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Ronja Merkel, Chefredakteurin des Journal Frankfurt.

Gesellschaft

„Kein Tag ohne sexistisches Verhalten“

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Journal-Chefredakteurin Ronja Merkel spricht über Feminismus und Alltagssexismus.

Ronja Merkel sucht sich das Strandcafé im Nordend aus, um über Sexismus zu sprechen. Das Strandcafé ist die Geburtsstätte des Magazins Pflasterstrand, dem Vorgänger des Journal Frankfurt, das sie seit September 2018 leitet. Alltagssexismus und Übergriffe von Männern hatte sie schon auf der Presseparty der Stadt Frankfurt angeprangert. Das Journal Frankfurt wolle sie insgesamt politischer machen, sagt sie.

Frau Merkel, die neueste Ausgabe des Journals titelt: „Es lebe das Matriarchat!“ Das ist ironisch gemeint, oder?
Nein, eigentlich nicht.

Widerspricht das nicht der Idee von Gleichberechtigung, für die der Feminismus kämpft?
Wir greifen das Thema in der Titelgeschichte auf. Das Matriarchat ist eben nicht die Umkehrung des Patriarchats, wie die Dokumentarfilmerin Uschi Madeisky erläutert. Es steuert auf eine ausbalancierte, harmonische Gesellschaft hin. Beim Patriarchat spielt die Unterdrückung der Frau eine Rolle, der Mann ist das Oberhaupt. Im Matriarchat sammelt sich die Familie oder die Gruppe um eine tatsächliche oder symbolische Mutter, die Rechte sind gleichmäßig verteilt.

Eine bewusste Provokation...
Männer bekommen, glaube ich, schnell Angst vor dem Begriff Matriarchat, weil sie darunter die Umkehrung der Machtverhältnisse verstehen. Das hätte nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Aber ja, der Titel soll einen kleinen Schock auslösen.

Was heißt Feminismus für Sie?
Dass Frauen sich ihre Rechte bewusstmachen und dafür einstehen, dass sie ihre Wünsche äußern, ihren Willen auch mal durchsetzen und letztlich auf dem gleichen Level wie Männer ankommen. Gleichberechtigung sollte immer das Ziel sein. Ich bin zwar Feministin, aber kein großer Fan von Alice Schwarzer oder Sophie Passmann. Den Begriff „alte weiße Männer“ finde ich diskriminierend und abwertend. Das heißt aber nicht, dass Frauen nicht ab und an laut oder provokant sein dürfen.

Ronja Merkel ist seit September 2018 Chefredakteurin des Journal Frankfurt. Zuvor leitete die 30-Jährige den Münchener Verlag Leo der Europa Verlagsgruppe.

Sie haben die Chefredaktion des Journal Frankfurt vor zehn Monaten übernommen, mit 29 Jahren. Wie wurde Ihnen damals begegnet?
Es wurde darüber diskutiert, dass nun eine junge Frau Chefredakteurin ist. Mein Vorgänger Nils Bremer war, als er den Posten übernahm, nur zwei Jahre älter. Das hat niemanden interessiert. Auch haben sich vor allem Männer bei mir gemeldet, um mir dann zu erklären, wie die Welt funktioniert.

Das typische Mainsplaining...
Auch bei Geschäftsterminen und Antrittsbesuchen kam es oft zu diesen Situationen. Leider passiert es mir immer noch, dass meine Qualifikation angegriffen wird. Dabei habe ich hart dafür gearbeitet, da zu sein, wo ich jetzt bin.

Wie wehren Sie sich dagegen?
Ich sage zum Beispiel: Sorry, dass muss ich mir nicht anhören. Wobei ich nur selten das Gefühl habe, dass das etwas bringt. Man kann aber auch einen Warnschuss an die Öffentlichkeit abgeben, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen.

Das haben Sie auf der Presseparty getan, wo Sie Alltagssexismus öffentlichgemacht haben: Ein Landtagsabgeordneter habe sie mit den Worten begrüßt, ‚endlich mal eine attraktive junge Frau‘, und den Blick über ihre Beine streifen lassen. Ein Sportfunktionär habe Ihnen an den Po gefasst.
Das war schon kein Alltagssexismus mehr, sondern übergriffig. So etwas zeigt auch die Schieflage in der Gesellschaft. Wir nehmen für uns in Anspruch, eine aufgeklärte moderne Gesellschaft zu sein, aber auch bei uns können Frauen nicht über die Straße gehen, ohne mit sexistischem Verhalten konfrontiert zu werden. Ich kenne keine Frau, die nicht davon berichten kann. Männern passiert das hingegen nicht. Ich freue mich auf den Tag, an dem mir ein Mann zu meiner beruflichen Qualifikation gratuliert, statt zu meinem Aussehen.

Was muss sich in der Gesellschaft noch ändern?
Es gibt viele Punkte wie den Gender Pay Gap, die Frauenquote, die Gleichberechtigung in der Partnerschaft, vor allem zeitlich nach der Geburt eines Kindes oder die Abkehr von toxischer Maskulinität. Ich glaube, in meiner Generation haben sich die Einstellungen aber bereits sehr zum Positiven verändert.

Interview: Florian Leclerc

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