1. Startseite
  2. Frankfurt

Kämpferin fürs Frankfurter Federvieh

Erstellt:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Gudrun Stürmer im Kreise einiger Schützlinge. Die weitaus meisten Tauben auf dem Oberräder Gnadenhof wohnen in geräumigen Freiluftvolieren.
Gudrun Stürmer im Kreise einiger Schützlinge. Die weitaus meisten Tauben auf dem Oberräder Gnadenhof wohnen in geräumigen Freiluftvolieren. © christoph boeckheler*

Gudrun Stürmer ist für ihr Frankfurter Stadttaubenprojekt mehrfach ausgezeichnet worden. Jetzt stehen ihr harte Zeiten bevor.

Gudrun Stürmer kann einen Saulus zum Paulus machen. Wahrscheinlich sogar jede Menge Saulusse zu jeder Menge Paulusse. Das ist nicht vielen Menschen gegeben. Und es klappt auch nicht bei allen. Weil es nicht immer gelingt, stehen für die 68-jährige Tierschützerin in dieser Woche und Ende Januar wichtige und schmerzliche Termine an.

Zum Paulus? Wer es erlebt hat, blickt anders auf die Welt, in der es zum verbreiteten Wortschatz gehört, von „Ratten der Lüfte“ zu sprechen, von einer Plage, von Gesundheitsgefahr, sobald eine bestimmte Tierart gemeint ist: Tauben. Manchmal genügen dann ein Anruf und ein paar Fragen – „Was haben Ihnen denn die Tauben getan? Glauben Sie, die wollen Sie mit Absicht ärgern?“ –, und der Blick weitet sich. Aus Abneigung wird Mitleid mit der Kreatur.

Gudrun Stürmer kann das. Ganz entspannt, ohne Groll mit einigen Fakten klarmachen, dass unsere Stadttauben nicht aus Jux und Spaß an der Freud auf unseren Bahnhöfen, Laternen, Dächern, Fenstersimsen sitzen und sich von unseren Abfällen ernähren. Dass wir es selbst waren, die sie einst zu diesem Leben verurteilt haben. Und dass Taubenkot keineswegs eine tödliche Gefahr ist. Taubenkot frisst sich nicht durch siebzehn Schichten Stahl und Stein wie Alienspucke. Er tut auch Autos nichts, sagen wissenschaftliche Untersuchungen.

„Für viele bin ich bestimmt eine komische Figur“, hat sie einmal gesagt. Weil sie sich unermüdlich aufreibt, für Mitgefühl stark macht, für Empathie gegenüber einem Tier eintritt, das scheinbar niemand mag.

1983 begann das Engagement fürs urbane Federvieh, als die gelernte Versicherungskauffrau eine verletzte Taube am Hauptbahnhof fand und beim Tierarzt behandeln ließ. Ihre Idee, das Tier anschließend beim Tierheim unterzubringen, scheiterte an den Bestimmungen der Einrichtung. Geboren war die nächste Idee. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie eine eigene Institution, die sich um die Tauben kümmert: das Stadttaubenprojekt.

Es betreibt Taubenhäuser, in denen die Tiere artgerechtes Futter bekommen und ihre Eier legen, die dann gegen Gipsattrappen ausgetauscht werden; das begrenzt die Population. 2007 erhielt der Verein den Hessischen Tierschutzpreis. 2010 übernahm er das Gelände des ehemaligen Geflügelzuchtvereins am Oberräder Speckweg und baute es zum Gnadenhof für verletzte und versprengte Tauben aus. 2018 wurde Gudrun Stürmer im Kaisersaal des Römers für ihre Verdienste feierlich mit der Bürgermedaille der Stadt geehrt. Und verblüffte die versammelte Festgemeinde mit dem Satz: „Ich bin ein Katzenmensch.“ Bevor sie die blutende Taube am Hauptbahnhof fand, hatte sie fünf Katzen. Danach fünf Katzen und eine Taube. Danach Zehntausende Tauben.

