Lübcke-Mord

Schüsse aus dem Dunkeln – 19 Jahre ungelöst: Steckten Neonazis dahinter?

  • Martín Steinhagen
    vonMartín Steinhagen
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Ein alternatives Wagendorf wurde in Kassel in der Nacht beschossen. Fast 19 Jahre ist das nun her, die Tat ist unaufgeklärt geblieben. Steckten Neonazis dahinter?

  • Vor fast 19 Jahren treffen Schüsse aus dem Dunkeln auf ein alternatives Wagendorf in Kassel
  • Der Fall ist noch immer ungelöst - Durch den Lübcke-Prozess tauchen neue Fragen auf. 
  • Es scheinen immer mehr Fälle aufzutauchen, die Neonazis zugeschrieben werden könnten. 

Kassel – Eine Sommernacht am Ufer der Fulda. Der Fluss macht hier eine Kurve, umfließt die Ausläufer des Kasseler Stadtteils Wesertor. Auf der anderen Seite, in der Nähe des Kasseler Hafens, stehen damals Bauwagen im Grünen. Etwa ein Dutzend Leute lebt hier gemeinsam in einem Wagendorf, ein alternatives Wohnprojekt auf Rädern.

Jakob M.* ist nicht in seinem mobilen Zuhause, sondern in der gemeinsamen Küche, einer ehemaligen Hafenarbeiterbaracke aus Backstein, als er plötzlich einen lauten Knall hört. Er ist sich sofort sicher: Das war ein Schuss. Wie sich das anhört, das weiß er, weil er als Kind seinen Großvater auf die Jagd begleitet hat.

M. rennt ins Freie. Er ruft „Hör auf!“ und „Stopp!“. Gibt Lichtsignale mit einer Taschenlampe. Er will darauf aufmerksam machen, dass sich hier Leute aufhalten. Doch zwei weitere Schüsse fallen. Jakob M. hört die Geschosse in der Luft sirren und wie sie sich durch die Blätter der Bäume schlagen. Im Wagendorf verdunkeln sie jetzt die Lichter, die Bewohner gehen in Deckung. Es bleibt still.

Schüsse auf ein Wagendorf in Kassel - Seit dem Lübcke-Mord 2019 befassen sich die Betroffenen wieder mehr mit dem Fall

So schildern jedenfalls Jakob M. und Boris J.*, ein weiterer ehemaliger Bewohner, jenen Abend im August 2001. „Ein scheußliches Gefühl war das“, erinnert sich M. fast 19 Jahre danach. Damals wendet sich die Gruppe nicht an die Öffentlichkeit, der Fall bleibt unbekannt. Das Wagendorf gibt es nicht mehr. Aber die beiden ehemaligen Mitbewohner lassen die Schüsse nicht los. Gerade jetzt nicht. Beiden denken seit dem Mord an Walter Lübcke im Sommer 2019 wieder öfter daran.

Im Zuge der Ermittlungen gegen den inzwischen wegen des Mordes an Lübcke angeklagten Stephan Ernst blicken die Behörden seit vergangenem Sommer auch auf ältere Fälle in Kassel: Auf den bis dahin unaufgeklärten, brutalen Messerangriff auf einen irakischen Geflüchteten im Januar 2016 etwa, für den sich jetzt auch Ernst verantworten muss. Oder auf einen Fall, der an den der beiden Freunde vom Bauwagenplatz erinnert.

Am frühen Morgen des 20. Februar 2003 durchschlägt ein Geschoss die Scheibe des Küchenfensters eines Lehrers. Der Mann hat großes Glück, die Kugel trifft nur ein Wandregal, verletzt ihn nicht. Schon damals gibt es den Verdacht, dass Rechtsradikale dahinterstecken könnten. Der Lehrer ist bei einer antifaschistischen Organisation aktiv. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau steht er schon seit Mitte der 1990er Jahre auf einer Art Feindesliste aus der Neonaziszene, die damals auch im Netz kursiert. Inzwischen äußert er sich selbst nicht mehr öffentlich zu dem Fall.

