Ein Mann betrachtet das Bild "Mondwand, Entwurf fuer die UNESCO-Keramikwand" (1957) des spanischen Kuenstlers Joan Miró (1893–1983) in der aktuellen Schirn-Ausstellung.
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Ein Mann betrachtet das Bild "Mondwand, Entwurf fuer die UNESCO-Keramikwand" (1957) des spanischen Kuenstlers Joan Miró (1893–1983) in der aktuellen Schirn-Ausstellung.

Schirn in Frankfurt

Der Kampf um die Kunst

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Vor dreißig Jahren wurde die Kunsthalle Schirn in Frankfurt eröffnet. Heute ist sie unumstritten, erfolgreich und genießt Rückendeckung – das war nicht immer so.

Sie ist das Produkt eines langen politischen Kampfes um das Herz Frankfurts. Die Kunsthalle Schirn, die am Sonntag ihren 30. Geburtstag feiert, gäbe es nicht ohne das zähe Ringen um das Quartier zwischen Dom und Römer in der Nachkriegszeit. Am 28. Februar 1986 feierlich eröffnet, kann die Schirn heute auf eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte zurückblicken. Mehr als acht Millionen Menschen sahen in 30 Jahren mehr als 220 Ausstellungen. Die Schirn, die noch immer ohne eigene Sammlung auskommen muss, stieg dennoch zu einem der angesehensten Ausstellungshäuser in Europa auf.

Und das war nun tatsächlich Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht vorauszusehen. Ein Blick auf den Römerberg damals: Lange nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges klafft hier noch immer eine städtebauliche Wunde. Der Römerberg ist nach Osten hin offen. Die Kommunalpolitik kann sich einfach nicht auf eine Lösung verständigen.

Der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) hatte schon Mitte der 70er Jahre dem sozialdemokratisch geführten Magistrat vorgeschlagen, an der Ostseite des Römerbergs ein audiovisuelles Kommunikationszentrum zu errichten. Ein Haus für Film und Neue Medien – in moderner Betonbauweise ein bewusstes architektonisches Gegenstück zum historischen Rathaus. Hoffmann will dort auch die Filme von Rainer Werner Fassbinder aufführen, den er 1975 als Intendanten ans Theater am Turm (TAT) geholt hat.

Doch im SPD-geführten Magistrat stoßen solche Ideen auf offenen Hohn. Oberbürgermeister Rudi Arndt spottet: „Das kann man ja nicht einmal aussprechen: Audiovisuelles Was?“

Arndt setzt statt dessen im Kommunalwahlkampf 1977 auf den Plan, an die Ostseite die Rekonstruktion von Fachwerkhäusern der untergegangenen Altstadt zu setzen. Die Idee der Römerberg-Ostzeile ist geboren.

Doch es ist nicht mehr Arndt, der die politischen Früchte erntet. Die SPD verliert die Kommunalwahl 1977, die CDU erringt die absolute Mehrheit und ihr Oberbürgermeister Walter Wallmann treibt das Projekt der Römerberg-Ostzeile voran. Ende November 1983 kann der OB – der sich eigens eine schwarze Zimmermann-Kluft angezogen hat – die Fachwerkhäuser der Öffentlichkeit übergeben.

Doch Kulturdezernent Hoffmann hat ein Gegengeschäft gemacht. Er trotzt der CDU-Mehrheit im Römer eine moderne Kunsthalle ab – eben die Schirn. Sie muss auf das schmale, langgestreckte Grundstück zwischen dem damaligen Technischen Rathaus und der Saalgasse eingepasst werden. Eine Herausforderung für die Architekten. Das Büro BJSS (Dietrich Bangert, Bernd Jansen, Stefan Jan Scholz und Axel Schultes) gewinnt 1983 den von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb.

Das Team konzipiert ein 140 Meter langes, aber tatsächlich nur zehn Meter breites Gebäude. Die Kritiker unken schon vor der Fertigstellung, diese bauliche Gestalt werde die künftigen Ausstellungsmacher vor unlösbare Probleme stellen.