ZUR PERSON

Gudrun Stürmer, 68, leitet seit fast 40 Jahren das Stadttaubenprojekt, das verletzte Tauben aufnimmt und auf seinem Gnadenhof in Oberrad pflegt.

Zwei Taubenhäuser, die der Verein in der Frankfurter Innenstadt betreibt, sollen Ende des Monats geschlossen werden. An diesem Mittwoch, 18. Januar, fällt das Urteil im Rechtsstreit des Stadttaubenprojekts mit der ABG Holding um eine aufgebrochene Tür.

Liest sich wie eine Erfolgsgeschichte. So geht sie weiter: 2022 muss das vom Stadttaubenprojekt betriebene Taubenhaus am Westbahnhof entfernt werden, weil die Station umgebaut wird. Ende Januar 2023 müssen die Taubenhäuser an der Hauptwache und am Gericht ebenfalls weg; die Frankfurter Aufbau-AG, eine Tochter der ABG Holding, hat den Pachtvertrag gekündigt. Begründung: Dreck, „unhaltbare hygienische Zustände“. Dann bleibt in Frankfurt nur noch eine einzige betreute Unterkunft für Stadttauben, in der Mahräckerstraße in Ginnheim, wo die Nassauische Heimstätte einen Dachstuhl zur Verfügung gestellt hat.

„Im 40. Jahr unseres Bestehens ist die Lage sehr bitter“, sagt Gudrun Stürmer. Drei Taubenhäuser verloren, dabei stehe doch in Zeile 555 des Koalitionsvertrages: „Die Initiative Taubenhäuser soll von der Stabsstelle Sauberes Frankfurt finanziell unterstützt werden.“ Genau in diese Zeit falle der geforderte Abbau der drei Unterkünfte. Sie wisse gar nicht, wie sie das bewerkstelligen soll. „Dafür braucht man doch Spezialisten.“ Für den Abbau der Verschläge, den sie nicht will, auch noch viel Geld bezahlen? Dass die Taubenhäuser verdreckt seien, weist Stürmer empört von sich.

Schlecht gehe es ihr, sagt die Bockenheimerin. Sie fühle sich abgespeist und nicht ernstgenommen mit den Anliegen des Tierschutzes. „Ich bin enttäuscht von Teilen der Stadt.“ Aber Gudrun Stürmer ist keine Frau, die sich verbittert in ihre Höhle zurückzieht. Sie war und ist stets eine Kämpferin. Es müsse natürlich weitergehen, sagt sie. „Um die 3500 Tiere, die jedes Jahr zu uns kommen, muss sich ja jemand kümmern.“ Auf jeden Fall mache sie noch eine Weile weiter, „jetzt schon aus Trotz“.

An diesem Mittwoch schon treffen sich Stürmer und die ABG wieder vor Gericht. Dann wird das Urteil im Streit um eine Haustür verkündet. Die Taubenretter hatten stundenlang vergeblich versucht, einen Hausmeister zum Öffnen eines Dachverschlags aufzutreiben, in dem Tauben bei brütender Hitze elend eingingen. Da brachen sie die Tür auf. Die ABG will dafür 600 Euro Schadenersatz haben und bekam in erster Instanz Recht: Die Taube sei „kein taugliches Rechtsgut“, das einer anderen Person gehöre, entschied das Amtsgericht, folglich dürften für ihr Wohlergehen keine Sachen beschädigt werden. Das Stadttaubenprojekt ging in Berufung. Die Kammer habe sich jetzt viel Zeit genommen für den Fall, sagt Gudrun Stürmer, die Hoffnung sei groß, dass dem Tierschutz diesmal Rechnung angemessen getragen werde.

Und vielleicht bringt sie ja irgendwann noch das Buch heraus, das unveröffentlicht bei ihr liegt. Es handelt von Paul, dem Friedhofskater.

Auch interessant

Kommentare