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Interview

Jutta Ditfurth: „Sachbeschädigungen, wenn sie klug begründet sind, sind legitim“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Jutta Ditfurth spricht im Interview über die Anfangszeit der Frankfurter Grünen vor 40 Jahren, deren Verhältnis zur Gewalt und die neue Klimabewegung.

Jutta Ditfurth im Interview bei der Frankfurter Rundschau.
  • Jutta Ditfurth ist Gründungsmitglied der Grünen, 1981 wurde sie ins Stadtparlament in Frankfurt gewählt.
  • 1991 trat sie aus der Partei gegen die realpolitische Wende der Grünen aus.
  • Im Interview spricht sie über die Anfänge der Grünen, die RAF und Fridays for Future.

Frau Ditfurth, vor 40 Jahren, im Dezember 1980, stellten die Grünen als damals elf Monate alte Partei ihre erste Liste für eine Kommunalwahl in Frankfurt auf. Sie kamen aus der Bewegung gegen Atomkraft und aus der Frauenbewegung. Was hat Sie damals bewogen, den Weg ins Frankfurter Stadtparlament einzuschlagen?

Die Anti-AKW-Bewegung, die ich seit 1975 mit aufgebaut hatte, war eine so erfolgreiche Massenbewegung geworden, dass der Staat sie im Rahmen der Verfolgung der Rote Armee Fraktion (RAF) gleich mit zerschlagen wollte. Wir haben außerparlamentarisch eine große Zahl geplanter Atomkraftwerke verhindert. Immer wenn ich 1977 zur Vorbereitung von Demonstrationen und Platzbesetzungen von Wyhl nach Brokdorf, Grohnde oder Kalkar fuhr, blickte ich irgendwann in Maschinenpistolen der Polizei. Im Deutschen Herbst 1977 war diese erste Anti-AKW-Bewegung erst einmal zerschlagen.

Ging es also bei der Kandidatur der Grünen für das Stadtparlament 1980 auch um Sicherheit vor Verfolgung?

Die Entscheidung die Grünen mitzugründen, entsprang einer Niederlage. Es ging uns ökologischen Linken darum, Zeit für eine radikaldemokratische und ökologische Offensive zu gewinnen. Ein Teil unserer Mitkämpfer:innen zog sich aus Angst vor dem waffenstarrenden Staat ins Privatleben zurück. Andere meinten, es helfe nur noch der bewaffnete Kampf.

Jutta Ditfurth: „Gewalt gegen Menschen war ein Tabu“

Was hielten Sie von diesem Weg der RAF?

Nichts. Schon ihre politische Analyse war falsch: Es gab keine vorrevolutionäre Situation in Deutschland.

Und die Gewaltfrage?

Sachbeschädigungen, wenn sie klug begründet sind, sind legitim. Also etwa einen Zaun zu durchschneiden, um den Bauplatz für ein Atomkraftwerk zu besetzen oder einen Wald gegen eine Autobahn. Aber Gewalt gegen Menschen war ein Tabu. Das war breiter Konsens. Im Sommer 1977 nahm ich an den internationalen Kämpfen gegen den Superphenix im französischen Malville teil. Die CRS-Polizei schoss Menschen mit Blendgranaten Hände und Füße ab. Vital Michalon starb, als ihm eine Granate die Lunge zerriss. Da ahnten wir, was auch in Deutschland drohte.

Zur Person

Jutta Ditfurth wurde am 29. September 1951 in Würzburg als Jutta Gerda Armgard von Ditfurth geboren. Sie ist die Tochter des 1989 verstorbenen Naturwissenschaftlers Hoimar von Ditfurth.

Anfang 1975 hielt sie ihre erste öffentliche Rede bei einer Kundgebung in Bielefeld gegen den Paragrafen 218. Im November 1979 gründete die Radikalökologin mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten im Serengeti-Saal des Frankfurter Zoos den Kreisverband der Grünen.

