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Viel lesen: Trude Simonsohn in ihrem Bücherzimmer.
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Viel lesen: Trude Simonsohn in ihrem Bücherzimmer.

Trude Simonsohn

Kampf gegen das Vergessen

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Trude Simonsohn hat ihr Leben dem Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gewidmet. Am Freitag feiert die KZ-Überlebende und frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde ihren 95. Geburtstag.

Von ihrem Sessel am Fenster aus blickt sie auf die Fotografie ihres Ehemannes, den sie so sehr liebt – und der so früh starb, schon 1978, im Alter von gerade einmal 66 Jahren. Berthold und Trude Simonsohn hatten sich im Ghetto Theresienstadt kennengelernt und dort auch geheiratet. Danach überlebten sie, getrennt voneinander, mehrere Konzentrationslager. Die Witwe kann das ganz ruhig erzählen, geradezu sachlich, und bald darauf schon wieder ihr charakteristisches verschmitztes Lächeln zeigen. Wer erlebt, wie energisch die kleine Person später durch den Grüneburgpark geht, glaubt kaum, dass sie am Freitag ihren 95. Geburtstag feiert. Sie hat ihr Leben dem Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft gewidmet – und wenn sie einen „großen Vorwurf“ gegen das Deutschland von heute erhebt, dann den: „dass es seine Widerstandskämpfer nicht genug ehrt“.

Doch die alte Dame lebt keineswegs nur in der Vergangenheit. Ihr Tag in der kleinen Wohnung im Westend beginnt, wenn sie um 7 Uhr den Deutschlandfunk einschaltet – und dann die aktuellen Nachrichten auf sie einprasseln. Der große Erfolg der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) bei den jüngsten Landtagswahlen erschreckt sie: „Ich empfinde Angst“, sagt sie leise.

Warum nur lassen sich Menschen gegen Fremde mobilisieren, die sie doch gar nicht kennen? Für die Jüdin, die im mährischen Olmütz geboren wurde, ist es eine bittere Lebenserfahrung: „Die Demokratie kann immer erschüttert werden.“ Schon einmal hat sie erlebt, wie gerade kleinbürgerliche Schichten, die sich wirtschaftlich und sozial bedroht wähnten, gegen Andersdenkende aufgehetzt wurden. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei im März 1939 wurde der 18-Jährigen eine Berufsausbildung verweigert – weil sie einer zionistischen Jugendorganisation angehörte.

Und heute? Die frühere Sozialarbeiterin ist überzeugt davon, dass Angst die Triebfeder ist, die viele AfD wählen lässt. Angst vor Abstieg. „Tatsächlich geht es uns in Europa so gut, und wir versuchen, die Leute fernzuhalten, die in ihrer Heimat verhungern.“ Es koste so wenig, diesen Menschen zu Hause eine Existenz aufzubauen: „Ich verstehe nicht, warum das nicht geschieht.“

Existenzielle Bedrohung: Simonsohn hat sie erfahren. Ihre Eltern und viele Verwandte sind in den Konzentrationslagern ermordet worden. Sie wehrt sich geradezu wütend gegen jede Verharmlosung: „In den Lagern ist keiner gestorben, man wurde ermordet.“ Die Überlebende glaubt noch heute: „In Theresienstadt hat uns die Kultur gerettet.“ Im Ghetto gab es ein Theater, ein Opernorchester, einen Chor. „Solange man noch Kultur genießen kann, ist man noch ein Mensch.“ Im Ghetto hörte sie das Requiem von Verdi, „einstudiert von 70 Sängern und Musikern“. Später wurde das Ensemble „komplett nach Auschwitz geschickt“ und getötet.

Noch heute hadert sie mit den SS-Offizieren, die Klaviersonaten von Beethoven spielten. Oder mit der Darstellung, dass Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, ein „sehr kultivierter Mann“ gewesen sei. „Eine Kultur ohne Humanität ist absolut null“, entfährt es der 94-Jährigen. Und in diesem Moment hat sie so gar nichts Freundlich-Verbindliches mehr, vielmehr ist Härte zu spüren. Und Zähigkeit. Tatsächlich hat der jungen Frau in den Todeslagern wohl auch ihre ungewöhnlich gute körperliche Kondition geholfen. Als Jugendliche schon war sie Leichtathletin, fuhr Ski, spielte Tennis. Die letztgenannten Sportarten trieb sie bis zum Alter von 75 Jahren: „Dann gingen mir die Partner aus.“

Und doch: Als sie in Einzelhaft saß und sie dort die Nachricht erreichte, dass ihr Vater im Lager getötet worden war, „da wollte ich aufgeben, nicht mehr weiterleben“. Es war der deutsche Polizeipräsident ihrer Heimatstadt Olmütz, der dafür sorgte, dass sie nicht ins Todeslager Auschwitz kam, sondern ins Ghetto Theresienstadt.

