leben? Wie kriegen wir clever Räume im Mehrfamilienhaus hin, die wir teilen können, ohne dass es mich ein Vermögen kostet? Was kann man gemeinsam nutzen, ohne es privat besitzen zu müssen, wie zum Beispiel auch die Autos teilen? Die Rechtsform spielt aber auch eine Rolle.

Inwiefern? Bin ich dem Markt ausgeliefert und muss zahlen, was gefordert wird, oder schaffe ich es mit anderen Leuten, eine Genossenschaft zu gründen und wir bauen direkt selbst unser Haus. Für viele Familien gibt es den Wunsch, unabhängig von Spekulation und Mieterhöhungen zu wohnen. In der Stadt kriegt man das alleine kaum hin. Da ist es folgerichtig, sich mit anderen zusammenzutun, eine Genossenschaft zu gründen. Dann ist man gleichzeitig Miteigentümer und Nutzer.

Welche Hürden gibt es, um genossenschaftliches oder gemeinschaftliches Wohnen umzusetzen?

Zur Person

Birgit Kasper , 65, ist geschäftsführende Leiterin des Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen. 100 Wohninitiativen und Wohnprojekte sind in dem Netzwerk organisiert. Kasper ist Stadtplanerin und Diplom-Verwaltungswirtin. tim/FOTO: PRIVAT

Aktuell sind es eindeutig die Finanzierungskosten, die rasant gestiegen sind. Dann gab es die relativ kurzfristige Streichung der KfW-Förderung. Im Grunde war es richtig, weil es eine Fehlförderung war, aber es war sehr kurzfristig. Für Gruppen, die damit kalkuliert haben, war das ein krasser Einschnitt. Bevor in den letzten Monaten die Baupreise nach oben gegangen sind, waren die Grundstücks- und Bodenpreise astronomisch. Es gab zuletzt Gruppen, die Grundstücke zurückgegeben haben, weil es nicht mehr zu finanzieren ist.

Tut die Stadtpolitik aus Ihrer Sicht genug?

Die Stadtpolitik hat vor einigen Jahren wirklich etwas Bedeutendes getan. Sie hat einerseits das Konzeptverfahren eingeführt, mit dem der Wert eines Grundstücks fest taxiert ist, und es gab einzelne Vergaben städtischer Liegenschaften, wo das beste Konzept den Zuschlag bekam. Das ist auch für die Quartiersentwicklung gut. Leider passiert das nur noch vereinzelt, weil die Stadt in der Vergangenheit zahlreiche städtische Liegenschaften zum Höchstpreis verkauft hat.

Und was ist noch passiert?

Außerdem ist der sogenannte Baulandbeschluss politisch beschlossen worden, der sensationell weitsichtig und gut ist. Der sagt, dass bei jeder städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme von Baugebieten 30 Prozent geförderter Wohnraum entstehen sollen. 15 Prozent sollen für gemeinschaftliches Wohnen per Konzeptverfahren ausgeschrieben werden. Und nochmal fünfzehn Prozent freifinanzierter Mietwohnungsbau und zehn Prozent bezahlbarer Eigentumsbau. Das restliche Drittel kann dann beliebig verwertet werden. Diese Quoten müssten dringend eingehalten werden, um dem hohen Bedarf nach bezahlbarem Wohnen nachzukommen. Leider hapert es noch an der Umsetzung.

Wieso? Weil die dafür notwendigen unternehmerischen Innovationen nicht entwickelt werden. Die Zeit vor dem Baulandbeschluss hat ja bewiesen, dass der übliche, konventionelle Neubau von Wohnraum lediglich höchste Miet- und Kaufpreise mit sich bringt – mit jetzt spürbaren, gravierenden Folgen für die Stadtgesellschaft in Frankfurt. Das muss sich ändern.

Interview: Timur Tinç

Birgit Kasper.
Birgit Kasper. © Privat

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