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Diese beiden sind die einzigen Jugendlichen, die Christoph Wilkens auf seiner Runde erreicht.

JUZ

Jugendarbeit ohne Räume

  • vonKilian Beck
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Weil das Jugendzentrum Fechenheim sein Angebot eindampfen musste. werden die Jugendlichen direkt an ihren Treffpunkten besucht. Unterwegs mit Sozialarbeiter Christoph Wilkens.

Christoph Wilkens stapft in schwarzen Motorradstiefeln das Fechenheimer Mainufer entlang. Am frühen Nachmittag beginnt seine Runde durchs Viertel. „Am Anfang war ich der Sozialarbeiter, der irgendwie auftaucht“, witzelt Wilkens. An seinen langen blonden Haaren und der Lederjacke erkennen Jugendliche ihn schon von weitem.

Seit 2012 arbeitet er im selbstverwalteten Jugendzentrum (JUZ) Fechenheim. „Nach vier, fünf Jahren wurde es dann richtig gut“, dann hatten die Jugendlichen den Oldenburger als jemanden, der helfen kann, akzeptiert. „Wenn man lange im Stadtteil ist, dann ist das einfacher, man kennt den älteren Bruder, der sagt dann, ich bin okay, und dann geht das“, sagt Wilkens, als er den Fechenheimer Friedhof passiert. Spaziergänge wie dieser – aufsuchende Jugendarbeit – gehörten bis vor ein paar Monaten nicht zu seinem Job.

„Jetzt ist es aber notwendig“, sagt Wilkens. Das JUZ darf seit März nur noch unter Auflagen öffnen und inzwischen erlaubt die Corona-Verordnung auch keine Freizeitangebote mehr. „Dadurch kommen manche gar nicht mehr zu uns“, erzählt Wilkens einige Minuten zuvor beim Kaffee im verwaisten Freizeitbereich des JUZ. Deswegen geht der 37-Jährige jeden Dienstag und Donnerstag nach Schulschluss seine Runde zu den Treffpunkten der Jugendlichen. „Ich glaube nicht, dass wir heute viele Leute treffen – es ist zu kalt“, meint Wilkens, kurz nachdem das Tor des JUZ hinter ihm zugefallen ist.

„Wir haben schon ein paar krasse Kandidaten dabei“

„Wir haben schon ein paar krasse Kandidaten dabei“, erzählt er, als er über eine Wiese am Mainufer stapft. An wärmeren Tagen träfen sich hier die Älteren zum Kiffen und Quatschen, an diesem Nachmittag ist es kalt, und die Wiese ist leer. Die „krassen Kandidaten“, wie Wilkens sie nennt, seien die absolute Ausnahme. „Einer hat jetzt ein Verfahren wegen versuchter Tötung am Hals“, sagt Wilkens – ruhiger als sonst. Die meisten hätten Ausbildungen oder studierten. „Ich freue mich immer, von Ehemaligen zu hören, ab und zu ist dann auch was Unschöneres dabei.“

Auf der anderen Seite der Kleingartenkolonie ragen die Wohnblocks an der Dietesheimer Straße auf. „Die Kids hier brauchen das JUZ besonders“, stellt Wilkens fest. Gerade die Freizeitangebote seien wichtig, oft kämen Jugendliche zum Kartenspielen. „Dann fällt dem ein, dass er doch ein Problem hat, über das er reden möchte“, sagt der Sozialarbeiter. Der informelle Rahmen mache es ihm oft leichter.

Er erzählt von den teils achtköpfigen Familien, die in kleinen Wohnungen leben, von zwei Geschwistern, die sich mit über 20 Jahren noch ein Zimmer teilen. „Ich hätte mich mit 16 schon mit meiner Schwester in die Klamotten bekommen“, sagt Wilkens mit durchscheinendem norddeutschen Akzent. Deswegen sei es gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen wichtig, den Kontakt zu den Jugendlichen zu halten.

Am Spielplatz, dem nächsten Treffpunkt auf Wilkens Runde, dasselbe Bild: leere Schaukeln, Rutschen und ein verwaister Pavillon, keine Jugendlichen. Nach den Wohnblocks spaziert Wilkens weiter Richtung Alt-Fechenheim. Das ausgewaschene Senfgelb der Wohnblocks weicht ockerfarbenem Sandstein. Sein Ziel ist die Grundschule, es ist kurz nach drei Uhr – Schulschluss.

Junge, krieg dein Leben auf die Reihe

Zwei Jugendliche mit kurzgeschorenen Haaren passieren ihn. Einer von ihnen trägt Pelzkragen, Wilkens gibt ihm im Vorbeigehen die Faust. Der junge Mann grüßt grummelnd. „Die waren im Stadtteil mal als Gang bekannt“, erzählt er. Inzwischen hätten beide feste Freundinnen. „Die haben ihnen anscheinend gesagt: Junge, krieg dein Leben auf die Reihe.“ Seitdem kämen sie zum Bewerbungenschreiben ins JUZ. Ansonsten hätten sie Hausverbot, weil sie andere drangsaliert hätten.

Am Spielplatz angekommen fallen Wilkens auf der anderen Seite zwei bekannte Gesichter auf. Zwei Jungen im Grundschulalter sitzen auf den Schaukeln. Wilkens grüßt die beiden, sie ihn auch. „Habt ihr mitgekriegt, dass der Spielplatz umgebaut wird?“, fragt er sie. In ihren Gesichtern regt sich wenig. „Machen die das wirklich?“, fragt einer der beiden. „Ja, Geld ist schon da, eine Firma ist auch schon beauftragt“, antwortet Wilken. „Es geht jetzt nur noch darum, was gemacht wird, was wünscht ihr euch?“, schiebt er nach. Denn das JUZ ist von der Stadt in die Planungen einbezogen worden.

„Gummi auf dem Bolzplatz und einen höheren Zaun“, sagt einer der beiden. Wilkens dreht sich kurz um und schaut auf den Ascheplatz, um den herum ein Zaun steht, kaum höher als die Litfaßsäule daneben. „Und einen Kiosk – im Sommer“, wirft der andere ein. „Ein Kiosk? Das wird glaube ich, eher schwer, aber ich nehm’s mal mit“, entgegnet Wilkens. Kurz darauf verabschiedet er sich von den beiden. Der Bolzplatz ist Teil des Umbauplans, bestätigt das zuständige Grünflächenamt.

Auf dem Rückweg ins JUZ schildert Wilkens, wie er die Jugendlichen erreicht, wenn er sie nicht treffen kann. „Viel läuft jetzt über Instagram“, sagt er. Zwar könne er so zu den meisten Kontakt halten, aber dadurch arbeite er mehr. „Wenn mein Arbeitshandy aus irgendeinem Grund am Sonntagabend nicht aus ist, schau ich schon drauf, wenn’s was gibt“, sagt er.

Nach seiner zweistündigen Runde ist Wilkens zurück am JUZ. Zurück im Corona-Alltag. Es gibt unterrichtsähnliche Angebote. Eine Einserschülerin wartet auf Mathe-Nachhilfe.

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