Tatsächlich: Bis zum heutigen Tag ist die Ausstellungsarchitektur in der langgestreckten Halle eine knifflige Sache. Doch die Macher finden immer wieder neue, überzeugende Lösungen.

Es gelingt den Architekten, insgesamt 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu schaffen. Am 28. Februar 1986 kann ein strahlender Kulturdezernent Hoffmann das Haus einweihen.

Erste Blütezeit

Neben ihm steht damals ein Schweizer, der in der Frankfurter Kulturszene schon ein bekanntes Gesicht ist. Der Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Christoph Vitali wird der erste Direktor der Kunsthalle. Er war schon ab 1979 Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen gewesen.

Die Bestimmung der Schirn ist klar. In dem Haus sollen Werke moderner Kunst aus anderen Frankfurter Museen gezeigt werden, namentlich aus dem Städel-Museum.

Doch damit gibt sich der ehrgeizige Vitali nicht zufrieden. Er beginnt, eigene Ausstellungen zu konzipieren und nutzt dabei seine internationalen Verbindungen. Es ist anfangs ein regelrechter Kampf: Das Konzept der Kunsthalle ist unklar, verschiedenste Künstler aus Frankfurt erheben den Anspruch, die Einrichtung zu nutzen. Es bedarf erst mehrerer Beschlüsse des Stadtparlaments, den Kurs klarzustellen.

In den sieben Jahren der Arbeit von Vitali erlebt das Haus eine erste Blütezeit. Mit viel beachteten Ausstellungen, etwa von Werken des US-Pop-Art-Künstlers Roy Liechtenstein (1988) oder des russischen Expressionisten Wassily Kandinski. Diese Übersichts-Schau („Die erste sowjetische Retrospektive“) im Jahre 1989 bricht alle Rekorde: Sie bleibt bis heute die zweiterfolgreichste in der Geschichte der Schirn, 189 385 Menschen sehen sie.

Vitali ist ein Glücksfall für die neue Kunsthalle. Er etabliert sie unter den besten Häusern für moderne Kunst in Europa. Mit der Kandinsky-Ausstellung beweist er, dass dies auch ohne eigene Sammlung gelingen kann: Zahlreiche Leihgaben aus der damaligen Sowjetunion können gewonnen werden.

Doch Anfang der 90er Jahre verdunkelt sich das politische Umfeld für die Kultur in Frankfurt. Die Schirn droht ein Opfer der Sparpolitik von SPD und Grünen im Römer zu werden. Direktor Vitali resigniert und geht 1993, weil er die erhoffte Rückendeckung der Politiker nicht erhält. Sein Nachfolger Hellmut Seemann muss um die Existenz des Hauses kämpfen: Zeitweise überlegen die rot-grünen Politiker ernsthaft, die Kunsthalle, die noch keine zehn Jahre alt ist, zu schließen. Obwohl die Institution dramatisch unterfinanziert ist, gelingt es Seemann, weiter Ausstellungen zu verwirklichen. Auch die noch unter Vitali erfundene „Nacht der Museen“ entwickelt sich erfolgreich und wird in anderen deutschen Städten konzipiert.

Erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre bessert sich die Lage allmählich. Die 1995 gewählte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) stützt die Kunsthalle Schirn ausdrücklich.

Im Oktober 2001 wird der gerade einmal 32 Jahre alte Kurator Max Hollein zum Direktor der Schirn berufen. Es gelingt ihm, mit Rückendeckung der Kommunalpolitik das Haus national und international neu aufzustellen. Er versammelt ein Team von Kuratorinnen und Kuratoren, dessen Arbeit heute den künstlerischen Erfolg der Schirn sichert: Ingrid Pfeiffer, Esther Schlicht, Katharina Dohm, Martina Weinhart und Matthias Ulrich.

Heute ist das Haus politisch unangefochten. Das zeigt das Urteil von Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU): „Ein Frankfurt ohne die Schirn? Nicht vorstellbar.“

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