Im Spätherbst 1980 bereitete sie die erste Kandidatur der Frankfurter Grünen zur Kommunalwahl 1981 vor. Im März 1981 wurden die Grünen mit Ditfurth zum ersten Mal ins Frankfurter Stadtparlament gewählt.

Ditfurth stieg bis zur Bundessprecherin der Grünen auf. 1991 verließ sie aus Protest gegen die realpolitische Wende der Partei die Grünen und gründete die Wahlvereinigung Ökolinx. Seit 2011 gehört sie für Ökolinx der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt an. jg

Sie wollten für die Kommunalwahl im Frühjahr 1981 eine Liste, die außer den Grünen auch noch andere linke Gruppen berücksichtigte.

Ja, wir wollten zum Beispiel auch die Frankfurter Spontis vertreten sehen. Sie entschieden, dass Daniel Cohn-Bendit ihr Kandidat sein sollte.

Streit um den Einzug ins Frankfurter Parlament: „Ökologie war ihm egal“

Am Ende kam diese gemeinsame Liste aber nicht zustande.

Cohn-Bendit koppelte seine Wahl an die von Wolfgang Hübner. Der gehörte damals zur KPD/AO, einer nationalistischen kommunistischen Partei. Wir kritisierten zum Beispiel krebserzeugende Produktionen beim Chemiekonzern Hoechst AG, wo vor allem „Gastarbeiter“ arbeiteten. Für Hübner waren wir damit „Maschinenstürmer“ und „Technikfeinde“. Das ist übrigens derselbe Hübner, der 20 Jahre später als Rechtsradikaler mit der BFF in den Römer einzog. Wir haben Cohn-Bendit Ende 1980 als Kandidat gewählt, Hübner aber nicht. Daraufhin trat Cohn-Bendit nicht an. Es war sein Machtspiel, Ökologie war ihm egal.

Spitzenkandidat Manfred Zieran mit Jutta Ditfurth am Wahlabend am 22. März 1981.

Zum Programm der Grünen für die Kommunalwahl 1981 gehörten Ziele wie die autofreie Innenstadt, mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer. Die autofreie Innenstadt ist heute noch nicht verwirklicht. Warum nicht?

Nun, wir haben den Kapitalismus nicht abgeschafft. Damals ging es in unserem Wahlkampf schon um das Klima. Mein Vater, der Naturwissenschaftler Hoimar von Ditfurth, hielt für uns 1980 einen Vortrag im Volksbildungsheim zu dem 1000 Leute kamen. Heute geht es bei den Protesten im Dannenröder Forst wieder um den Klimaschutz. Die jungen Menschen, die dort gegen den Autobahnbau protestieren, wissen allerdings wenig über die Geschichte der Bewegungen, auf deren Schultern sie stehen.

Jutta Ditfurth: Für Erfolge braucht es Druck auf etablierte Politik

Was halten Sie von Bewegungen wie Fridays for Future und den Klimaschützern der Gegenwart?

Ich bin froh, dass es sie gibt. Aber ich kritisiere, dass sie die soziale Frage noch nicht genügend aufgenommen haben und sie sich mancherorts mit esoterischen Öko-Rassist:innen verbünden.

Und die Grünen bewegen sich doch auch. Sieht man das nicht, wenn die Grünen jetzt plötzlich das in Frankfurt geplante Wohngebiet Günthersburghöfe ablehnen?

Guter Witz. Die Führung der Grünen hat erklärt, dass das in Koalitionsverhandlungen aufgeweicht werden kann. Spitzenkandidat Bergerhoff sagt, die „Grüne Lunge“ sei für ihn der Stadtwald. Sollen wir da unsere Lungen hintragen? Die wenigen wohlmeinenden Grünen werden in den Strukturen des Römers zerrieben werden. Die Geschichte zeigt doch: Erfolge gibt es, wenn überhaupt, nur dann, wenn Initiativen sich nicht täuschen lassen und unbeirrbar Druck auf die etablierte Politik machen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Rubriklistenbild: © imago

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