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„Kämpft gegen Netzwerke der Männer“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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"Viel mehr freie Zeit als früher" - Petra Roth in ihrem Haus in Frankfurt-Nieder-Erlenbach.
"Viel mehr freie Zeit als früher" - Petra Roth in ihrem Haus in Frankfurt-Nieder-Erlenbach. © Christoph Boeckheler

Als Petra Roth in die Politik ging, musste der Ehemann noch zustimmen, wenn die Frau arbeiten wollte. Kurz vor dem 70. Geburtstag spricht die ehemalige Oberbürgermeisterin über politische Ziele, geile Abfahrten und das Alter.

Frau Roth, wie ist Ihre Gemütsverfassung am Vorabend ihres 70. Geburtstages?

Meine Gemütsverfassung ist sehr gut. Ich bin ein Mensch, der positiv eingestellt ist. Ich bin dankbar für meine bald sieben Lebensjahrzehnte. Ein wenig aufgeregt bin ich im Augenblick wegen der Vorbereitungen. Vieles muss bedacht und geregelt sein – das geht hin bis zur Sitzordnung für die Familie. Aber mir geht es gut.

Haben Sie politisch in ihrem Leben das erreicht, was Sie wollten?

Ja. Ich hatte, als ich 1995 Oberbürgermeisterin wurde, mich in die Pflicht meiner Partei gestellt. Aber als ich dann gewonnen hatte, habe ich gesagt: Jetzt möchte ich als Oberbürgermeisterin für Frankfurt arbeiten, die Stadt weiter nach vorne bringen und auch wiedergewählt werden.

Ich erinnere mich, dass wir damals 1995 einige Tage vor der Wahl auf dem Römerberg saßen und uns unterhielten und Ihnen plötzlich bewusst wurde, dass Sie die OB-Wahl gewinnen konnten.

Stimmt. Daran erinnere mich auch.

Da zeigten zum ersten Mal die Umfragen einen Vorsprung für Sie vor Ihrem SPD-Konkurrenten Andreas von Schoeler.

Das war schrecklich, wirklich schrecklich. Ich hatte gedacht: Ich kandidiere, um mich zu zeigen und das Programm meiner Partei. Aber ich war der Ansicht, dass das eine Klopfkandidatur war.

Dass Sie also gleichsam Ihren Anspruch anmelden für das Amt, ohne es aber erringen zu können. Das dachten die führenden Männer der CDU auch. Die hatten den Sieg nicht eingeplant.

Und die Frauen auch nicht. Es gab genügend ältere Frauen damals, die zu mir sagten: Lassen Sie das doch mal die Männer machen, Sie müssen das doch nicht. Da hab ich denen aber gesagt: Ich stehe in der Pflicht als Kreisvorsitzende der CDU. Und die CDU hatte die besseren politischen Antworten.

"Andere haben mehr kämpfen müssen"

War Ihre Kandidatur also ein politischer Testlauf?

Ich glaube nicht, dass ich noch mal hätte antreten dürfen, wenn ich nicht gewonnen hätte. Die CDU experimentierte - es war mutig, eine Frau als Kandidatin auszuwählen. Das war sehr weitsichtig von Ernst Gerhardt, dem früheren Stadtkämmerer, von Helmut Kohl, dem Bundesvorsitzenden, und von Walter Wallmann, dem früheren OB. Ich nenne die Namen bewusst in dieser Reihenfolge: Der Ernst Gerhardt hatte als Erster die Idee meiner OB-Kandidatur. Helmut Kohl hat gesagt: Warum nicht einmal eine Frau? Und Walter Wallmann ist dann als Letzter überzeugt gewesen.

Verdanken Sie Männern also viel in der Politik?

Alles, was ich geworden bin, haben Männer vorberaten und mir angetragen. Damals in den 70er-Jahren wurde einem etwas angetragen und man sagte Ja. Die einzige Ausnahme war die Landtagsabgeordnete Ruth Beckmann, die sich gegen innerparteilichen Widerstand durchsetzte. Ich habe ein politisches Elternpaar: Ruth Beckmann und Ernst Gerhardt. Ruth Beckmann hat sehr viel mehr kämpfen müssen als ich, um ihre Karriere zu machen. Ich habe durch meinen Sieg als Oberbürgermeisterin für die CDU viel politisches Terrain gewonnen.