Der Angeklagte im Fall Lübcke Stephan Ernst - Ist er für noch mehr Anschläge verantwortlich?

Bei Stephan Ernst finden die Ermittler im vergangenen Sommer Aufzeichnungen zu dem Lehrer. Könnte Ernst der Täter sein? Die Bundesanwaltschaft sieht zumindest zu Beginn des Jahres einen Anfangsverdacht, hat aber keine Anklage erhoben. Aber die Akten und Asservate von damals wurden aufgrund von Löschfristen vernichtet. Die Staatsanwaltschaft Kassel hatte nicht wegen eines versuchten Tötungsdelikt ermittelt. Ernsts Verteidiger Frank Hannig hat die Vorwürfe gegen seinen Mandanten auf Youtube zurückgewiesen.

Jakob M. vom Wagenplatz setzt sich damals am Morgen nach den Schüssen im August 2001 in sein Kanu und paddelt über die Fulda. Am anderen Ufer ist ein Parkplatz. Hier, vermutet er, könnte der Schütze gestanden haben. Tatsächlich habe er Patronenhülsen gefunden, sagt er heute. Er habe sie vorsichtig eingesammelt, in eine Plastiktüte gesteckt und später bei der Polizei abgegeben.

Dort erstattet Jakob M. mit einem anderen Mitbewohner am 8. August 2001 Anzeige, zwei Tage nach dem mutmaßlichen Anschlag. Ein Teil des Protokolls von damals liegt der Frankfurter Rundschau vor. Die Ermittlungen führen wohl zu keinem Tatverdächtigen. Jakob M. hinterlässt seine Handynummer, aber hört nach eigenen Angaben nichts mehr von den Behörden.

Angriff auf alternatives Wagendorf vor 19 Jahren: „Heute sind Nazis die wahrscheinlichste These“

Boris J. erinnert sich, dass Ermittler auf dem Platz nach den Projektilen gesucht hätten, aber anscheinend ohne Erfolg. Das Polizeipräsidium Nordhessen teilt auf Anfrage mit, dass keine Informationen zu dem Fall vorlägen, „mutmaßlich aufgrund inzwischen eingetretener datenschutzrechtlicher Löschfristen“. Der Beamte, der die Anzeige aufnahm, sei inzwischen im Ruhestand. Auch die Staatsanwaltschaft in Kassel kann kein passendes Verfahren mehr finden, sagt ein Sprecher.

Die beiden Bewohner des Wagendorfs aber fragen sich bis heute, wie groß die Bedrohung damals wohl war – oder vielleicht heute noch ist. Wie sehr standen sie im Fokus der durchaus militanten Neonaziszene in Nordhessen zu jener Zeit? Hätten die Behörden sie gewarnt? War der Täter beim Schuss auf den Lehrer vielleicht derselbe wie beim Angriff auf den Wagenplatz? Warum wurden sie damals nicht als Zeugen vorgeladen? Wie intensiv wurde ermittelt?

Damals waren sie sich noch unsicher, woher der Angriff kam, sagt Boris J. „Heute sind Nazis die wahrscheinlichste These“, meint er. „Wir waren ein attraktives Angriffsziel.“

Linke und ihre Projekte werden immer wieder zum Ziel: Neonazis gehen organisiert vor

Der Wagenplatz ist in Kassel seinerzeit als Projekt der linken Szene bekannt. Am gegenüberliegenden Ufer, von wo aus wohl geschossen wurde, führt ein Weg für Spaziergänger an der Fulda entlang. Es gab seit Mitte der 1990er immer wieder Konflikte wegen Räumungen anderer Wagenplätze, erinnert sich Boris J. Auch der am Hafen war bedroht, es gab Ärger mit Anrainern und der Stadt. Die „Bauwägler“ sind Thema in der Lokalzeitung HNA, in Leserbriefen, auch die Frankfurter Rundschau berichtet.

In der rechten Szene dürfte man den Ort gekannt haben. Nicht weit entfernt, in Kassel-Wesertor, lebte etwa seit Ende der 1990er Jahre mit einer Unterbrechung der Neonazi Markus H., inzwischen angeklagt wegen Beihilfe zum Mord an Walter Lübcke.

