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Bei häuslicher Gewalt finden Frauen und Mädchen Hilfe in Beratungsstellen.
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Bei häuslicher Gewalt finden Frauen und Mädchen Hilfe in Beratungsstellen.

Corona-Krise

Keine Zunahme von Gewalttaten in Frankfurt

Schwere Körperverletzungen in Familien bewegen sich auf Vorjahresniveau.

Während des ersten Lockdowns war die Sorge groß, dass die Gewalt zwischen Familienmitgliedern steigt, je länger sie so eng zusammen leben. Für Städte wie Berlin und Hamburg hat sich diese Befürchtung bestätigt, für Frankfurt, zumindest laut Statistik, nicht. Schaut man sich die Brennpunkte genauer an, könnte die Lage demnächst dennoch eskalieren.

Rund 1595 Fälle von häuslicher Gewalt gab es 2019 in Frankfurt, „ungefähr diesen Wert werden wir wohl auch 2020 erreichen“, sagt Kriminalkommissarin Nele Lange. Auch brutaler seien die Taten nicht geworden: Der Anteil von Sexualdelikten und schweren Körperverletzungen bei häuslicher Gewalt liege ebenfalls auf dem Niveau von 2019.

Sind die betroffenen Frauen vielleicht direkt geflüchtet statt erst die Polizei zu rufen? 160 Frauen und Kinder hat der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten von Januar bis November in seinen beiden Frauenhäusern aufgenommen, 14 mehr als im Vorjahr. Ein leichter Anstieg. Der allerdings nichts über den tatsächlichen Bedarf sagt, denn der übersteigt die Zahl der Plätze grundsätzlich.

Die Situation im autonomen Frauenhaus ist ähnlich. Birgitt Schnitzler vom Verein „Frauen helfen Frauen“, der das Haus und gleichzeitig eine Beratungsstelle betreibt, sagt jedoch: „Die Beratungsanfragen sind deutlich gestiegen, die Zahl der Online-Beratungen hat sich sogar verdoppelt.“

Hilfe

Frauen , die einen Platz im Frauenhaus suchen, finden freie Plätze auf frauenhaeuser-hessen.de. Eine Beratung bekommt man über onlineberatung.frauenhaus-ffm.de. Das Kinder- und Jugendschutztelefon der Stadt Frankfurt, an das sich auch Kinder und Jugendliche mit akutem Redebedarf wenden können, ist kostenlos und täglich zwischen 10 und 23 Uhr unter Telefon 0800 / 201 011 1 erreichbar. Eine weitere Redemöglichkeit bietet montags bis samstags zwischen 14 und 20 Uhr die ebenfalls kostenlose „Nummer gegen Kummer“ unter Telefon 116 111. sab

Warum sich mehr Frauen beraten lassen als letztlich Schutz suchen, darüber können Schnitzler und ihre Kolleginnen nur spekulieren. Am wahrscheinlichsten sei, dass Paare aufgrund von Lockdown, Kurzarbeit und Homeoffice mehr Zeit miteinander verbracht haben und den Frauen bewusst geworden sei, dass jederzeit etwas passieren könnte. Da Online-Beratungen sehr niederschwellig seien, hätten sie sich zur Sicherheit schon einmal beraten lassen. „So oder so“, sagt Schnitzler, „sind wir sehr froh, dass wir das Online-Beratungsangebot schon vor Corona etabliert haben.“

Durchschnittlich 43 Kinder pro Monat wurden laut Sozialdezernat 2020 vom Jugendamt in Obhut genommen. Im Jahr zuvor waren es durchschnittlich 53. Und auch die Zahl der begonnenen Gefährdungseinschätzungen, bei denen geprüft wird, ob das Kind aus der Familie genommen werden muss, lag 2020 mit 267 pro Monat etwas unter dem Schnitt von 2019 (280 Verfahren).

Die Statistik zeigt außerdem: Die erwartete Welle der nachgeholten Meldungen im Mai, dem Monat nach Ende des ersten Lockdowns, und im September, als die Schule wieder anfing, blieb aus. Die 25 Feldbetten, die etwa das Kinderheim Rödelheim als Puffer angeschafft hatte, blieben leer.

Über das Warum kann Dieter Kieweg von der Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Auskunft geben, in dessen Zuständigkeitsbereich unter anderem die fünf kommunalen Erziehungsberatungsstellen fallen. „Die Kollegen dort haben beobachtet, dass die Situation im ersten Lockdown für einen Großteil der Familien entspannter war als sonst: Die Eltern waren daheim, hatten Zeit für die Kinder, und der Stressfaktor Schule fiel weg.“

Jugendamtsmitarbeiter Kieweg sieht das ähnlich. Der Stress in den Familien steige, die Corona-Folgen belasteten Eltern und Kinder gleichermaßen. „Vielen Kindern fehlt gleichzeitig der Kontakt zu Gleichaltrigen, ein Raum, um sich auszuprobieren, Dinge zu tun, die sie daheim nicht machen würden.“ Manche dieser Kinder zögen sich zurück und verlören sich in einer Traumwelt aus Netflix und Computerspielen. „Sie gehen in die innere Migration.“

Manche kommen zu Daniel Schröder. Er leitet das Hilfswerk „Arche“, das an drei Standorten in Griesheim und der Nordweststadt Kinder aus Familien am Rand der Gesellschaft betreut. „Die Zündschnur der Kinder ist sehr kurz geworden“, sagt er. Seit der Pandemie seien viele junge Besucher:innen verunsichert, fühlten sich sofort angegriffen. Anders als beim ersten Lockdown, bei dem das Gefühl überwog, zusätzliche Ferien zu haben, hätten diese Kinder auf den zweiten keine Lust mehr. „Eigentlich wären sie gern außerhalb der Familie unterwegs, weil sie sich zu Hause nicht willkommen fühlen. Ein Junge hat zu mir gesagt: Du kannst jetzt nichts mehr machen außer Netflix gucken, also beamst du dich weg.“

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