Doktorandin Madlen Ziege, Mitarbeiterin Angela Schießl, Kollege Kaninchen (von links).
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Doktorandin Madlen Ziege, Mitarbeiterin Angela Schießl, Kollege Kaninchen (von links).

Tiere in Frankfurt

Kaninchen allein zu Haus

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Eine Wissenschaftlerin der Goethe-Universität erforscht das Leben von Kaninchen in Frankfurt. Dabei findet sie erstaunliche Parallelen zwischen den Hasenartigen und Menschen.

Kaninchen wohnen in Frankfurt beengter als auf dem Land, mitunter paarweise oder gar als Singles – wie wir Großstadtmenschen. Das hat Madlen Ziege bei der Forschung für ihre Doktorarbeit herausgefunden, auch wenn die 32-Jährige den Vergleich mit den Menschen selbst nicht unbedingt so formulieren würde. „Wir haben unsere Forschungsergebnisse“, sagt sie mit einem Lachen: „Wie Sie das interpretieren, ist Ihre Sache.“

Madlen Ziege wollte eigentlich mit Katzen arbeiten. Wildkatzen, um genau zu sein. Aber dann sind es doch Kaninchen und ihre bemerkenswerten Lebensgewohnheiten in der City geworden. Wildkaninchen. Und das kam so.

Nach dem Studium in Potsdam zog die Biologin nach Frankfurt, um für ihre Doktorarbeit zu forschen. Hier stellte sie fest: „Das ist ja wirklich auffällig, dass es sooo viele Wildkaninchen in der Stadt gibt.“ Sie unterhielt sich mit Jägern und anderen Fachleuten und stieß auf einen grundlegenden Wandel in der Lebensweise der Langohren. „Die Stadt gibt viel Geld aus, um die Kaninchen zu dezimieren – und auf dem Land werden sie immer weniger.“

Gemeinsam mit ihrem Doktorvater Martin Plath ersann sie ein Konzept für die Dissertation; die ersten Ergebnisse liegen jetzt vor. „From multifamily residences to studio apartments“ titelte das britische „Journal of Zoology“. Auf Deutsch sinngemäß: Von der Mehrfamilienresidenz zu Ein-Zimmer-Apartments. Denn das Frankfurter Kaninchen baut seine Unterkunft kleiner und mit weniger Ein- und Ausgängen als die Kollegen auf dem Land. Und es wohnt durchaus auch mal allein.

Wenig Feinde, viel Nahrung

Die Gründe liegen auf der Hand – oder auch auf der Pfote: Es gibt hier nicht so viel Platz, der vorhandene Raum ist umkämpft. Wir Menschen kennen das. Zugleich zieht es die Hoppler aus wirtschaftlichen Gründen vom Land in die Stadt. Auch das ist ein Trend, den wir Zweibeiner nur zu deutlich erleben.

„Sie können mit ihrem Bau nicht mehr expandieren, wie sie wollen“, schildert Madlen Ziege, „und es schrumpft die Gruppengröße.“ Beide Faktoren beeinflussen einander – was zuerst da war, sei wie die Frage nach der Henne und dem Ei, sagt die Forscherin. Draußen auf dem Land lebten die Kaninchen dagegen nach wie vor in größeren Gemeinschaften. „Wo wenig zu fressen ist, bilden sie Gruppen und teilen, was es gibt. In der Großstadt ist dieser Druck geringer.“ Hier gibt es genug Nahrung; oft füttern die Menschen noch zusätzlich. Und es gibt weniger Feinde, vor denen man sich verstecken muss. Als Kaninchen.

Wie ging die Doktorandin vor? Mit ihren Helfern legte sie sich regelmäßig auf die Lauer. „Wir haben vor den Kaninchenbauen gesessen und geschaut, was passiert. Die Passanten fanden das immer sehr interessant.“ Besonders, wenn die Biologen nachts mit Antennen im Park unterwegs waren, denn sie hatten viele Tiere mit Sendern ausgestattet.

Außerdem halfen Jäger – und Frettchen. Vereint sind sie seit Jahren damit beschäftigt, die Zahl der Langohren zu senken. „Das funktioniert auch“, sagt Madlen Ziege, „es sind schon deutlich weniger geworden.“ Ist der Begriff Kaninchenplage angebracht? Die Forscherin überlegt. „Da entsteht schon viel Schaden“, urteilt sie. Viel Verbiss am städtischen Grün. „Aber Wildtiere in der Stadt haben auch einen positiven Effekt. Sie zeigen: Wir sind auch noch da, wir brauchen auch unseren Platz zum Leben.“

Um auf die Sache mit den Jägern und Frettchen zurückzukommen: „In meiner Forschung ist den Kaninchen nichts passiert“, sagt die Wissenschaftlerin, „ich habe ein reines Gewissen.“ Die Tiere, die normalerweise bei der Jagd getötet worden wären, kaufte sie dem Jäger ab und ließ sie am Leben – es handelte sich ja gewissermaßen um ihre Mitarbeiter. Rund 30 Kaninchen in Frankfurt und weitere 30 auf dem Land wirkten an der Doktorarbeit mit. „Sie sind mir schon auch ans Herz gewachsen“, sagt Madlen Ziege. Es müssen eben nicht immer Wildkatzen sein.

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