Norbert Sachs sorgt sich um die Kolleginnen und Kollegen.
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Norbert Sachs sorgt sich um die Kolleginnen und Kollegen.

Portrait

Ein Kämpfer für Karstadt

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Betriebsratsvorsitzender Norbert Sachs berät unentwegt Kollegen im Kaufhaus auf der Zeil.

Norbert Sachs ist derzeit wirklich nicht zu beneiden. Der Betriebsratsvorsitzende von Karstadt auf der Zeil ist erster Ansprechpartner für die 230 Beschäftigten, die momentan um ihre Jobs bangen und vermutlich ab dem 1. November auf der Straße stehen. „Die Leute haben bei mir vor der Tür Schlange gestanden“, sagt der 64-Jährige. Die Gespräche mit den Kollegen, die Sachs teilweise seit Jahrzehnten kennt, sind nicht einfach. Eine der am häufigsten gestellten Fragen lautet dabei, ob sie in die Transfergesellschaft wechseln sollten. „Ich kann doch nicht jedem die Entscheidung abnehmen“, stöhnt Sachs und ergänzt: „Ich habe mich noch nie so beschissen gefühlt wie jetzt.“

Der gebürtige Frankfurter hat mit dem großen Kaufhaus wahrlich bessere Zeiten erlebt. Als Sachs an der Großen Friedberger Straße bei Hertie anfing, war Mao Tse-tung noch am Leben. 1976 war das. Sachs hatte Technischer Zeichner gelernt. „Aber da gab es gerade eine Flaute.“ Über einen Bekannten seines Vaters bekam er die Stelle als Sachbearbeiter in der Kundenberatung. „Ich habe das als Überbrückung gesehen, so für ein, zwei Jahre“, erinnert sich Sachs 44 Jahre später. In der Kundenberatung war er zuständig für die Tax-free-Geschäfte, für die Finanzierung von Waren, Hochzeitstische und die Bearbeitung von Schecks. „Ich bin dann hängengeblieben, weil es so viel Spaß gemacht hat.“

1980 wird der Hertie renoviert und vergrößert auf nun 34 000 Quadratmeter. Es ist das goldene Jahrzehnt der Kaufhäuser. Sachs erinnert sich an Modenschauen, Schlemmerabende oder goldene Kundenkarten. „Die hat nicht jeder gekriegt.“ Im Herbst 1989 hatte Hertie auch an einem Sonntag geöffnet, damit Kunden aus dem Osten Deutschlands nach der Maueröffnung auch etwas kaufen konnten für ihr Begrüßungsgeld. Sachs stieg zum Abteilungsleiter auf, wann genau das war, weiß er nicht mehr: „Das muss so Mitte der 90er gewesen sein.“

Mit der Jahrtausendwende begann der schleichende Niedergang. Wenn Mitarbeiter in Rente gingen, wurde kein Nachfolger mehr eingestellt. 2005 ereilt die Mitarbeiter der erste Sanierungstarifvertrag namens „Zero Base“. Für drei Jahre müssen die Angestellten im Einzelhandel auf Tariferhöhungen verzichten. Dabei bleibt es nicht, schon 2008 wird der „Zukunftspakt“ geschnürt, der 2009 jäh von der ersten Insolvenz unterbrochen wird. Als dann der nächste Sanierungstarifvertrag folgt, merkt Sachs: „Das bringt nichts.“ Zu der Zeit ist er längst schon im Betriebsrat, ab 2006 freigestellt, seit 2009 Vorsitzender. Die Zahl der Mitarbeiter geht immer weiter zurück, obwohl die Ladenöffnungszeiten verlängert werden und die Größe der Verkaufsfläche bleibt. Doch im Management werden Sachs zufolge auch noch andere Fehler gemacht: „Es ist immer mehr zentralisiert worden.“ Doch was sich in Konstanz verkauft, muss es in Hamburg noch lange nicht und bestimmt wurde es in Essen. „Auf uns Mitarbeiter haben sie nie gehört, nie. Aber wenn man nicht mehr das kriegt, was man verkaufen will, weiß man, es läuft irgendwas schief“, schimpft Sachs.

