Durstige Damen auf dem Römerberg beim Frankfurter Karnevalszug am Sonntag.
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Durstige Damen auf dem Römerberg beim Frankfurter Karnevalszug am Sonntag.

Fastnacht

Karneval in Frankfurt: Feiern in Zeiten des rechten Terrors

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Frankfurter Karnevalisten wollen sich das Fest nicht verbieten lassen, auch wenn sie den Anschlag von Hanau im Hinterkopf haben.

Der Frankfurter Karnevalszug hat am Sonntagmittag gerade begonnen, die Menschen drängen sich an der Hauptwache, um einen Blick auf die Motivwagen und Garden zu werfen, da hilft Haitham seinem Sohn, auf einen Betonpoller zu klettern. Viele Kinder sind auf die Poller gestiegen, die eigentlich dazu gedacht sind, Anschläge durch Fahrzeuge zu verhindern. Auch die Tochter von Shaymaa und Haitham will hinauf. Papa hilft.

Shaymaa trägt Kopftuch. Natürlich sei ihr der Terroranschlag von Hanau bewusst, bei dem gezielt Menschen mit Migrationshintergrund ermordet worden sind, sagt sie auf Englisch. „It’s awful.“ („Es ist schrecklich.“) Auch die darauf folgenden Angriffe auf Shishabars in Stuttgart und Döbeln hätten sie mitbekommen, ergänzt ihr Mann, ebenfalls auf Englisch. Eine gute Zeit zum Feiern sei es nicht gerade. Aber Karneval habe nun einmal Tradition in Deutschland, den Kinder mache es Freude. Rechtsextreme sollten sie nicht vom Feiern abhalten dürfen. „They should not prevent us from our daily lives“ („Diese Menschen sollten uns nicht von unserem täglichen Leben abhalten“), sagt sie. Muslime wie sie dürften keine Angst haben, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sonst hätten die Rechtsextremen ihr Ziel erreicht.

Gardemädchen von den „Weißbüsch“.

„Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir lassen uns das Feiern nicht verbieten“, hatte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) schon bei der Rathauserstürmung am Samstag gesagt. Axel Heilmann, Präsident des Großen Rats, fügte hinzu: „Uns zu Opfern machen zu lassen, haben wir nicht verdient.“

Das sehen beim Zug am Sonntag auch Tatjana, Leonie und Marie so, die als Hummel, Affe und Löwe verkleidet gekommen sind. Sie hätten Freunde in Hanau, sagt Tatjana, am Sonntag vor einer Woche hätten sie noch zusammen in einer Shishabar gesessen. Es sei unfassbar, dass solch ein Anschlag mittlerweile überall passieren könne, meint sie. „Das haben wir natürlich im Hinterkopf.“ Das Feiern wollten sie sich trotzdem oder gerade deswegen nicht vermiesen lassen. Ohne den Anschlag relativieren zu wollen, meint Tatjana, dass täglich überall auf der Welt schweres Unglück passiere, das dürfe Menschen nicht davon abhalten, Freude am Leben zu haben.

„Rheingold Show & Brass“ aus Mainz.

An der Hauptwache biegen die Wagen in die Katharinenpforte ein. Karnevalisten werfen Kamellen, Kinder rennen zu den Bonbons, heben sie auf und stopfen sie in ihre Beutel und Taschen. Eine Gruppe, die als Kuh, Skelett, Hip-Hopper und Einhorn verkleidet ist und Bierdosen mit „5,0 Original“ in der Hand hält, reißt eine Kiste mit „Kleinen Klopfern“ auf, setzt die Liköre an und trinkt. Vor ihnen liegt eine Stange Kreppel auf dem Betonpoller. Trinken am Mittag. Auch das ist Karneval.

Winnie nippt an seinem Rosé. Die Karnevalisten hätten die Wagen, den Aufbau, den Tanz seit Monaten vorbereitet, sagt er. Heute sei er hier, um den Zug zu unterstützen. Täter, die Anschläge begingen, dürften der Bevölkerung nicht ihren Willen aufzwingen. „Auch deswegen bin ich hier, um Flagge zu zeigen.“ Denn eigentlich, sagt der Frankfurter, der aus Kiel stammt, sei Karneval seine Sache nicht. In diesem Jahr steht der Frankfurter Karneval unter dem Motto „Das Handwerk hat seit langem schon / In Frankfurts Fastnacht Tradition“. Das Motto ist, wie so vieles, seit Monaten vorbereitet; kurzfristig geändert, um auf die gesellschaftliche Situation hinzuweisen und ein politisches Statement abzugeben, wurde es nicht.

Auch die Einhörner feiern.

„Kostümierte aller Kulturen und Nationen, vereinigt euch gegen Ausgrenzung und Gewalt“ wäre ein denkbares Motto gewesen. Aber der Frankfurter Karneval ist traditionell nicht so politisch wie etwa der Rosenmontagszug in Mainz. Markante Wagen in Frankfurt sind der Struwwelpeter, der als einer der ersten im Zug fährt, sowie eine Ritterburg, ein Schiff und ein Porträt von Eintracht-Trainer Adi Hütter. „Adi Hütter baut sie auf / Die Eintracht hat nen guten Lauf“ steht da.

3769 Teilnehmer hat der Zug, bestehend aus 97 Vereinen und Verbänden, 36 Garden, 19 Kapellen, 29 Motivwagen, 60 Komiteewagen und sechs Kanonen. Zehntausende schauen zu.

Dann wird es doch noch politisch. Ein Mensch im Donald-Trump-Kostüm läuft durch die Absperrung und reiht sich einfach in den Zug ein. „Frankfurt First!“ ist auf seinem Schild zu lesen.

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