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Sänger Burkhard Solle, Großneffe des Jubilars, hier im Gespräch mit Christina Treutlein von der Ernst-May-Gesellschaft.

Maygeburtstag 133

Erinnerungen an Ernst May in Frankfurt

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Die Ernst-May-Gesellschaft feiert Geburtstag, und der Großneffe des Jubilars trägt Verblüffendes dazu bei.

Wer kennt sie nicht – herrlich schräge Schlager wie „Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche“ von Fred Raymond oder „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ von Walter Kollo. Wie? Sie kennen sie nicht? Nun, aber Ernst May kannte sie vermutlich. Und für ihn wurden sie ja schließlich gesungen am Samstag.

„Maygeburtstag 133 – ein Nachmittag am Radio“ heißt das Motto im Ernst-May-Haus in der Römerstadt. Der Namenspate und Baumeister wäre 133 Jahre alt geworden, lebte er noch, und zur Feier des Tages tritt ein besonderer Sänger auf: Burkhard Solle, seines Zeichens Großneffe des Jubilars. Er legt den Zauber der 1920er Jahre über den Garten des Musterhauses der May-Gesellschaft, als er Mozarts „Veilchen“ oder Schuberts „Heidenröslein“ vorträgt.

Wer Gelegenheit hat, mit Solle ein paar Worte zu wechseln, erfährt zudem Verblüffendes. Beispielsweise, dass der Großneffe einst zwar in einem May-Haus aufwuchs, jedoch nicht etwa in Frankfurt, sondern in Lemgo. Dort hatten Solles Großmutter Charlotte, die Schwester von Ernst Mays Frau Ilse, und ihr Mann Wilhelm ein Heim nach den Plänen des Schwagers errichten lassen.

„Man konnte dort gut leben“, sagt der 56-jährige Solle. „Es war vielleicht eine Spur luxuriöser als hier“, er weist auf die May-Siedlung mit ihren typischen Reihenhaus-Schachteln, „es gab hohe Fenster, die Durchreiche zur Küche, die Schubladen, die von beiden Seiten der Wand zu verwenden waren, und auch die Mehl- und Zuckerschütten – aber keine regelrechte Frankfurter Küche.“

Die Frankfurter Küche.

An den Architekten selbst, seinen Großonkel Ernst May, hat Solle jedoch keine Erinnerung aus jener Zeit. Zu lang her. Und es kommt noch viel besser. Der Musiker, Sänger und Konzertmeister hat zwar schon seit einiger Zeit Kontakt nach Frankfurt, weil er zum Ensemble des Papageno-Theaters gehört. „Aber was mein Großonkel hier in Frankfurt auf die Beine gestellt hat, das ist mir erst später klargeworden“, sagt er und muss selbst lachen. In der Tat trug es sich erst vor zwei oder drei Jahren zu, dass die Ernst-May-Gesellschaft und der Ernst-May-Nachfahre voneinander hörten – und seither ist Solle natürlich eines der an die 300 Mitglieder dieses Kreises.

Zum 133. Geburtstag präsentiert er Lieder, die Ernst May selbst im Radio gehört haben könnte, sehr zum Vergnügen der Besucher, die bei Kuchen und Apfelsaft im Garten lauschen. Klaus Klemp, Vorstand der Ernst-May-Gesellschaft, freut sich über neue Errungenschaften im Musterhaus (ein zeitgenössisches Bett und eine wunderbare authentische Leuchte). „Das Thema Neues Frankfurt ist in der Gesellschaft angekommen“, sagt er, jenes Motto also, unter dem May seine Pläne für die wachsende Stadt machte. Wie aktuell sind sie? Könnte dieses Neue Frankfurt auch heute helfen, in Zeiten, da die Stadt wieder boomt? Auf jeden Fall, ist das geschäftsführende Duo der May-Gesellschaft überzeugt, Philipp Sturm und Christina Treutlein. „Der soziale Gedanke im Wohnungsbau muss wieder forciert werden“, sagt Sturm. „Wir müssen viele Wohnungen bauen.“ Natürlich nicht so wie damals. Mike Josef (SPD), der heutige Stadtplanungsdezernent, werde seine Vorstellungen nicht durchboxen können wie einst May, der die Macht gehabt habe, der Bevölkerung vorzuschreiben, wie sie leben sollte.

Der Geburtstag, seit einigen Jahren fest im Programm, sei auch eine schöne Gelegenheit, Utopien zu diskutieren, sagte Treutlein: das Pestalozzibad etwa, einst in Bornheim geplant, nie realisiert, aber heute wäre es hochwillkommen. Alles in allem aber ist es ein schönes Beisammensein am Samstag, mit feinster Musik und einem Altersspektrum, so breit gefächert, wie man es selten sieht.

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