Römerbriefe

Keine Zeit

  • Sandra Busch
    vonSandra Busch
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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Die Stadtverwaltung soll alle Geschlechter ansprechen. Aber doch bitte nicht mitten in der Pandemie. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert: Hast du Kuchen zum Einstand bei den Römerbriefen mitgebracht?

Busch: Nein, den gibt es nach der Pandemie.

Leppert: Das ist noch ewig hin.

Busch: Es gibt so viel über Corona zu berichten. Ich hab’ vorher keine Zeit, Kuchen zu besorgen.

Zeit, das ist in der Pandemie so eine Sache, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Die einen haben gezwungenermaßen viel mehr, als ihnen lieb ist, die anderen Berge an Arbeit. So wie die Stadtverwaltung. Allen voran das Gesundheitsamt. In dieser Zeit regen nun Frauendezernentin Rosemarie Heilig und Personaldezernent Stefan Majer von den Grünen an, geschlechtergerechte Sprache in der Stadtverwaltung zu benutzen. Völlig verrückt. Findet zumindest CDU-Vorsitzender Jan Schneider. Es gebe schließlich dringendere Aufgaben in Pandemiezeiten, als „sich mit Unterstrichen und Gendersternchen auseinanderzusetzen“. Das sei ein völlig falscher Zeitpunkt.

Die Frage ist: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Gleichberechtigung in Schrift und Sprache anzugehen? Bisher war er offenbar nicht da – dabei gibt es sogar einen Beschluss der Stadtverordneten von 1990 zur Gleichberechtigung in der Sprache. Aber seit 1990 hat natürlich die eine oder andere Pandemie davon abgehalten. Gut, es gab nur eine Pandemie, Sars-CoV-1 im Jahr 2003. Haben nicht alle mitbekommen, aber da war die Verwaltung wohl sehr damit beschäftigt. Und dann mussten eine neue Altstadt gebaut, für Hochhäuser und Videokameras Plätze gefunden werden. Viel zu tun. Und in Wahljahren hat ohnehin niemand Zeit, kann natürlich kein Mensch darauf achten … Ja, auf was eigentlich?

Die gewaltigen Anforderungen an die Verwaltung stehen in der Broschüre von Heilig mit Tipps für geschlechtergerechte Sprache: Sie soll entweder Personen unterschiedlichen Geschlechts benennen oder geschlechterneutral formulieren. Neun Seiten, große Schrift, viel Freiraum. Sensibilisierung für den nächsten Brief.

Aber alle Kraft wird für die Bekämpfung der Pandemie benötigt. Keine Frage. Das Römer-Team der FR hilft gerne mit. Was könnte die Stadtverwaltung auf Geheiß von Jan Schneider noch alles liegen lassen, bis die Pandemie vorbei ist?

Mögliche Standorte für die Städtischen Bühnen braucht derzeit niemand zu prüfen. Nicht der richtige Zeitpunkt. Wer weiß schon, wann man wieder in Oper und Theater gehen kann.

Hausmülltonnen mit einem Chip ausstatten, damit die Entsorgung besser abgebildet und Beschwerden darüber einfacher nachvollzogen werden können? Nun haben Anwohner:innen so viele Jahrzehnte mit Ärger über die Leerung der Mülltonnen gelebt, da können sie es auch noch bis nach der Pandemie tun.

Und die Standortsuche für die Europäische Schule könnte eingestellt werden. Käme Schneider ohnehin gelegen, bislang waren die Erfolge dabei eher bescheiden.

Sie finden, das ist zu kurz gedacht? Dass die Projekte auch während und erst recht nach der Pandemie Wichtigkeit haben? Nun, vielleicht möchte die Hälfte der Bevölkerung Frankfurts auch schon während der Pandemie von der Stadt gesehen werden.

Sandra Busch und Georg Leppert gehören zum Römer-Team der FR, das aus dem Frankfurter Römer berichtet.

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