Frankfurt-Sachsenhausen

Kicken für mehr Selbstbewusstsein

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Beim SV 1894 Sachsenhausen spielen psychisch- und suchtkranke Menschen im Ligabetrieb mit. Das Projekt Inklusion auf dem Fußballplatz soll dabei helfen, selbstständig durchs Leben zu gehen.

In der 37. Minute drischt Zaman Akhoundzageh den Ball ins Tor. Die Bank des SV 1894 Sachsenhausen jubelt. Jetzt muss das 2:1 gegen die Mannschaft aus Oberrad nur noch in die Halbzeit gerettet werden. „Carsten, du darfst nicht so hoch stehen“, ruft Jürgen Medenbach einem der Abwehrspieler zu. Es hilft alles nichts: Kurz vor dem erlösenden Pfiff des Schiedsrichters gleicht Oberrad aus. „Das geht besser“, sagt Medenbach. Vier Tore werden heute auf dem Platz in Sachsenhausen noch fallen.

Für das Kreisliga-Spiel in der Liga der Sondermannschaften ist Medenbach aus Köln angereist. Nicht, weil hier Weltklasse-Fußball gespielt wird. Sondern weil sein Herz an der Inklusionsmannschaft des SV 1894 Sachsenhausen hängt.

Vor sechs Jahren gründete er gemeinsam mit Sozialarbeiter Jan Zwingenberger das Projekt „Inklusion auf dem Fußballplatz – Mehr als ein 1:0“, bei dem psychisch- und suchtkranke Menschen im regulären Ligabetrieb mitkicken. Zweimal die Woche trainieren junge Erwachsene aus den Reha-Werkstätten des Frankfurter Vereins oder der Suchthilfeeinrichtung „Fleckenbühler“ mit Spielern aus der ersten und zweiten Mannschaft aus Sachsenhausen. Im März wurde das Projekt mit dem Walter-Picard-Preis des Landeswohlfahrtsverbands Hessen ausgezeichnet.

Trainiert werden die Hobby-Kicker von Jamal Er-Rjah. Er ist überzeugt davon, dass das gemeinsame Training sich auch außerhalb des Platzes bemerkbar macht. „Jeder gewonnene Zweikampf bringt Selbstbewusstsein“, sagt Er-Rjah. „Der Fußball hilft den Menschen selbstständig durchs Leben zu gehen.“

Das glaubt auch Mit-Initiator Zwingenberger. Das Problem in vielen Einrichtungen sei, dass sie zwar einen Schutzraum böten, aber die Menschen unter sich gelassen werden. Oft stünden deshalb vor allem die Krankheitsbilder und Probleme im Vordergrund. Im Training werden die Spieler aus den Einrichtungen wie alle anderen behandelt. „Dann geht es auch mal um andere Themen“, sagt Zwingenberger.

Doch nicht nur die Spieler wachsen durch das gemeinsame Kicken. Auch Trainer Er-Rjah hat in den letzten sechs Jahren dazugelernt. Er nehme die Themen Sucht und psychische Erkrankungen mittlerweile anders wahr. „Am Anfang war ich durchaus skeptisch“, erinnert er sich. „Inzwischen blutet mir das Herz, wenn andere Menschen abstoßend reagieren.“

Daniel Haag ist einer der Spieler, die von dem Projekt profitiert haben. „Ich habe früher ein bisschen Mist gebaut“, sagt er. „Ohne den Fußball wäre ich vielleicht auf die schiefe Bahn geraten.“ Das Training habe seinem Alltag Struktur gegeben und ihn motiviert. Inzwischen hat der 38-jährige geheiratet und einen festen Job als Montagearbeiter. In der Halbzeit kommt seine Frau mit der gemeinsamen vierjährigen Tochter vorbei, um ihn anzufeuern.

Derweil geht es auf und neben dem Rasen zu, wie auf jedem anderen Fußballplatz: Der Schiri pfeift Mist, die eigene Abwehr rückt zu weit auf und der Stürmer mit der Nr. 6 hätte lieber abspielen sollen. Mittendrin in dem Geschreie und Gezeter sind Medenbach und Zwingenberger: Sie feuern ihre Jungs an und fiebern mit. Geholfen hat es an diesem Spieltag nicht. Am Ende steht es 5:3 für die Mannschaft aus Oberrad.

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