Die Konkurrenz mit dem Onlinehandel wird immer stärker. Das Plus des Ladengeschäfts, der Service, ist bei so wenig Personal kaum noch zu leisten. Als Mindestbesetzung gelten ein Verkäufer auf 1250 Quadratmeter. Aber selbst das wurde zuletzt kaum mehr eingehalten.

Dazu kommt ein geradezu grotesker Investitionsstopp. Das führt so weit, dass die Mitarbeiter des Kaufhofs, die mittlerweile zum selben Konzern gehören, 2019 auf das veraltete Warenwirtschaftssystem von Karstadt umgeschult werden. „Die sind aus allen Wolken gefallen, das war ein Salto rückwärts für die“, so Sachs. Das sei gewesen, als hätte Kaufhof schon elektronische Kassen und Karstadt noch welche zum Kurbeln. „Wir haben denen dann gezeigt, wie man kurbelt“, schüttelt Sachs den Kopf. Wohl nur, damit Karstadt nicht investieren und auf das modernere Abrechnungssystem von Kaufhof umstellen muss.

Es wäre zum Lachen, wenn es für die Mitarbeiter von Karstadt nicht so traurig wäre. Durch die beständigen Sanierungstarifverträge und den Ausstieg aus der Tarifbindung 2013 haben die Mitarbeiter schon etwa 150 Euro monatliche Rente verloren. Das Gehalt im Einzelhandel ist ohnehin nicht üppig. Nach dem fünften Berufsjahr verdient ein Angestellter laut Tarif 2704 Euro brutto. „Wir sind schon 13 Prozent unter Tarif“, betont Sachs. Jetzt, während der Insolvenz, hat die Bundesagentur für Arbeit die Gehälter übernommen und die zahlt Tarif. „Das muss man sich mal reinziehen, wir verdienen jetzt in der Insolvenz mehr Geld als normal.“ Plötzlich bekommen die Mitarbeiter auch wieder Urlaubsgeld.

Von der Konzernleitung hingegen komme nichts. Als Abfindung gibt es Sachs zufolge höchstens 1,5 Monatsgehälter, in der Transfergesellschaft werden in sechs Monaten pro Mitarbeiter 300 Euro für Qualifizierungsmaßnahmen investiert. „50 Euro pro Monat, wie will ich denn da jemanden für eine andere Tätigkeit qualifizieren?“, schimpft Sachs. Vergessen ist, wie manche Mitarbeiter jahrelang für den Betrieb geschuftet und eingesprungen seien, wenn das Personal mal wieder knapp war.

Am Freitag wurden sechs weitere Filialen des Karstadt-Kaufhof-Konzerns als vorerst gerettet erklärt, das traditionsreiche Haus auf der Zeil war nicht darunter. Sachs kann noch immer nicht richtig glauben, dass mit dem großen Haus wirklich Schluss sein soll. Von der Schließung hat er in einer Telefonkonferenz erfahren. Die Namen der betroffenen Häuser wurden runtergerattert, er selbst war auf stumm geschaltet. „Als unsere Filiale dabei war, ist etwas in mir gerissen.“ Auf die Geschäftsführung ist der 64-Jährige nicht gut zu sprechen: „Da ist mir mittlerweile jeder Totengräber sympathischer.“ Wobei er damit sicherlich nicht nur den Konzernbesitzer René Benko meint. „Der Mann ist Milliardär und investiert in Berlin schon wieder Milliarden und hier werden Menschen aus Fleisch und Blut mit 300 Euro abgespeist“, wundert sich Sachs.

Er selbst wird in Rente gehen. Endlich mehr Zeit für Hobbys. Sachs gesteht: „Das ist ein bisschen das Problem, mein Hobby war Karstadt.“ Aber er werde sich schon zu beschäftigen wissen, schließlich habe er in Dreieich einen Garten und auch für die Gewerkschaft will er sich weiter engagieren.

Doch noch engagiert er sich für Karstadt. Am heutigen Montag spricht er mit seinem Betriebsrat nochmal bei der CDU-Fraktion des Landtags in Wiesbaden vor. Aber zeitgleich soll schon der Abverkauf in der Filiale auf der Zeil beginnen. Bis Dienstag müssen sich die Mitarbeiter entscheiden, ob sie in die kärglich ausgestattete Transfergesellschaft wechseln wollen. Sachs wird von den Kollegen noch ein paar Fragen gestellt bekommen.

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