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Als er kam, saß Grzimek noch am Steuer: Rainer Schillings, seit 60 Jahren Zoo-Dauergast.

Zoo Frankfurt

Der Zoo hält jung

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Rainer Schillings ist Jahreskarteninhaber seit 1958. Die großen Katzen haben es ihm am meisten angetan.

Rainer Schillings ist ein Phänomen. Als Teenager sah er viel erwachsener aus – und jetzt, als Gentleman, wirkt er viel jünger. Vergleichen Sie selbst: Ist der Herr auf den Fotos wirklich erst 16, beziehungsweise schon 76?

Die 60 Jahre, die zwischen beiden Aufnahmen liegen, verbrachte Rainer Schillings übrigens im Zoo. Nicht komplett; zwischendurch ging er schon auch mal nach Hause. Aber seit 1958, also seit genau sechs Jahrzehnten, hat er eine Jahreskarte. Und die nutzt er auch. 

„Sehen Sie“, er zieht ein Fotomäppchen aus dem Rucksack, „Ziegen und Vikunjas, schon damals vergesellschaftet in einer Anlage.“ Wisente, Bisons, ganz viele kleine Großkätzchen hat er aufgenommen in all den Jahren. Schöne Bilder, mit Sachverstand fotografiert. Den Tierpfleger mit zwei jungen Jaguaren im Arm. Die Elefantendame Baroda, Einzige ihrer Art, nach der ein Verkehrsweg benannt ist, der Baroda-Pfad. Den Löwen Doneo, den alle Leo nannten, und der es offenbar schätzte, dass Rainer Schillings seinen wahren Namen würdigte: „Der guckt mir genau in die Linse!“  

Jahreskarte als Geschenk 

Wie ging es los damals? Weil der Vater beruflich in Frankfurt anheuert, kommt der gebürtige Essener in den 50er Jahren an den Main und – Klischee, Klischee – wird prompt zu einer Banklehre verdonnert. Um ihn aufzumuntern, schenkt ihm die Frau Mama eine Jahreskarte für den Zoo. Die Familie wohnt in der Waldschmidtstraße, einen Großkatzensprung entfernt.

Fortan verbringt der junge Rainer Schillings weite Teile seiner Freizeit bei den Tieren und findet im Publikum auch seinen Freundeskreis. „Ich war eigentlich noch gar kein Zoo-Fan“, sagt er. „Aber ich habe schnell Gleichaltrige kennengelernt.“ Mit der Zeit wächst die Begeisterung besonders für die Katzen. Doneo, der Löwe, erlaubt ihm sogar, seine Nase zu streicheln. Unvorstellbar heute. „Der kannte mich ja. Ich wusste, der lässt das zu.“ 

Er wusste auch, dass die Löwen seinerzeit gern mal ins Publikum „pieselten“, das erwartungsvoll vorm Käfig stand. „Ich habe das natürlich immer kommen sehen“, sagt er und lacht. „Die anderen Leute haben komisch geguckt, wenn ich in die Knie ging. Aber die waren dann nass und ich nicht.“ 

Als der Zirkus Sarrasani in Frankfurt war, sprach Katzenfreund Schillings täglich mit den Dompteuren. Schließlich luden sie ihn ein ins Winterquartier nach Preungesheim. Da entstand das Foto mit dem kleinen Löwen.

Man hat so seine Bekannten mit der Zeit. „Rebecca, das verrückte Huhn!“ Die Gorilla-Dame, die auch schon mal zur Begrüßung an die Scheibe sprang. „Oder als Dian ihr erstes Kind bekam“, ebenfalls aus der Gorillasippe. „Die stand so da: Hier isses!“ Schillings macht sich ganz groß und streckt die Arme aus.

Im alten Affenhaus zeigt er auf die Wand und erzählt: „Dahinter war der erste Felsen für die Klammeraffen – da stand dieses Haus noch gar nicht.“ Und jetzt ist es schon völlig überaltert, das Gebäude mit seinen Käfigen, wie man sie früher baute, damit die Leute möglichst viel Tier sehen. Heute haben die Tiere mehr Platz und mehr Komfort. Das ist wichtig, sagt Schillings. „Aber man sieht die Tiere halt auch nicht mehr so gut.“

Regelmäßige Besuche - nach wie vor 

Zwei-, mitunter dreimal die Woche kommt er immer noch in den Zoo. Viele Fotos und Videos macht er nicht mehr, seit seine geliebte Frau vor einem Jahr starb. Er weiß nicht, wem er die Bilder zeigen soll. Mit all der Erfahrung: Was wünscht sich der Veteran für den Zoo der Zukunft? Leoparden wären gut, sagt er. Und Gastronomie im Gesellschaftshaus, auch auf der Terrasse, aber nicht zu groß, das Ganze.

Lieber einen schönen großen Bereich für die großen Tiere. Eine Rückkehr der Elefanten hat Zoodirektor Miguel Casares ja nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Was hält Schillings davon? „Viel. Der Platz wäre da.“ Er weiß das – er hat vor Jahren selbst einen Plan eingereicht, wie die Flächen gut zu nutzen wären, bisher ohne Resonanz. Auch seine jahrzehntelange Treue zum Zoo brachte ihm bislang keine offizielle Anerkennung ein. Immerhin: Von der Zoologischen Gesellschaft hat er ein Zertifikat. Da ist er genauso lang Mitglied.

Am Getränkestand am großen Weiher wartet das eigene Weizenbierglas auf den Stammgast. Man kennt sich eben. Und man weiß, Rainer Schillings ist der lebendige Beweis für die These: Zoo hält jung.

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