Sie mussten sich damals bei Helmut Kohl in Oggersheim vorstellen, der Sie in Schlappen an der Haustür empfing...

Das ist ein Vierteljahrhundert her. Seitdem hat sich viel verändert in der Politik.

Was hat sich seither für die Frauen verändert?

Alles. Als ich 1972 in die CDU eintrat, gab es in der Schweiz noch kein Wahlrecht für Frauen. Das weiß heute kaum mehr jemand. Damals mussten in Deutschland die Männer noch zustimmen, wenn die Ehefrauen arbeiten wollten. Ich hatte da zum Glück mit meinem Ehemann kein Problem, das lief sehr respektvoll kameradschaftlich. Das ist alles für 20-jährige oder 40-jährige Frauen heute unvorstellbar.

"Das Elend der Drogenszene"

Dennoch: Man kann den Eindruck haben, dass es Frauen in der CDU heute immer noch schwer haben. Kürzlich trat die türkischstämmige Stadtverordnete Ezhar Cezairli zurück wegen mangelnder Unterstützung durch die Partei.

Wenn eine Frau will, kann sie heute in einer Partei ihren Weg machen. Die Grünen haben ja die 50-Prozent-Quote für Positionen etwa im Stadtparlament, die braucht es aber eigentlich nicht. Heute müssen sich eher Männer gegen Frauen durchsetzen.

Sie sind keine Freundin der Frauenquote?

Ja und Nein. Wir brauchen die Quote dort, wo Frauen nicht befördert werden und nicht vorankommen, weil die Netzwerke der Männer es verhindern. Aber eine stete Quote für alles möchte ich nicht. Es gibt ja schon eine Diskussion um Männer-Diskriminierung durch solche Regelungen. In Frankfurt sieht es gut aus: Als ich 1977 Stadtverordnete wurde, gab es drei Prozent Frauen unter den Amtsleitern. Heute sind es 37 Prozent. In der Stadtverordnetenversammlung besetzen Frauen fast die Hälfte der Sitze. Ich mache den Frauen in der Politik Mut: Nehmt den Kampf auf gegen die Netzwerke der Männer!

Wie waren Ihre Erfahrungen in der CDU mit Frauenpolitik?

Ich habe mit Rita Süßmuth zusammen in der Frauen-Union dafür gekämpft, dass Frauen nicht nur Mitglied in der CDU werden konnten, sondern auch Mandate bekamen. Heute gilt in der Frankfurter CDU die Regel: Jeder dritte Platz auf Listen für eine Frau.

Sie haben sich immer wieder mit gesellschaftspolitischen Positionen der Bundes-CDU angelegt...

...ich habe eine andere Meinung gehabt. Ich habe gesagt: Gesellschaftspolitik wird in den Städten gelebt. Und ich muss in einer Stadt wie Frankfurt mit vielen ausländischen Mitbürgern auch eine Politik dezidiert für diese Menschen machen.

Sie haben dafür gekämpft, dass Methadon und andere Ersatzstoffe an drogenkranke Menschen vergeben werden.

Die CDU-Politiker, die damals in Deutschland über Drogenpolitik sprachen, kannten das Elend in der offenen Drogenszene in Frankfurt nicht. Als ich denen das dann gezeigt habe, habe ich gesagt: Wir als Christdemokraten müssen handeln und dürfen darüber nicht hinwegsehen. Wir haben dann als CDU sogar geworben mit dem Slogan: Petras Mut tut Frankfurt gut.

Es gab dann Ärger mit der Bundespartei.

Wolfgang Schäuble, damals Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, ist angereist und die Medien haben geschrieben: Jetzt wird Petra Roth mal richtig zurechtgestaucht. Hinterher hat Schäuble eine Pressekonferenz in Frankfurt gegeben und gesagt: Petra Roth hat mich überzeugt. Drogenpolitik müsse sich orientieren an den Problemen der Stadt. Andere Oberbürgermeister haben meine Linie aufgegriffen, die CSU-Politiker in Bayern haben Probleme bekommen.

