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Kapitänin Klima

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Von: Thomas Stillbauer

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Rosemarie Heilig ist eine hartnäckige Streiterin, und immer pünktlich.
Rosemarie Heilig ist eine hartnäckige Streiterin, und immer pünktlich. © ROLF OESER

Die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) ist seit zehn Jahren im Amt.

Es gibt Menschen, die sagen, wenn die Welt so pünktlich gegen die Klimakrise gehandelt hätte, wie Rosemarie Heilig zu ihren Terminen erscheine, niemals zu spät, dann hätten wir wenigstens dieses Problem halbwegs in den Griff gekriegt.

Kann man nämlich sonst die Uhr (nicht) danach stellen, dass gewisse andere Frankfurter Magistratsmitglieder oder Oberbürgermeister die versammelte Presse generell warten lassen, so ist die Dezernentin fürs Grüne immer schon da. Ein angenehmer Zug, der leider 50 Jahre lang der uninteressierten Öffentlichkeit im Umgang mit der Erderwärmung abging. Alle Warnungen verpennt. Klimakatastrophe ante portas. Und jetzt? Jetzt brauchen wir Leute, die das Problem genau jenen verklickern, die nicht zuhören wollten, seit der Club of Rome 1972 herauskam mit der Wahrheit über „Die Grenzen des Wachstums“ und das zu erwartende Schlamassel. Jetzt brauchen wir Leute wie Heilig, seit zehn Jahren Frankfurter Umweltdezernentin, seit kurzem mit dem Zusatz: Klima- und Umweltdezernentin.

Und sie hat kein Problem damit, die Dinge beim Namen zu nennen. „So viele geballte Krisen hatten wir in meiner Generation noch nicht“, sagte sie jüngst im Stadtparlament, als es ums Thema Energiesparen wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine ging. „Wir hatten 70 Jahre großen Wohlstand, damit haben wir Schindluder getrieben“, sagte sie an jenem Donnerstag. Und auch das: „Wir haben die Energiekrise selbst herbeigeführt, weil wir Energien nicht gespart haben“.

Zehn Jahre Dezernentin, dienstälteste Dame im Magistrat (nur der Kollege Stefan Majer ist noch ein Jahr dienstälter), da kann frau sich was erlauben, auch mal uns allen die Leviten lesen – auch mal der eigenen Koalition auf die Schlipse treten. Im Mai fiel der halben Stadt fast der Tankdeckel aus der Hand, als Heilig verkünden ließ: Nein, aus ihrer Sicht dürfe die Autobahn 661 nicht weiter ausgebaut werden, aus ihrer Sicht sei es nicht in Ordnung, dafür Bäume zu opfern, dem Klima schade das nämlich – und das sei somit dann auch die Sicht der Stadt Frankfurt.

Die andere Hälfte der Stadt ließ vor Freude die Fahrradklingeln heißlaufen. Heilig konnte einfach nicht anders. Und nach zehn Jahren im Magistrat, da muss man auch nicht mehr anders. Da kann es auch befreiend sein, einfach mal keine Rücksicht zu nehmen auf das, was eine Koalitionsräson erfordert, und zu machen, was die Leute für ihr Kreuz auf dem Stimmzettel erwarten dürfen: Umweltpolitik. Einfach mal ganz stur Politik für die Umwelt.

Wer betrachtet, wie sich der Blick auf Klima und Stadtnatur seit 2012 gewandelt hat, dem erscheint die Pressemitteilung fast rührend, die die Grünen „ihrer“ Stadträtin in der vorigen Woche widmeten. „Auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 13. Juli 2012 wurde Rosemarie Heilig zur Frankfurter Umweltdezernentin gewählt“, heißt es darin. „Mit Rosemarie Heiligs Wirken hat sich die Aufenthaltsqualität unserer Stadt in bemerkenswerter Weise und permanent zum Positiven weiterentwickelt.“ Grüner und „nachhaltiger“ sei Frankfurt nun, weil diese Frau an dieser Stelle gewirkt habe und wirke, die erste Passivhausklinik Europas gebe es hier, Wildwiesen, den renaturierten Fechenheimer Mainbogen, bald den Bürgerpark Süd, ein Arten- und Biotopschutzkonzept, den schnell wiedererrichteten Goetheturm – all das sei ohne Rosemarie Heilig „undenkbar gewesen“, schwärmen die Grünen. Und die „Grünen Zimmer“, mobile Oasen auf betonwüstigen Plätzen. Die wegen ihrer immensen Kosten allerdings auch ganz ordentlich umstritten sind.

ZUR PERSON

Rosemarie Heilig (Grüne), geboren 1956, leitet seit zehn Jahren das Frankfurter Umweltdezernat. Seit Beginn dieser Wahlperiode heißt es Dezernat für Klima und Umwelt. Außerdem ist sie in der Stadtregierung für Frauenbelange zuständig.