Und Linke oder ihre Treffpunkte werden bundesweit immer wieder zum Ziel: Neonazis legen Adressverzeichnisse an, machen Fotos von Gegendemonstranten und Aktivisten, „Anti-Antifa“ heißt das schon damals in der Sprache der Szene. Auch Übergriffe sind keine Seltenheit.

In Kassel gibt es dafür Beispiele, auch zu jener Zeit: So schildert der später enttarnte V-Mann Benjamin G. zumindest laut einem internen Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz, im Herbst 2002 hätten einige seiner Kameraden ein „Zeckenwohnheim“ angegriffen, nicht weit vom späteren NSU-Tatort in der Holländischen Straße entfernt. Das Dokument liegt der FR vor. Auch ein „Stefan“ mit unbekanntem Nachnamen ist daran dem Spitzel zufolge beteiligt. Nach einem Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“ soll es sich dabei um Stephan Ernst handeln. Sein Anwalt Frank Hannig wollte auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Damals soll Ernst, Ermittlungen des Landeskriminalamts zufolge, jedenfalls erste Notizen angefertigt haben, die die Bundesanwaltschaft als Ausspähungen möglicher Opfer bewertet, darunter auch politische Gegner. Die Namen der beiden Wagenplatzbewohner tauchen offenbar nicht auf. Jedenfalls setzte das Landeskriminalamt sich nach deren Angaben nicht mit ihnen in Verbindung. Alle Betroffenen sind laut Behörde informiert worden.

Viele Fälle im Blick: Ein linkes Projekt könnte in den Fokus des NSU geraten sein

Ein anderes alternatives Projekt könnte möglicherweise sogar in den Fokus der rechten Terrorristen des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) geraten sein, die am 6. April 2006 Halit Yozgat in der nordhessischen Stadt ermordeten. Im Brandschutt der letzten Wohnung der Rechtsterroristen fand die Polizei verkohlte Stadtpläne. Auf den Karten von Kassel sind mehrere Orte markiert, Läden zum Beispiel, manchmal steht „Ali“ daneben, im rassistischen Jargon wohl ein Kürzel für ein mögliches Opfer. Auch die Adressen von Bürgerbüros von Bundestagsabgeordneten sind in den Unterlagen. Das geht aus Akten hervor, die der FR vorliegen. In der Nähe des Kasseler Hauptfriedhofs, nicht weit vom späteren Tatort, hat jemand einen auffällig großen Pfeil eingezeichnet und das Wort „Haus“ notiert. Genau so hieß auch ein damals noch aktives und dort ansässiges Kulturprojekt mit Filmabenden, Punkrock, Partys und wöchentlichem Plenum. Auch die beiden Freunde vom Bauwagenplatz kannten es gut. Hatten die Neonazis vom NSU es als Ziel in Erwägung gezogen? Und wenn ja: Wie kamen sie darauf?

Die Ermittler, so geht es aus den Akten hervor, können die Markierung damals nicht den anderen Adresslisten des NSU zuordnen und sehen sie als Hinweis für eine Ortsbegehung der Täter. Die mögliche Verbindung zu dem Projekt namens „Haus“ in der Nähe der Notiz auf der Karte wird offenbar nicht hergestellt. Manche Markierungen tragen die Täter allerdings auch falsch ein, etwa den Sitz eines iranischen Vereins im Kulturzentrum „Schlachthof“ ganz in der Nähe.

Jakob M. und Boris J. haben inzwischen einen Anwalt beauftragt. Sie hoffen, dass sich doch noch etwas zu den Ermittlungen von damals finden lässt. Oder dass sich der Untersuchungsausschuss zum Fall Lübcke im Hessischen Landtag der Sache annimmt. Die beiden wollen mit ihrer Geschichte auch auf die „Kontinuität rechten Terrors“ aufmerksam machen. „Das hat in Kassel nicht erst mit dem Mord an Halit Yozgat begonnen“, sagt Boris J.

*Namen von der Redaktion geändert.

Rubriklistenbild: © Peter Jülich

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