In ihre Zelle war zuvor „eine tschechische Zigeunerin“ gebracht worden, „die mir aus der Hand las, dass ich dort herauskommen und bald den Mann meines Lebens kennenlernen würde“. Simonsohn lacht: „Genau so geschah es.“ Die 94-jährige schlüpft in den Wintermantel, wickelt den Schal fester – und auf geht es in den Grüneburgpark. Und tatsächlich bricht die Sonne durch die Wolken und erwärmt Gehwege und Bänke, lockt die Jogger heraus und die Anwohner mit ihren Hunden.

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Erst am Tag nach dem offiziellen Waffenstillstand, am 9. Mai 1945, wurde die junge Frau von russischen Truppen aus dem Konzentrationslager Merzdorf, einer Außenstelle des KZ Groß-Rosen in Niederschlesien, befreit. Doch schon vorher, am 3. Mai, hatten die weiblichen Häftlinge Widerstand geleistet: „Wir sollten unsere Mäntel abgeben, damit ein roter Streifen drauflackiert werden konnte, zur Kennzeichnung für das Todeslager.“ Die Frauen weigerten sich, behielten ihre Mäntel, „wir haben Nein gesagt, und es ist nichts passiert“.

Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ging das Ehepaar Simonsohn in die Schweiz und arbeitete dort für die jüdische Flüchtlingshilfe. Wie viele Holocaustüberlebende dachten auch die beiden daran, nach Israel auszuwandern und den jüdischen Staat mit aufzubauen. Doch der Ehemann tat sich schwer mit der hebräischen Sprache – und so zog das Paar tatsächlich nach Deutschland, zuerst nach Hamburg und 1955 dann nach Frankfurt.

Bald schon war Simonsohn im Vorstand der Jüdischen Gemeinde für Sozialarbeit und Erziehungsberatung zuständig. Ende 1963 dann ein Einschnitt in ihrem Leben: Im Frankfurter Rathaus beginnen die Auschwitz-Prozesse, der Versuch, den Massenmord juristisch aufzuarbeiten.

Noch heute scheint die Überlebende in der Erinnerung hin- und hergerissen. „Das Totschweigen war das Schlimmste – deswegen waren die Auschwitz-Prozesse sehr wichtig.“

Doch sie selbst vermochte nur die Anfänge der Verhandlungen zu verfolgen: „Ich konnte bald nicht mehr hingehen – ich habe es nicht mehr ausgehalten.“

Der unglaubliche Zynismus der Verteidiger der Mörder, ihr unverschämtes Auftreten treffen sie zutiefst. „Wenn wir diesen Ton gehört haben, waren wir Überlebende nicht mehr im Gerichtssaal, sondern wir waren wieder in Auschwitz.“ Sie sagt auch später nicht als Zeugin in einem Prozess gegen die Täter aus: „Ich bin nie gefragt worden“, so die knappe Aussage.

Der Vergangenheit lässt sie nicht los

Aber Simonsohn spricht dennoch öffentlich. Von 1975 an tritt sie bundesweit als Zeitzeugin hervor, redet vor Schulklassen, Vereinen und anderen Institutionen. Hält bis heute daran fest und ist stolz darauf: „Ich bin viel mehr unter jungen als unter alten Leuten.“

Ein Zimmer in ihrer kleinen Wohnung quillt geradezu über von Büchern, Akten, Schriftstücken. Hier wartet auch die alte Triumph-Schreibmaschine, mit der sie ihre Korrespondenz erledigt, versteckt unter einem Plastiküberzug. Die Leidenschaft der alten Dame sind „leichte Romane“, auch eine schöne Liebesgeschichte fesselt sie. Doch das ist natürlich nur die halbe Wahrheit.

Die Vergangenheit lässt sie nicht los. Gerade hat sie eine Biografie zu lesen begonnen über Kurt Gerron, den jüdischen Schauspieler, Sänger und Regisseur – er wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Und doch: Trude Simonsohn ist es gelungen, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zu überleben. Sie zerbrach nicht an dem, was sie erlebte. „Ich hege keine Rachegefühle, ich habe kein Talent zum Hass – und ich bin glücklich darüber“, sagt sie bündig. Es ist ihr auch erspart geblieben, nach der Nazi-Zeit plötzlich auf der Straße einem ihrer Peiniger zu begegnen.

Als der Sozialdemokrat Hilmar Hoffmann 1970 als neuer Kulturdezernent nach Frankfurt kam, entstanden bald Kontakte zur Familie Simonsohn. Der Holocaustüberlebenden imponierte, dass Hoffmann nie seine Anfänge als jugendlicher Anhänger des Nationalsozialismus verleugnete, sondern offen damit umging. „Ich fand das toll – das war ein großer Unterschied etwa zu Günter Grass oder Walter Jens.“ So viele Erinnerungen, so viele Freunde, die ihre Augen leuchten lassen. Etwa dieser Abend im Jahre 1991 im Kaisersaal des Frankfurter Rathauses, als Männer und Frauen des Widerstandes mit der Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt ausgezeichnet wurden. „Es war das erste Mal, dass diese Menschen geehrt wurden – und viele von ihnen haben geweint.“

Im Grüneburgpark macht die Spaziergängerin entschlossen kehrt und strebt nach Hause. Es gilt, das Mittagessen zuzubereiten.

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