Die Grünen-Liste der guten Klimataten geht noch weiter, am Ende wartet man beinahe darauf, dass die 65-Jährige auch die Rückkehr der Störche und den Europacupsieg der Eintracht eingetütet hat. Und doch trifft die Aufzählung nicht den Kern. Sie wird der Tatsache nicht gerecht, dass heute eigentlich alles anders ist als 2012, fast alles, vor allem der Job im Umweltdezernat – aber die Dezernentin ist immer noch dieselbe.

Jemand aus ihrem Umfeld hat es so beschrieben: von der Lobbyistin der Umwelt zur Managerin des Ausgleichs unterschiedlicher nachhaltiger Anforderungen. Das trifft es ganz gut. Und beschreibt noch lange nicht, wie steinschwer so eine Aufgabe sein kann. Wenn Corona kommt und alle, fast alle ans Mainufer rennen, um dort ihren Müll zu hinterlassen, und alle anderen, fast alle anderen sich beschweren, wie dreckig die Stadt jetzt ist. Eine Monsteraufgabe, die Heilig auf Frankfurterisch anging; „Dehaam machstes doch aach net!“, hieß eine Anti-Müll-Aktion der Kampagne „Cleanffm“.

Juni 2019, auch so eine ganz andere Zeit, von heute aus betrachtet. Im Umweltausschuss der Stadtverordneten geht es drunter und drüber, die „Fridays for Future“ sind da. Sie singen, sie schreien, sie verlangen, dass endlich mehr für den Klimaschutz getan werde, sie wollen Entscheidungen sehen, Taten. Sie stoßen bei ihren ersten verzweifelten Frontalkonfrontationen mit der Politik gegen eine Wand. Die meisten Abgeordneten wissen gar nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Viel später werden die „Fridays“ fragen: „Verstehen Sie überhaupt, warum wir da sind?“. Das Verständnis wächst durchaus – aber an jenem Abend im Juni vor drei Jahren sagt Rosemarie Heilig: nichts. Ein Fehler, wie sie später zugibt. „In dieser Situation hätte ich mich einmischen sollen“, sagt sie, auf die „Fridays“ zugehen. Dass sie es nicht tat, hinterließ tiefe Enttäuschung.

Vielleicht war das auch so eine Situation, in der sich Verantwortliche frei machen müssten von äußeren Zwängen (damals, wohlgemerkt, noch eine andere Koalition als heute: CDU, SPD und Grüne). Und vielleicht, nein, sicher sind es genau diese Situationen, die Menschen lernen lassen und wachsen, um es später besser zu machen.

Noch eine Rückblende. Irgendwann Ende 2011 im Senckenberg-Museum, ein Kongress mit vielen Naturforschenden und der Umweltdezernentin Manuela Rottmann. Es geht auch um zugewanderte Tier- und Pflanzenarten, und dann macht ein Gerücht die Runde: In den Tiefkühltruhen lagerten Nilgänse, ursprünglich zum Verzehr gedacht für das Menü der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, aber man habe sich dann doch nicht getraut. Das Gerücht hat sich nie offiziell bestätigen lassen. Fest steht, dass die Nilgans danach erst so richtig aufgetaut ist, um im Bild zu bleiben, und der Nachfolgerin Rottmanns manch unangenehme Schlagzeile in der Boulevardpresse einbrachte. Dass Rosemarie Heilig in enger Abstimmung mit den Fachleuten Zäune im Ostpark errichten ließ – ein gefundenes Fressen. Zäune gegen Vögel!, lästerten die, die es nicht so sehr interessiert, wozu die Zäune, sondern einfach lästern wollen. Die Stadträtin blieb konsequent, die Zäune (die die Sicht am Boden behindern und den Gänsen das Gefühl nehmen sollten, sie könnten jederzeit vor dem Fuchs fliehen) blieben auch. Und die Gänse, nun, die blieben wohl auch. Aber inzwischen haben die Menschen andere Probleme. Eine Einsicht, die die Dezernentin schon früher erreichte.

Sie ist häufig in der Zeitung, auffällig häufig. Was Wunder, sie ist zuständig für eine der größten Herausforderungen, die wir haben. Schade, dass uns das erst während der Amtszeit von Rosemarie Heilig so richtig klargeworden ist, die übrigens im Magistrat nebenher noch die Bereiche Gesundheit (bis zum Jahr 2018) und Frauen (seither) managt. „Für all das und noch viel mehr bedanken wir uns bei Frau Heilig allerherzlichst“, schreiben die rührenden Grünen.

Sie hat die Welt, die Frankfurter Welt, nicht gerettet, sie wird sie voraussichtlich auch nicht mehr retten können, aber wer sie ein bisschen kennengelernt hat in den vergangenen zehn Jahren, der könnte auf die Idee kommen: Mehr von ihrer Sorte, und noch mehr Mut, dann hätte es vielleicht klappen können.

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