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Wer herausfindet, wen Grochocki wählt, bekommt eine Erwähnung in den Römerbriefen. Versprochen.

Römerbriefe

Keine Emotionen am Wahlabend

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Welche Partei wir gut finden? Das geht Sie gar nichts an. Wir sind neutral. Und das zeigen wir auch. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Leppert: So sehen Sieger aus, shaaaallaaaalaaallaaalaaaa ...

Göpfert: Hör jetzt sofort auf zu singen.

Leppert: Wieso? Ich feiere schon mal. Ich schreibe bei der Landtagswahl ja über ...

Göpfert: Bist du still! Wir sind Reporter. Wir feiern nicht mit Parteien. Wir sind neutral.

Wir müssen Sie jetzt mal ins vergangene Jahrtausend mitnehmen, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Einer der beiden Römerbrief-Schreiber ging damals schon im Römer ein und aus. Der andere aber – gerade erst Mitte 20 – kümmerte sich noch um die Ortsbeiräte und verdiente sich außerdem seine Sporen in der regionalen Sportredaktion der FR. Wobei es nicht für die Eintracht-Berichterstattung reichte. Der Jüngere der beiden heutigen Schreiber der Römerbriefe kümmerte sich um: Billard. Genauer gesagt um den BC Frankfurt, Dreiband-Bundesliga.

In der ersten Saison, in der der Journalist über den BC schreiben durfte, fuhr der Klub nicht gerade viele Siege ein. Gerade zu Beginn der Spielzeit hakte es. Doch dann kam der Schreiber nach Hause. Wie besprochen, war ein Anruf des Pressesprechers des BC auf Band: „Georg, wir haben gewonnen!“ Und was macht der Schreiber? Becker-Faust, Jubelschrei, und dann eine Meldung für den Sportteil geschrieben.

So etwas geht natürlich nicht und ist jugendlicher Unerfahrenheit geschuldet. Klar, mitunter baut man eine wie auch immer geartete Beziehung auf zu den Leuten, über die man schreibt. Aber trotzdem muss man professionelle Distanz wahren. Und gerade im politischen Bereich neutral bleiben. Das gilt insbesondere für Wahlen. Natürlich stimmen wir selbst auch ab. Aber bei der Wahlparty im Römer am Sonntagabend dürfen wir keine Regung zeigen, ob uns das Ergebnis gefällt.

Wir müssen also neutral auftreten. Aber wie treten wir auf, damit man uns das auch glaubt, und es nicht am nächsten Tag heißt: Die FR-Reporter waren total parteiisch, und so lesen sich auch ihre Berichte.

Zum einen: Unabhängigkeit fängt bei der Kleidung an. Schwarzes Sakko, grünes Hemd, rote Hose, gelbe Schuhe, ganz roter Gürtel ... Geht eigentlich alles nicht. Wir werden wohl rosa Klamotten tragen müssen. Denn keine größere Partei hat Rosa als Vereinsfarbe.

Entscheidend aber ist der Moment, wenn die erste Prognose bekannt wird. Wir werden uns an den Händen packen und an Hans-Joachim Grochocki denken. Der organisiert die Wahlen in Frankfurt und ist der Meister der Neutralität. Wer herausfindet, wen Grochocki wählt, bekommt eine Erwähnung in den Römerbriefen. Versprochen.

Dann natürlich das Verhalten auf der Party. Alle Politiker werden mit Handschlag begrüßt. Keine Umarmungen, keine Witzchen. Distanz. Und keine Suggestivfragen: „Sie sind bestimmt zufrieden, oder?“ Fragenkatalog abarbeiten: Was sagen Sie zum Ergebnis, mit wem wollen Sie koalieren, gehen Sie davon aus, morgen noch im Amt zu sein? Und schließlich das Schreiben: unaufgeregt, sachlich, ohne Emotion. Wobei wir natürlich auch Kommentare schreiben müssen. Dafür gelten andere Regeln. Aber darüber und über die Berichterstattung vom Autoslalom in Schlüchtern für die Sportredaktion schreiben wir wann anders.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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