Auf der Fashion Week in Berlin werden Fotos gemacht.
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Auf der Fashion Week in Berlin werden Fotos gemacht.

Fashion Week

Kampf um den Catwalk

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Deutschland hat ab nächstem Jahr zwei Fashion Weeks – Frankfurt und Berlin buhlen um die Kreativen des Landes.

Im Krieg gibt es nur Verlierer. Das trifft auch dann zu, wenn es um Schauen und Champagner geht. Keine 24 Stunden war es her, dass die Ausrichtung einer Fashion Week am Main bekanntgegeben wurde – da blies von der Spree bereits ein heftiger Gegenwind. Kein Wunder, hatten so gut wie alle deutschen Medien doch von einem Umzug der Berlin Fashion Week nach Frankfurt berichtet. Dass bisher bloß die Messen der Premiumgruppe ihre Koffer packen und in Kooperation mit der Messe Frankfurt fortan eine Modewoche in Hessen ausrichten wollen, ging dabei oft unter.

Unklar war zu diesem Zeitpunkt, was der Umzug für die Berlin Fashion Week bedeutet, die eben nicht nur aus Premium, Seek und Neonyt besteht. Man habe den Umzug der Messen „mit Überraschung aufgenommen“, meldete am Dienstag Marcus Kurz, Geschäftsführer der Agentur Nowadays und Ausrichter der Berlin Fashion Week, plane aber auch 2021 und darüber hinaus weiter das eigene Format – nach wie vor mit Hauptsponsor Mercedes-Benz und dem Onlinehandelsriesen About You im Rücken, wohlgemerkt.

Da aber war es in den Sozialen Medien längst zu einer intensiven Diskussion gekommen, wie sie die deutsche Branche lange nicht mehr geführt hat. Man wolle und werde seine Mode nicht am Main präsentieren, hieß es nicht nur von namhaften Berliner Designerinnen und Designern wie Dawid Tomaszewski, Marina Hoermanseder oder Kilian Kerner. Auch die Mainzer Modemacherin Anja Gockel erklärte der „FAZ“ trotz räumlicher Nähe: „Eine internationale Modeszene in den Frankfurter Messehallen – das ist für mich schwer vorstellbar.“ Der Hashtag #ichbleibeinbelin macht die Runde.

Fast wirkt es, als habe man in Frankfurt einen Fehler begangen. Denn erst zehn Minuten vor der Pressekonferenz am Montag hatte man die Stadt Berlin über die Umzugspläne informiert, auch die Designerinnen und Designer wurden in den Entscheidungsprozess offenbar nicht involviert. Dass sich Teile der Branche nun vor den Kopf gestoßen fühlen, mag verständlich sein – die Strategie der Geheimhaltung durch Premium-Chefin Anita Tilmann und Messe-Frankfurt-Geschäftsführer Detlef Braun ist es aber auch. Denn mit heftigen Reaktionen musste gerechnet werden. Dass sie sich denen nicht schon vor der Bekanntgabe aussetzen wollten, ist nachvollziehbar.

Silk Relations will in Frankfurt mitmischen

Und es ist ja nicht so, als stehe dem Projekt jede und jeder feindlich gegenüber. Der Fashion Council Germany (FCG) als Interessenvertretung der Branche etwa bedauert den Weggang der Modemessen aus der Stadt Berlin, die man weiterhin als „Hauptbühne der Kreativindustrien in Deutschland“ begreife, sagt FCG-Geschäftsführer Scott Lipinski auf Anfrage. Der Council nehme aber auch seine Verantwortung gegenüber dem „Modestandort Deutschland wahr und sondiere die vielseitigen Möglichkeiten, die Frankfurt durch seine sowohl komplex kreative und internationale Ausrichtung als auch durch seine wirtschaftliche Kraft bietet“.

PR-Frau Kerstin Geffert, die mit ihrer Agentur Silk Relations große internationale Kunden wie Levi’s, aber auch kleinere Labels der Hauptstadt vertritt, meldet indes durchaus Interesse an, in Frankfurt mitzumischen – sie sei „allerdings auch hochmotiviert, in Berlin was auf die Beine zu stellen“. Denn der Weggang der Premium ist für die Hauptstadt eben nicht nur ein Verlust. Die Modewoche der Stadt könne „sich endlich und ohne Messe-Druck neu definieren“, erklärt Stylistin Julia Freitag, „edgy und kommerziell gehen im deutschen Geschmacksbrei eh nicht zusammen“.

Die Premium, deren teilnehmende Marken eher im Mainstream angesiedelt sind, plagte die progressiv geprägte Berliner Szene zudem mit ihrer starren Terminierung. Wohl wegen langjähriger Mietverträge finden Premium, Seek und Neonyt zeitgleich mit den Herrenschauen beziehungsweise den Haute-Couture-Präsentationen in Paris statt. Die Folge: ein deftiger Einbruch der Besucherinnen- und Besucherzahlen. Das könnte auch Frankfurt drohen: Würde die für Mitte Juli 2021 anberaumte Fashion Week schon in diesem Jahr im selben Zeitraum stattfinden und wären die Modewochen in Paris nicht pandemiebedingt ohnehin abgesagt worden, würden beide Veranstaltungen auf denselben Zeitraum fallen.

Ein Model (Symbolfoto).

„Ohne die Messen können die Modenschauen ab Sommer 2021 zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, der sich nicht mit den Modenschauen in Paris überschneidet“, meldet Ramona Pop, Berlins Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, mit Blick auf die eigene Modewoche. Pop unterstützt die Berliner Mode zwar in Teilen, muss sich aber auch immer wieder Kritik gefallen lassen, nicht in aller Konsequenz und mit dem nötigen Nachdruck zu fördern. Daraus könnten die Verantwortlichen im Römer und in Hessens Wirtschaftsministerium lernen. Denn „lernen“ – das wird für sie wohl erst mal die wichtigste Aufgabe sein.

Auf der Pressekonferenz am Montag jedenfalls wirkten die Herren Feldmann, Becker und Al-Wazir – mit dem Thema Mode konfrontiert – noch recht unbeholfen. Man fantasierte von einem Laufsteg auf der Zeil, der umsatzstarken, aber doch eher unansehnlichen Einkaufsmeile, verwies bei der Frage nach Frankfurts Modekompetenzen auf das Einkaufsverhalten der Gattinnen, freute sich, dass die Töchter bereits das Laufsteg-Laufen üben. Mode ist offenbar Frauensache und eine Modewoche ein Event, auf dem sich mit Kind und Kegel ein gemütlicher Nachmittag verbringen lässt – mit dieser Haltung seiner größten Förderer dürfte es die Frankfurt Fashion Week schwer haben. Erst recht, wenn sich nicht doch noch ein paar Berlinerinnen und Berliner für das Format erwärmen.

An der Spree sitzen schließlich nicht nur viele Modemarken und ein Großteil der Modelagenturen, Marketingfachfrauen, PR-Experten. Berlin hält auch jene jungen Kreativen, die hier an beinahe zehn Hochschulen und Universitäten Mode studieren können, mit vergleichsweise günstigen Mieten in der Stadt. In Frankfurt gibt es indes keinen nennenswerten Mode-Studiengang und mit bezahlbaren Atelier- und Wohnräumen kann die Stadt nicht punkten. Eine eigene Szene aufzubauen, wenn nicht genügend Gleichgesinnte aus Berlin mitmachen, aus München, Hamburg und Düsseldorf zudem, ist ein äußerst schwieriger und langwieriger Prozess.

Frankfurt hat also nicht nur viel vor, sondern vor allem viel zu tun. Genau wie der Modestandort Berlin, dem jetzt die wichtigste Messe wegbricht. Die größte Herausforderung wird für beide sein, friedlich nebeneinander zu existieren, vielleicht sogar zu kooperieren – irgendwann. Im Krieg gibt es schließlich nur Verlierer. Und Verlieren liegt nie im Trend. (Manuel Vergara Almeida)

Frankfurt darf bei der Fashion Week 2021 mitmischen. Kerstin Görling, Inhaberin der Boutique Hayashi, erzählt, was der Umzug der Fashion Week für die Modewelt am Main bedeutet.

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