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Keine Kapazität bei Kinderärzten

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Von: Brigitte Degelmann

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Yasmin Dogan sucht verzweifelt eine Kinderarztpraxis für ihre Tochter. Rainer Rüffer
Yasmin Dogan sucht verzweifelt eine Kinderarztpraxis für ihre Tochter. Rainer Rüffer © Rainer Rüffer

Mutter sucht seit Jahren vergeblich nach einer Praxis für ihre jüngste Tochter. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen kann nicht helfen.

Yasmin Dogan (Name von der Redaktion geändert) ist keine, die sich schnell entmutigen lässt. Doch inzwischen weiß sie einfach nicht mehr weiter. Seit knapp vier Jahren sucht sie in Frankfurt verzweifelt nach einem Kinderarzt, einer Kinderärztin für ihre jüngere Tochter. Mindestens 20 Praxen in Frankfurt und Umgebung habe sie bereits abgeklappert, erzählt sie resigniert. Bislang vergeblich. „Tut uns leid, wir sind voll belegt“ – immer wieder hörte sie diesen Satz. Selbst in Kronberg, Offenbach und Dietzenbach probierte sie es, ohne Erfolg. „Man fühlt sich im Stich gelassen“, sagt die 37 Jahre alte Friseurin.

Bei ihrer älteren Tochter, die inzwischen 17 Jahre alt ist, sei das noch anders gewesen. Mit ihr habe sie ohne Probleme einen Platz bei einem Pädiater in Bockenheim gefunden, erinnert sich die Frankfurterin. Deshalb war sie auch guten Mutes, als vor gut vier Jahren ihre zweite Tochter geboren wurde. Die ersten Vorsorgeuntersuchungen mit dem Baby konnte sie bei ihrem Hausarzt absolvieren. Dieser riet ihr aber, sich auch eine:n Kindermediziner:in zu suchen, da er selbst mit kleinen Patient:innen wenig Erfahrung habe. Die vorgeschriebenen Früherkennungs-Untersuchungen könne er zwar weiterhin vornehmen, mehr jedoch nicht. So begann Yasmin Dogan zu telefonieren. Manchmal hörte sie, dass man bei neuzugezogenen Familien vielleicht eine Ausnahme machen könnte, oder wenn das Baby gerade auf die Welt gekommen sei. Aber für ein sechs oder sieben Monate altes Kind? Keine Chance. „Wir wollen von Anfang an involviert sein“, hieß es in einer Praxis.

Hilfesuchend wandte sie sich schließlich an ihre Krankenkasse. Dort machte man ihr anfangs noch Hoffnung: Man werde die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) einschalten. Deren Aufgabe ist es, gesetzlich versicherten Patient:innen innerhalb von vier Wochen einen Termin bei Haus-, Kinder- und Jugendärzt:innen sowie Fachärzten und Psychotherapeut:innen in Hessen zu vermitteln. Das Problem dabei: Nach Angaben der KVH funktioniere das nur, wenn eine Überweisung vorliege, die die Dringlichkeit bestätigt. Dringlich war es Yasmin Dogan allerdings nicht. Prompt teilte ihr die Kasse einige Zeit später mit, dass sie leider nichts tun könne – „wir sind machtlos“, hieß es entschuldigend. In dringenden Fällen könne sie zwar die Akutsprechstunde einer Kinderärztin in Preungesheim in Anspruch nehmen. Diese sei aber nicht zur dauerhaften Aufnahme der kleinen Patientin verpflichtet.

Für die 37-Jährige ist das keine Option. In Notfällen könne sie sich schließlich auch an die Kinderklinik wenden, sagt sie. Mehrmals schon wurde sie in den vergangenen Jahren mit ihrer Tochter im Bürgerhospital oder im Clementine Kinderhospital vorstellig, wenn sich die Kleine allzu sehr mit Fieber und Husten herumquälte und die frei verkäuflichen Mittel aus der Apotheke nicht anschlagen wollten. Stundenlang habe sie manchmal mit ihrem kranken Kind dort gewartet, bis sie endlich ein Antibiotikum erhalten habe, erzählt sie.

Yasmin Dogans Nöte dürften viele Frankfurter Eltern aus eigener leidvoller Erfahrung kennen. Am Riedberg beispielsweise, dem Quartier mit den meisten jungen Familien im Stadtgebiet, gibt es derzeit keinen einzigen Kinderarzt. Die KVH wiederum verweist darauf, dass in Frankfurt momentan insgesamt 75 Pädiater:innen tätig seien, verteilt auf 67,25 Arztsitze. Im Vergleich zu 2019 hätten sich letztere sogar um zehn Prozent vermehrt. Das hänge auch damit zusammen, dass die gesetzliche Grundlage für die Bedarfsplanung angepasst worden sei, informiert KVH-Sprecher Alexander Kowalski.

Eine Antwort, die für Yasmin Dogan alles andere als befriedigend ist. In ihrer Ratlosigkeit schaltete sie vor einigen Monaten sogar das Bundesgesundheitsministerium ein. Das allerdings deutete in seiner Antwort wieder auf die KVH und deren Terminservicestelle (TSS). Sie seien auch dazu verpflichtet, „gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten bei der Suche nach einer Haus- oder Kinderärztin beziehungsweise einem Haus- oder Kinderarzt zu unterstützen, die oder der sie dauerhaft versorgen und betreuen kann“.

Aber was tun, wenn sich kein Mediziner zur Aufnahme bereiterklärt? Die Terminservicestellen seien ebenfalls auf freie Kapazitäten in den Praxen angewiesen, räumt der KVH-Sprecher ein: „Und wenn diese nicht vorhanden sind, sind auch der TSS letztlich die Hände gebunden. Selbst wenn ein Termin vermittelt wird und dieser zustande kommt, ist es im Übrigen immer noch eine Entscheidung der Praxis oder der Patienten, ob es zu einer dauerhaften ‚Zusammenarbeit‘ kommt.“

Dass sich an der Not der Eltern in absehbarer Zeit etwas ändern könnte, ist nicht zu erwarten. Im vergangenen Frühjahr habe der zuständige Landesausschuss für Frankfurt einen Versorgungsgrad von 108,47 Prozent bei den Kinderärzt:innen ermittelt, erklärt Kowalski. Deshalb habe man zwar einen weiteren Sitz ausgewiesen. Dieser sei inzwischen aber besetzt, „so dass aktuell keine freien Sitze für Kinderärzt:innen in Frankfurt mehr zur Verfügung stehen“, teilt der Sprecher mit.

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