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500 Menschen gedenken in Frankfurt der neun Opfer von Hanau

Sechs Monate nach Hanau

„Kein Vergeben, kein Vergessen“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Rund 500 Menschen gedenken in Frankfurt der Opfer des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau

Sechs Monate nach dem rassistisch motivierten Anschlag am 19. Februar in Hanau, bei dem neun junge Menschen mit Migrationsgeschichte ermordet wurden, versammelten sich am Mittwoch nach Polizeiangaben 500 Menschen auf dem Frankfurter Opernplatz, um den Opfern zu gedenken. Dazu aufgerufen hatte ein Bündnis aus antifaschistischen Organisationen, Initiativen, Kollektiven und Gewerkschaften.

„Deutschland versagt, wenn es um Betroffene geht. Der Staat schützt sie nicht, sondern die, die sie töten“, sagte eine der Rednerinnen, bevor der Demozug Richtung Eschenheimer Tor startete. Die logische Konsequenz müsse sein, Neonazi-Netzwerke zu enttarnen, zur Rechenschaft zu ziehen und strafrechtlich zu verfolgen. „Denn der Faschist aus Hanau ist kein Einzeltäter, er ist Produkt des strukturellen Rassismus dieser Gesellschaft“, sagte die Rednerin im Namen des Bündnis.

Das Bündnis forderte die Freigabe der NSU-Akten und die lückenlose Aufklärung, im Fall von Oury Jalloh über das NSU-Netzwerk bis zu den aktuellen „NSU-2.0“-Skandalen, den rechten Netzwerken in der Polizei und dem Anschlag in Hanau.

Das politische Versagen dürfe nicht hingenommen werden, „daher fordern wir den Rücktritt des hessischen Innenministers Peter Beuth“, sagte die Rednerin. Sie schloss ihre Rede mit deutlichen Worten in Richtung der Politik, der staatlichen Behörden, der Gesellschaft und im Namen der Angehörigen von Hanau: „Wir vergeben nicht, wir vergessen nicht. Rassismus tötet. Wer das ignoriert, nimmt Morde billigend in Kauf.“

Noch bevor sie die bewegenden Aussagen der Angehörigen an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den bundesweiten Demonstrationen des gestrigen Tages abspielte, sagte sie: „Es ist der 19., der Tag in jedem Monat, der uns an die Nacht im Februar erinnert. Der Tag, der unser Leben verändert hat.“

Auch die Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Janine Wissler, nahm an der Demonstration teil. Für Wissler war Hanau der schreckliche Höhepunkt einer Serie von rassistischen Gewalttaten, nach Wächtersbach, nach dem Mord an Walter Lübcke.

„Die Familien brauchen Aufklärung und Solidarität, doch das fehlt in unserer Gesellschaft“, sagte sie. Die Linken-Politikerin, selbst Betroffene der Drohmails vom „NSU-2.0“, übte scharfe Kritik an der Polizei: „Die Nazistrukturen werden verharmlost. Die Polizei ist Teil der Verharmlosung. Wir wissen, dass es rechte Chatgruppen in Frankfurt, Vernetzungen und Strukturen gibt. Das sind keine Einzelfälle.“

Während des Demozugs riefen die Teilnehmenden „alle zusammen gegen den Rassismus“, „Hanau war kein Einzelfall“ oder „no justice, no peace“. Charles, ein Sprecher des Bündnisses „Be Heard“, sagte bei seiner Rede am Eschenheimer Tor. „Hanau ist kein Einzelfall. Wir sind müde, wir können nicht mehr schlafen, ihr müsst endlich aufwachen.“

Fast zeitgleich versammelten sich an der Hauptwache weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer zweiten Demo. Dazu aufgerufen hatte Migrantifa Hessen. Für jedes einzelne der neun Opfer von Hanau hielten sie eine Schweigeminute ab und zeigten die Gesichter der Opfer.

Ihre Namen: Said Nesar Hashemi, Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun und Fatih Saraçoglu.

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