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Besucherin der Ausstellung „Kleider in Bewegung“.

Ausstellung

Keine Krise ohne neue Mode

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Die Ausstellung „Kleider in Bewegung“ im Historischen Museum zeigt den Wandel im gesellschaftlichen Kontext.

Cocooning ist so ein Thema, das Verpuppen in dicke Stoffschichten, der Rückzug ins schützende Textil. Alles, was den verwundbaren Körper gegen die gefährliche Außenwelt effektiv abgrenzt, wird postcorona die Kleiderschränke beherrschen. Davon zumindest gehen Trendforscherinnen und Trendforscher aus. Keine Krise, kein geschichtlicher Einschnitt, keine Zäsur, kommt schließlich ohne eine neue Mode aus. Die üppigen Formen nach dem Zweiten Weltkrieg oder der jugendliche 60er-Jahre-Mini als Sinnbild der Klassenkämpfe sind nur zwei Beispiele dafür.

Nun ist es schwierig, über Veränderung und Wandel nachzudenken in einer Zeit, die sich vor allem durch ihre Regungslosigkeit auszeichnet, in der auch modisch außer Quarantäne-Jogginghose und gemustertem Mundschutz gar nichts geht. Eine durchaus komplexe Gemengelage also, in der das Historische Museum Frankfurt nun eine Ausstellung eröffnet, die eben das tut: den Wandel der Mode ergründen.

Nur fragt die Ausstellung „Kleider in Bewegung“, die unter besonderen hygienischen Maßnahmen heute eröffnet, nicht nach dem, was nach Corona kommt. Sie wurde ja lange vor der Krise erarbeitet und thematisiert ohnehin die Frauenmode von 1850 bis 1930. Eine höchst interessante Zeitspanne, in der die „Bewegung“ die Mode in zweierlei Hinsicht radikal veränderte. Wirtschaftliche und politische Bewegungen wie die Industrialisierung oder die erste Welle der Frauenbewegung prägten schließlich auch die sprichwörtliche Bewegung, die des Körpers nämlich, des weiblichen Körpers vor allem.

Knapp lässt sich das anhand des ältesten und des jüngsten Exponats durchdeklinieren. Und an den zugehörigen, eigens für die Schau konzipierten Puppengestellen, die menschliche Bewegungen imitieren: Wo sich die Figur im sonnengelben Voile-Kleid mit Reifrock und Miederstäbchen aus den 1850er Jahren bloß leicht vorzubeugen vermag, wirft die Puppe im rund 70 Jahre jüngeren Seidenchiffon-Kleid mit Zelluloidpailletten die Arme und Beine zum Charleston-Tanz der 1920er in die Höhe. Dazwischen liegen Welten – gesellschaftlich wie modisch.

Die ausgestellten Kleider, die allesamt einst Damen der Frankfurter Gesellschaft gehörten, erzählen mit Nachdruck von der veränderten Stellung ihrer Trägerinnen, ihrem neuen Selbstbewusstsein, davon, wie sich beides mit und durch die Garderobe veränderte – und umgekehrt. Ließen sich die großen Dreiräder des mittleren 19. Jahrhunderts noch im bodenlangen Rauscherock lenken, verlangte das Fahrrad kurz darauf nach praktikableren Schnittmustern. Verübten die Damen den populären Tennissport anfangs zaghaft im üppigen Leinenkleid und albernem Strohhütchen, erstritten sie sich alsbald eine sportivere Mode mit ausgeprägter Arm- und Beinfreiheit. Die metallgestärkten Mieder wichen den sogenannten Reformkleidern ohne Korsage, die verhüllende Strandmontur einem leichten Badeanzug, Ensembles für die wirkende Frau in der Arbeitswelt kamen hinzu.

Ergänzt werden die textilen Exponate, die zu 95 Prozent aus den Archiven des Historischen Museums stammen, durch historische Video- und Fotoaufnahmen aus dem Frankfurter Stadtraum. So entsteht zwar ein für kostümhistorische Ausstellungen ungewohnt lebhaftes, sinnliches Bild. Beim gedankenverlorenen Durchstreifen müssen es die Besucherinnen und Besucher dennoch nicht belassen. Gerade Forschungsergebnisse, die in Zusammenarbeit mit den Textilwissenschaftlerinnen Kerstin Kraft und Regina Lösel von der Universität Paderborn entstanden, verdeutlichen, wie das noch so kleine Modedetail im ganz großen Veränderungsprozess wurzelt.

Anhand von Nahtverläufen und Schnittmustern konnten Kraft und Lösel etwa weibliche Bewegungsmuster der Geschichte rekonstruieren, oder sie fanden heraus, dass die Erfindung des elektrischen Lichts mit einem Mehr an irisierenden Pailletten und glänzenden Schmucksteinen einherging. Einen Bogen in die Gegenwart wiederum schlagen zehn ausgestellte Entwürfe von Schülerinnen und Schülern der Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode, die sich lose mit dem Begriff der „Bewegung“ auseinandersetzen.

Was aber die aktuelle Krise mit den Menschen und ihren Kleidern macht, wird wohl erst eine Ausstellung in 100 Jahren zeigen können. Sich vorzustellen, was dann zu sehen sein wird, ist ein reizvoller Gedanke. Hoffentlich wird es mehr als Jogginghose und Mundschutz sein.

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