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Schöne Wallanlagen. Björn Wissenbach (re., mit Strohhut) erklärt sie, Rosemarie Heilig (Mitte, mit Rucksack) kämpft um sie.

Theater-Standortdiskussion

Keine Bäume für die Frankfurter Oper opfern

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Am „Wilden Sonntag“ kämpft Umweltdezernentin Heilig ums Grün in den Wallanlagen. Der Spaziergang führt zu vielen schönen Orten, zeigt aber auch soziale Probleme.

Hände weg von den Wallanlagen: Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hat am Sonntag noch einmal intensiv dafür geworben, bei einem etwaigen Neubau des Opernhauses an der Neuen Mainzer Straße die Bäume im historischen Grünzug unangetastet zu lassen.

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) hatte vorgeschlagen, die Oper aus der baufälligen Anlage am Willy-Brandt-Platz heraus in die Wallanlagen zu versetzen. „Ich sehe das kritisch“, sagte Magistratskollegin Heilig bei einem Rundgang ihrer Reihe „Wilder Sonntag“ mit Bürgerinnen und Bürgern durch den grünen Innenstadtgürtel.

„Die Oper müsste in einen schmalen Streifen gedrückt werden“, schilderte die Umweltstadträtin, „und die erste Baumreihe müsste fallen“. Ihre Idee lautet deshalb: die Oper nicht ins Grün, sondern in die Neue Mainzer Straße verlegen, die dafür stark zurückgebaut und auf eine Fahrspur verengt werden müsste. „Ich weiß, das ist ein kühner Vorschlag“, sagte Heilig. „Aber es ist doch klar: Wenn wir das hier planen, dann wollen alle den Eingang zur Parkanlage hin.“ Das gehe aber zwangsläufig auf Kosten der Bäume. Mit einem in den Straßenraum zurückgesetzten Bau jedoch könnten die Bäume erhalten und als Element ins Opern-Entree integriert werden. Die Neue Mainzer auf der Rückseite würde zum Boulevard umgebaut – „als Start in die autofreie Innenstadt“.

Gerade die aktuelle Hitzeperiode zeige, wie wichtig Bäume fürs Stadtklima seien, plädierte die Gründezernentin. „Wir wollen die Bäume verteidigen. Wir wollen keine weiteren Eingriffe in unsere Grünflächen.“ Es gehe in Frankfurt nicht nur ums Geld, sondern auch um die Frage: „Wollen wir weiter Kultur im Stadtzentrum oder so etwas wie die Elbphilharmonie im Osthafen?“ Es sei gut, dass es eine breite Standortdebatte um Oper und Schauspielhaus gebe. „Aber wenn wir das realisieren, darf es nicht zu Lasten der Wallanlagen gehen, sondern der Straße.“

Ermunterung zur Petition

Eine Teilnehmerin am Spaziergang war so angetan von der Idee, dass sie direkt fragte: „Was können wir tun? Gibt es eine Petition?“ – „Starten Sie eine!“, ermunterte Heilig. Im Architekturmuseum seien derzeit alle Varianten für die Theater der Zukunft ausgestellt, animiert die Grünen-Stadtverordnete, sich zu informieren und einzumischen.

Der letzte Rundgang am „Wilden Sonntag“ in den Sommerferien hatte bereits mit ehrwürdigen Bäumen begonnen: unter den genau 200 Jahre alten Platanen am Nebbienschen Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage. Drinnen im Häuschen waren am Sonntag zum letzten Mal die schönen Bilder der Malerin Miriam Weindel-Dijkstra zusehen, organisiert vom Frankfurter Künstlerclub, der in diesem Jahr ebenfalls einen annähernd runden Geburtstag feiert: den 65.

Noch ein Jubiläum: Das Opferdenkmal von Benno Elkan in der Gallusanlage wurde vor 100 Jahren enthüllt. „Ein Skandal damals“, wie Björn Wissenbach erinnerte, der Stadtführer, der praktisch alles weiß, sogar sonntags bei 36 Grad im Schatten in den Wallanlagen. „Die Völkischen haben den Aufstand geprobt.“ Warum? Weil Elkans Werk keine heroischen Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg zeigt, sondern eine tieftraurige Frau – so, wie es nach einem verheerenden Krieg auch angemessen ist, würde man heute sagen. Nationalkonservative in den 1920ern und später die Nazis wollten es anders. Der mutige Benno Elkan und dann die Frankfurter Bürger setzten sich letztlich durch.

Der Rundgang durch die Wallanlagen führte zu zahlreichen interessanten Stationen. Er ist bei nächster Gelegenheit auch aus anderer Perspektive zu empfehlen: Er führt zu unübersehbar vielen Menschen, die offenbar keinen sicheren Platz in unserer Gesellschaft haben, auf den Wiesen lagern, ihre Wäsche in den Brunnen waschen und in den Büschen zum Trocknen aufhängen. Die Stadt, das wurde am Sonntag überdeutlich, ist wunderschön, aber sie hat auch Probleme. An der Hitze können wir kurzfristig nichts ändern; an manch anderer Lage durchaus.

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