+
Antonia Hilchenbach arbeitet an ihrem Mantel mit Augenknopflöchern. Eine Kollektion aus alten Sakkos und Hemden.

Höchst

In der Modewelt mitbestimmen

  • schließen

Die Fachschule für Gestaltung/Design in Frankfurt-Höchst gibt es schon lange. Und doch ist sie immer noch so etwas wie ein Geheimtipp

Von außen würde man nicht erahnen, dass hier in diesem eher unscheinbaren, weißen Gebäude einer ruhigen Höchster Seitenstraße vielleicht der nächste Karl Lagerfeld ausgebildet wird. Okay, vielleicht nicht unbedingt ein Karl oder eine Coco, aber zumindest ein Designer oder eine Designerin, der/die in der Modewelt etwas bewegen kann. „So ein Ausnahmetalent wie Karl Lagerfeld ist sehr selten, aber unsere Alumni landen in kleinen, mittelständischen Unternehmen und ebenso bei Konzernen wie Boss, Betty Barclay, Brax, New Yorker, Burberry oder Comma“, erzählt Ina Franzmann.

Die 59-Jährige ist Fachbereichsleiterin für Gestaltung/Design und lehrt hier seit neun Jahren. „Obwohl es die einzige Fachschule in Hessen ist, an der man den Titel des staatlich geprüften Designers erwerben kann, ist sie noch so etwas wie ein Geheimtipp. „Das meiste läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Franzmann. Der Abschluss sei gleichgestellt mit dem Bachelor. Sie selbst habe erst nach 30 Jahren in der Modewelt zufällig von der Fachschule für Design/Gestatung in Frankfurt-Höchst erfahren. Dabei existiert sie in ihrer heutigen Form bereits seit Anfang der 70er-Jahre. Aktuell gibt es 26 Studierende.

Franzmann ist keine Theoretikerin. Von 1984 bis 1992 war sie Chefdesignerin bei Adidas und verantwortete so auch die legendären Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 1990. „Heute sind die T-Shirts Kult, aber damals waren sie sehr umstritten, weil es das erste Trikot mit den Farben der Deutschlandfahne war, davor waren sie noch schwarz-weiß“, erzählt Franzmann.

Nach ihrer Zeit bei Adidas machte sie sich selbstständig, arbeitete international. Sie habe ihren Job immer mit voller Leidenschaft betrieben. „Ich habe die ganze Welt gesehen, aber irgendwann war es einfach nur noch anstrengend. Die Modewelt ist sehr aufreibend. Ich wollte, dass etwas mehr Ruhe eingekehrt.“ Eine Freundin erzählte der Wiesbadenerin vor zehn Jahren von der Fachschule. Anfangs habe sie gezweifelt, ob sie ihr Wissen gut vermitteln könne, fragte sich: „Bin ich auch eine gute Lehrerin? Aber dann ist der Funke zwischen den Studierenden und mir ziemlich schnell übergesprungen.“

Die Fachschule gehört zur Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode, die ihren Hauptsitz in Bockenheim hat. Genau genommen sei die Fachschule für Design so etwas wie ein angeschlossenes Studium. „Die Voraussetzung, um hier zu studieren, ist eine abgeschlossene Maßschneider-Ausbildung. Nähen können die Studierenden also alle schon.“

In den zwei Jahren lernen sie nun eigene Modelle zu designen, selbst kreativ zu werden. Franzmann sitzt mit ihrer Kollegin Rita Krampe-Balzer (61), die die Fächer Trendanalyse und Zeichnen unterrichtet in einem der Lehrräume. An den Wänden hängen Mode-Zeichnungen wie die von einer blau-weiß gestreiften Bluse mit einer großen Schleife. „Heute zeichnet eigentlich keiner mehr per Hand, sondern in der Industrie verwenden alle Zeichenprogramme am Computer. Das lernen die Studierenden natürlich auch hier. Aber ich will eben auch, dass sie ein Gefühl für den kreativen Prozess bekommen. Und dafür ist das Zeichnen mit der Hand wichtig“, betont Krampe-Balzer. „Zu unserer Zeit gab es nur die Möglichkeit, an einer Hochschule Modedesign zu studieren, da gab es noch keine Fachschulen für Designer.“ Als sie selbst an der der Fachhochschule Bielefeld studierte und später in Mailand arbeitete, hatte sie das Gefühl, dass sie zu wenig während des viereinhalbjährigen Studiums an Basiswissen beigebracht bekommen hatte. „Also, welche Messen gibt es? Und wie funktioniert die Modewelt wirklich?“ Das mache sie eben nun anders.

