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Till Wiebel ist einer der Gewinner des vorangegangenen Wettbewerbs.

Frankfurt

Kapitalismus-Drama in Frankfurt

Das interdisziplinäre Festival „What a Mess/It’s Cum Ex“ in der Frankfurter Naxoshalle thematisiert den Cum-Ex-Skandal.

Es geht um Geldsummen, die für Normalsterbliche nicht fassbar sind, um den größten Steuerbetrug der deutschen Geschichte, der wenige Reiche noch reicher gemacht und den Fiskus um mehr als 55 Milliarden Euro gebracht hat. Ein Riesenskandal. Eigentlich. Doch als die verheerenden Tricksereien von Banken, Börsenmaklern und Anwälten erstmals bekannt und vor einem Jahr von einem internationalen Recherche-Netzwerk als Cum-Ex-Files publik gemacht wurden, regte sich in der Öffentlichkeit erstaunlich wenig. Wenig Interesse, wenig Reaktion, noch weniger Empörung. Bis heute.

Das Frankfurter Studio Naxos und das Theater Willy Praml wollen daran etwas ändern: Mit einem Festival, das Theater, Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringt, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, „wie ruinöse Wirtschaftspraktiken skandalisiert werden können, wie ein gemeinsamer, ökosozialer Umbau unserer Gesellschaft gelingen kann und welche ästhetischen Strategien dafür nötig sind“, heißt es im Programm von „What a Mess / It’s Cum Ex“. Vom 18. bis 20. Oktober thematisiert das interdisziplinäre Festival in der Naxoshalle den Cum-Ex-Skandal, der auch deswegen skandalös ist, weil er nicht wirklich zum Skandal wurde.

„Was hat da versagt?“, fragt Simon Möllendorf, der im Leitungsteam vom Studio Naxos mitverantwortlich für die Organisation von „What a Mess“ ist. „Welche Möglichkeiten hat das Theater, das Thema in die Gesellschaft zu bringen?“ Die Kunst müsse sich schließlich einschalten, wenn bestimmte Mechanismen nicht mehr funktionierten. „Die Kunst muss eine Sprache finden, solche Dinge zu kommunizieren.“ Und seien sie noch so komplex, abstrakt und nebulös.

Im Fokus des Festivals stehen die Gewinnerbeiträge eines im Frühjahr 2019 bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerbs. Mehr als 90 Texte zu unterschiedlichen Aspekten des Cum-Ex-Skandals wurden eingereicht. Als Preisträger wurden Till Wiebel mit „Am Wulst der Zeit“, Julian Mahid Hossain mit „Kein Schafspelz, kein Wolf“ und das Autorenduo Rita Grechen, alias Laura Immler und Hannes Köppke, mit „Hält uns wach“ ermittelt. Ihre drei Texte werden von Regie-Studierenden der Hessischen Theaterakademie und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt szenisch umgesetzt und präsentiert. Die übrigen Beiträge liegen während des Festivals in der Naxoshalle aus.

„Die Menschen haben gar nicht genug Information, um über den Skandal zu sprechen und sich darüber zu empören“, sagt Simon Möllendorf. Dabei hänge da doch etwas ganz gewaltig schief. Mit den geplünderten Milliarden hätte man die Hartz-IV-Bezüge für ein Jahr verdoppeln oder das Geld für Geflüchtete aufstocken können. „Solche Dimensionen kann das Theater gut veranschaulichen.“

Aber „What a Mess“ kreist nicht nur um das Anprangern von Missständen. Es soll als „Festival für ästhetische Strategien neuer Ökonomien“ auch Alternativen zum Kapitalismus aufzeigen und einen Blick in die Zukunft werfen, zum Beispiel mit dem „Umschlagsplatz für solidarische und kooperative Wirtschaftsformen“, an dem Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Gesellschaft mit dem Publikum diskutieren, mit den „TED Ex Talks“ oder dem Hörspieltipi.

Festivalprogramm

„What a Mess / It’s Cum Ex“ ist eine Kooperation vom Studio Naxos und dem Theater Willy Praml. Das interdisziplinäre Festival in der Frankfurter Naxoshalle, Waldschmidtstraße 19, beginnt am Freitag, 18. Oktober, um 19 Uhr, und endet am Sonntag, 20. Oktober, gegen 22 Uhr. Am Samstag und Sonntag geht es jeweils um 14 Uhr los. 

Die Gewinner des im Frühjahr ausgeschriebenen Autorenwettbewerbs erhalten ihre Preise am Freitag, 19.30 Uhr. Ihre drei Texte werden jeweils am Freitag um 20.30 Uhr, am Samstag um 20 Uhr und am Sonntag um 21 Uhr szenisch aufgeführt.
Zum Programm gehören ein „Umschlagplatz für solidarische und kooperative Wirtschaftssysteme“, ein Hörspieltipi, Lesungen und Vorträge. Die „TED Ex Talks“ am Samstag, 18 Uhr, fragen „Welche Wirtschaft braucht der Mensch?“, das Naxos-Kino zeigt am Sonntag, um 14 Uhr, den Film „Jean Ziegler – der Optimismus des Willens“. 

Der Eintritt ist frei. Für die szenischen Aufführungen am Abend gilt ein „solidarisches Preissystem“, eine Reservierung ist erbeten.

www.studionaxos.de
www.theaterwillypraml.de

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