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Die AG Westend vor der Baustelle von "The Flag".

AG Westend in Frankfurt

Kampf für bezahlbaren Wohnraum

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Die AG Westend in Frankfurt kämpft für bezahlbaren Wohnraum. Sie macht mit einem Stadtteilspaziergang auf die fortschreitende Gentrifizierung aufmerksam.

Stoisch hält Hilde Hess eine Papiertüte vor der Brust. „Bezahlbare Wohnungen erhalten und bauen statt Luxuswohnungen und Hotels – auch im Westend!“, hat sie in schwarzen Lettern darauf geschrieben. Mehr als eine Forderung. Der Nachsatz macht die Besonderheit des Stadtteils sichtbar. „Hier atmet die Stadt den Duft der Reichen und Schönen, hier lassen sich die opulentesten Gründerzeitfassaden von Frankfurts Sonne bescheinen“, heißt es etwa auf der Internetseite der Stadt übers Westend.

Reichtum, Geschäftigkeit, Protz und Prunk. Doch hier wohnen auch Menschen, die nicht in dieses Bild passen. „Viele Leute haben einfach Angst“, sagt Renate Kaufhold. Vor zwei Jahren trat das heutige Vorstandsmitglied der Aktionsgemeinschaft Westend (AGW) bei, weil eine Wohnungskündigung in ihrem Briefkasten lag.

Auf die fortschreitende Gentrifizierung im Viertel hat die AGW jüngst mit einem Stadtteilspaziergang aufmerksam gemacht. Vorbei an zahlreichen Baustellen und Nobel-Etablissements, erkundeten rund 15 Teilnehmer vom Odina-Bott Platz aus die Bockenheimer Landstraße, die Wöhler- und die Rüsterstraße, die Ludwig Erhard-Anlage und die Lindenstraße. An neun Stationen informierte die AGW über Hintergründe und Pläne bereits umgewandelter oder sich im aktueller Luxussanierung. Die Stimmung in der Gruppe: empört.

An der Bockenheimer Landstraße 38 klafft ein metertiefer Krater. Gelbe Bagger bearbeiten eifrig das, was zum Hotel „The Flag“ werden soll. In 226 Betten sollen dort ab 2020 wohlbetuchte Übernachtungsgäste schlummern. „Den Charme eines Gefängnisses“ attestiert Hess dem geplanten Gebäude. Sie bezieht sich auf ein Modell, das im vergangenen Juli beim Ortsbeirat 2 zu sehen war. Doch es geht der AGW nicht nur um Ästhetisches. „Bauen geht vor Bäumen in dieser Stadt“, klagt Hess, ihr Papiertüten-Schild in den Händen. Zehn Bäume seien der Baustelle zum Opfer gefallen, im Sinne des Klimaschutzes sei das nicht.

70 Mitglieder zählt die AGW. Seit 1969 kämpft sie für bezahlbaren Wohnraum. Einst ging es darum, gegen die Umstrukturierung des Viertels in einen Hochhausstandort vorzugehen, erzählt Vorsitzender Hans-Jürgen Hammelmann (Linke). Heute geht es vor allem gegen Verdrängung durch Luxusbauten. 

Was die Spaziergänger am Donnerstagabend eint: die Geschichten vom Kampf ums Wohnen. Eine Besucherin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, wehrt sich zurzeit gegen eine von ihr als nicht notwendig empfundene Nebenkostenerhöhung. Eine andere, Karin Pietsch, zahlt seit drei Jahren „auf das Konto einer Toten“ ihre Miete ein. Nach dem Tod ihrer Vermieterin sei ihr Haus in die Hände einer Stiftung vererbt worden, seitdem sei ihr Mietverhältnis unklar, andere Wohnungen im Haus wurden bereits saniert. „Irgendwann muss man seine Bequemlichkeit verlassen“, sagt die 71-Jährige. Pietsch versteht nicht, warum Menschen bereit sind, entweder viel Geld für Wohnraum zu bezahlen oder sich verdrängen lassen. „Wer sich nicht wehrt, fliegt als erstes raus“, sagt die Gewerkschaftlerin.

Deshalb geht es am Donnerstagabend auch darum, kleine Erfolge im Kampf gegen die Gentrifizierung zu zeigen: Den Plan, an Stelle der ehemaligen Oberpostdirektion an der Ludwig-Erhard-Anlage 2 auf 16 Stockwerken Eigentumswohnungen zu stellen, habe man 2016 erfolgreich verhindert, so Hammelmann. Nun dürfen es nur noch zwölf Stockwerke werden, immerhin. Damals hatten sich Ortsbeirat, Anwohner und die AGW zusammengetan.
„Widersetzen ist ein Menschenrecht und Wohnen ein Grundrecht“, sagt Kaufhold. Ihre Kündigung wurde durch eine Klage wieder abgewendet. Vorerst. Entspannen will sich Kaufhold deshalb noch lange nicht: „Wir werden weiterkämpfen und alle Mittel auf politischer Ebene einsetzen“.

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