„Das Besondere ist, dass man hier, abgesehen von dem einmaligen Materialkostenzuschuss von 300 Euro, kostenlos studiert“, sagt Franzmann. Bei Privatschulen koste das Semester schon mal 700 bis 800 Euro. Und während einige Privatschulen in Städten wie Düsseldorf oder Berlin sehr gut seien, gebe es natürlich auch paar schwarze Schafe, die mit dem Begriff „Designer“, der nicht geschützt sei, einfach Geld verdienen wollten. „Man sollte immer überprüfen: Wer lehrt an der Schule? Sind das Leute mit Erfahrung, haben sie selbst in der Modebranche gearbeitet?“, betont Rita Krampe-Balzer.

Da all die Studierenden schon eine Ausbildung hinter sich hätten, einige sogar bereits ein paar Jahre gearbeitet hätten, sei die Motivation sehr hoch: „Sie wollen das wirklich“, sagt Krampe-Balzer. Die meisten seien zwischen 22 und 30 Jahre alt. Und sie betont: „Das ist kein Schulunterricht. Wir arbeiten wie eine Abteilung in der Industrie.“ Der größte Teil sei der kreative. „Aber es gibt eben auch andere Lehr-Einheiten, die dazugehören. Das sind Fächer wie Englisch, BWL oder EDV oder Betriebsorganisation“, so Ina Franzmann. Zwischendrin entstehen immer wieder spannende Projekte: „Afghanistan meets Street Culture“ heißt eines. „Da haben wir mit einer Integrativ-Klasse von afghanischen Flüchtlingen zusammengearbeitet. Wir wollten zeigen, dass Afghanistan mehr als Zerstörung ist, sondern eine tolle Kultur hat“, so Franzmann. Diese tolle Handwerkskunst sei Teil der entworfenen Kleider gewesen. 2017 präsentierten sie experimentelle Roben auf der Heimtextil. Im Schaufenster von H&M auf der Zeil konnten die Studierenden einem breiten Publikum eine ganz besondere Denim Couture zeigen: Aus 518 Kilogramm getragenen Jeans entstand eine Kollektion aus avantgardistischen Kleidern.

Derweil sind die Drittsemester in den Kellerräumen fleißig am Nähen einer selbst entworfenen Kollektion mit Namen „Re.Suit“. Auch bei diesem Projekt ist das Thema Nachhaltigkeit, Upcycling-Fashion. „Wir haben alte Herrenanzüge und Hemden aus Spenden und Flohmärkten gesammelt, dann gewaschen, auseinandergetrennt, und machen daraus für eine Modenschau im Haus eine Damenkollektion“, erzählt die 30-jährige Nadine Nesello. Gerade näht sie an einer lässigen, wadenlangen Culotte. „Die Hose habe ich aus einem alten Herren-Mantel geschneidert.“ Sie selbst trägt ein cooles Bembel-Tattoo am Arm, hat eine dreijährige Ausbildung als Maßschneiderin abgeschlossen. „Dann habe ich zunächst in einer Nähwerkstatt gearbeitet. Aber ich habe es vermisst, kreativ zu sein.“ Schon als kleines Mädchen habe sie einen Nähkurs besucht. „Nach meinem Abschluss würde ich gerne in einem Start-Up-Unternehmen arbeiten, am liebsten mit einem Nachhaltigkeitskonzept.“ Das aktuelle Projekt sei eine Herzensangelegenheit: „Den Leuten muss bewusst werden, dass hinter Kleidung ein Handwerk steht, in das jemand Arbeit reingesteckt hat. Und es ist nichts, was man einfach so konsumieren und schnell wegwerfen sollte“, sagt sie.

Antonia Hilchenbach (29) hat nach ihrer Ausbildung zur Damen-Maßschneiderin zwei Jahre am Theater in Hagen gearbeitet. „Schneider ist ein wunderschöner Beruf, aber ich merkte, dass ich mehr Lust hatte, selbst zu designen.“ Nach ihrem Abschluss möchte sie zurück ans Theater: Und zwar, um als Assistenz-Kostümbildnerin zu arbeiten. Aus einem Sakko hat sie ein schwarzes, cooles Cocktailkleid entworfen. Außerdem hängt vor ihr an einer Puppe ein Kleid, das aus zwei verschiedenen Hemden zusammengenäht ist: Eine Hälfte ist weiß, die andere blau mit weißen Streifen: „Wir haben uns vom Designer Martin Margiela inspirieren lassen, der diesen Mustermix populär gemacht hat“, so Hilchenbach.

Unter all den Frauen ist ein Mann: Till Fey (21). Ein Jahr hat er bei Brax im technischen Bereich gearbeitet. Aber auch ihm hat die Kreativität gefehlt. „Ich hatte immer schon einen sehr eigenständigen Stil und Spaß an Mode und daran, gut auszusehen.“ Ist es komisch für ihn als einzigen Mann? Er lacht und sagt: „Ich bin es nicht anders gewohnt bei der Arbeit nur unter Mädchen zu sein. Ich finde das gut. Frauen sind spontaner als Männer.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare