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Über die Kaiserstraße zur Zeil: Die Beschäftigten im Einzelhandel demonstrieren für eine Rückkehr zur Tarifbindung.

Streik im Einzelhandel

Kampf für Bezahlung nach Tarif

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Beschäftigte von Real, Kaufhof und Karstadt streiken für bessere Gehälter.

Für einige Minuten ging am Samstag im Gutleutviertel und dem angrenzenden Bahnhofsviertel nichts mehr. Als sich der Demonstrationszug mit etwa 350 Menschen lautstark über Baseler Straße, Münchener Straße und Kaiserstraße bewegte, standen die Autofahrer. Manch einer nahm es gelassen, andere weniger. Ein Tramfahrer nutzte die Zeit, um eine außerplanmäßige Raucherpause einzulegen. Aufmerksamkeit war den Streikenden von Kaufhof, Karstadt und Real sicher. Ihr Ziel war es, den Protest auf die Zeil zu tragen.

Das zumindest war ihnen gelungen. Auf der Hauptwache wurde getrommelt, gepfiffen und gerasselt. Per Mikrofon erklärte schließlich Bernhard Schiederig von der Gewerkschaft Verdi, was die Streikenden des Einzelhandels so aufgebracht hat. „Bei Real, Kaufhof und Karstadt wird Tarifdumping betrieben.“ Der Supermarkt Real habe sich aus den Tarifverträgen mit Verdi zurückgezogen. Aktuell bekommen neueingestellte Beschäftigte bis zu 25 Prozent weniger als im Branchentarifvertrag. Bei 2500 Euro brutto seien das in etwa 500 Euro.

Ein ähnliches Vorgehen zeichne sich bei Kaufhof ab. Nach dem Kauf durch René Benko, den Chef des Immobilienunternehmens Signa, das auch bereits schon Karstadt kaufte, stieg Kaufhof aus der Tarifbindung aus. Neueinstellungen würden nun untertariflich bezahlt, und auch Angestellte, die noch vom Tarifgehalt profitieren, sollen durch einen Sanierungstarifvertrag zu geringeren Gehältern geführt werden.

Dass es bei Karstadt nicht besser aussehe, machte Schiederig ebenfalls deutlich. Verdi hatte hier in gutem Glauben einen Zukunftstarifvertrag vereinbart, der Verkäuferinnen und Verkäufern zwar elf Prozent weniger Lohn als im Einzelhandelstarif bescherte, aber auch ihre Arbeitsplätze sicherte.

Für 2021 war dann eine Rückkehr zum Flächentarif geplant. „Das ist jedoch mehr als fraglich“, zeigte sich der Verdi-Vertreter pessimistisch.

Verdi fordert für alle Beteiligten der drei Unternehmen eine sofortige Anwendung und Anerkennung der Tarifverträge des Einzelhandels. Die Geschäftsleitungen der drei Unternehmen könnten sich nicht einfach aus der sozialen Verantwortung für die häufig langjährigen Beschäftigten stehlen. Eine Etablierung von Armut in Arbeit sei nicht zu akzeptieren. Darüber hinaus fordert die Gewerkschaft die Erhöhung der Gehälter aller Beschäftigten des Einzelhandels um einen Euro pro Stunde.

Aktuell läuft gerade eine Tarifrunde für den Einzel- und Versandhandel. Bernhard Schiederig ist selbst Verhandlungsführer und berichtet vom Angebot der Arbeitgeber: 1,5 Prozent im ersten Jahr und 1,2 Prozent im zweiten Jahr. „Das würde einen Reallohnverlust bedeuten, das lehnen wir ab.“ Die nächste Verhandlungsrunde wird am 27. Juni beginnen.

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