"Kommunalpolitik hat mit zu viel Spaß gemacht"

Warum sind Sie nie in die Bundespolitik gewechselt?

Die Angebote dafür gab es. Schäuble hat mir ein Bundestagsmandat angeboten. Doch diesen Wahlkreis habe ich damals Erika Steinbach überlassen. Ich habe als Vorsitzende der Frauen-Union gesagt, in diesem Wahlkreis muss eine Frau antreten. Ich hatte zwei kleine, halbwüchsige Kinder, und ich wollte nicht, dass ein Kindermädchen meine Kinder erzieht. Der andere Grund war: Kommunalpolitik hat mir zu viel Spaß gemacht.

Und dann haben Sie die OB-Wahl gewonnen.

Ja. Und das, obwohl ich mal Ministerin in Wiesbaden werden wollte.

Später hätten Sie Bundesministerin werden können.

Ich hätte mich gerne als Sozialministerin engagiert.

Ist Schwarz-Grün eigentlich die dauerhafte politische Konstellation für Frankfurt?

Im Jahr 2006 hätte ich auch eine Koalition mit den Sozialdemokraten im Römer begründet. Aber das wurde von der SPD abgelehnt. Die Sozialdemokraten waren ganz erstaunt, dass wir daraufhin nach zwanzig Minuten die Gespräche beendet haben, Udo Corts, Uwe Becker, Boris Rhein und ich. Und dann kamen die Grünen ins Spiel. Und Lutz Sikorski, der ein ganz ausgefuchster Politiker war, hat das bei den Grünen in kurzer Zeit auf den Weg gebracht.

Man hat den Eindruck, dass Schwarz-Grün heute nicht mehr so trägt wie damals.

Eine Koalition muss auch den politischen Zielen des Partners Rechnung tragen. Das ist schwieriger in den eigenen Reihen als das Ringen um Positionen mit dem Koalitionspartner. Aber Schwarz-Grün wird tragen bis zur Kommunalwahl im Jahr 2016. Danach muss man dann sehen, welche Mehrheiten entstehen werden.

"Projekte müssen finanzierbar bleiben"

Ein altes Lieblingsprojekt von Ihnen, der Kulturcampus in Bockenheim, droht zu scheitern. Es gibt kein Geld für die Ansiedlung der Kulturinstitutionen. Wird da ein Stück Ihres politischen Erbes verspielt?

Verspielt wird nichts. Aber der Kulturcampus ist ein gutes Beispiel dafür, dass es Personen braucht, die mit Leidenschaft für ein Ziel kämpfen. Ich persönlich hatte für dieses Projekt sehr viel Leidenschaft entwickelt, aber bin jetzt nicht mehr da. Die anderen Beteiligten administrieren das nur.

Gibt es nicht auch finanzielle Grenzen für den Kulturcampus?

Der städtische Haushalt muss so geführt werden, dass die Projekte, die die Koalitionspartner politisch möchten, finanzierbar sind und bleiben. Sie können nicht mit dem Rasenmäher sparen. Sie müssen mit ihrer Verantwortung für das Ganze immer auch politische Schwerpunkte setzen und dazu öffentlich stehen. Dafür werden sie als Politiker gewählt.

Wie gehen Sie mit dem Alter um? Gerade haben Sie sich beim Skifahren das Handgelenk gebrochen.

Ich fahre gut, schnell und sportlich Ski. Der Unfall war meine eigene Schuld. Es war einfach, so wie ich unterwegs war, eine geile Abfahrt. Und dann habe ich den Carvingski einen Sekundenbruchteil verkantet und bin gestürzt. Aber unabhängig von dem einer Unaufmerksamkeit geschuldeten Missgeschick, das ja nicht nur mir passiert, ist es großartig, 70 Jahre alt zu werden. Ich habe viel mehr freie Zeit als früher.

Man sagt, in einem älteren Menschen steckt ein sehr erstaunter junger Mensch.

Ja, so ist es. Ich denke schon darüber nach, dass das Leben nicht unendlich ist. Aber ich will 95 Jahre alt werden. Man soll das, was man tun möchte, aber nicht auf das Alter verschieben. Ich sage: Lebe heute und sei dir dessen bewusst.

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