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Landgericht und Amtsgericht Frankfurt.

Landgericht Frankfurt

Die letzte Ausfahrt des Abendlandes

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Ein Straßenverkehrsdisput mit viel Aufregung beschäftigt nun auch das Landgericht Frankfurt.

Sie parken in einer Ausfahrt. Von rechts nähert sich Ihnen ein Fahrlehrer, der Sie belehrt: „So parken wir hier in Deutschland nicht, das können Sie zu Hause machen!“ Wie verhalten Sie sich?

a.) Hupen und zügig weiterfahren.

b.) Sie erklären dem Fahrlehrer, Sie seien hier zu Hause, und schreiten pfeifend fürbass.

c.) Sie heißen den Fahrlehrer ein „Arschloch“ und „Nazi-schwein“ und hauen ihm eine rein.

Hassan A. (57) hatte sich im Oktober 2016 für Antwort c. entschieden und war damit in der Praxis durchgefallen. Das Amtsgericht hatte ihn im November 2017 wegen Körperverletzung und Beleidigung zu 90 Tagessätzen à 45 Euro verurteilt. Aber in der Theorie könnte das Landgericht ihn noch durchkommen lassen, darum hat Hassan A. Berufung eingelegt.

Er habe Dieter S. damals ein „Arschloch“, aber kein „Nazi-schwein“, genannt, gibt Hassan A. am Montag vor dem Landgericht zu, aber erst nachdem der ihn als „Kanaken“ beschimpft habe. Und gehauen habe er ihn nicht. Wenn er es hätte, dann aber richtig.

Hassan A. könne zu Hause machen, was er wolle, wiederholt Dieter S. (75) im Zeugenstand, „das ist meine Meinung, da steh’ ich dazu“. Aber nicht in seiner Ausfahrt. Und erst recht nicht ihn hauen. Er habe eine Platzwunde mit Attest erlitten, und sein Hörgerät sei entzwei gegangen, so dass er kurzfristig auf dem linken Ohre taub gewesen sei. „Die Verhandlung war doch schon mal!“, erinnert sich Dieter S. plötzlich, läuft purpurn an und bepöbelt Hassan A.s Verteidiger. Am Landgericht kommt Stimmung auf.

Hassan A. und Dieter S. haben manches gemeinsam. Beide sind deutsche Staatsbürger – der eine seit Jahrzehnten, der andere seit Generationen. Beide sind People of Colour – der eine durch die Sonne des Maghreb, der andere durch Bluthochdruck. Beide haben einen Beruf mit vielem Sitzen – der eine als Flugsitzbauer, der andere als Fahrlehrer. Beide können sich nicht ausstehen. Beide sind nicht vorbestraft. Beide sind nicht entspannt. Beide machen zu Hause, was sie wollen, und an jenem Oktobernachmittag wollten sie laut Aussage eines Zeugen beidseitig „in Kampfstellung“ gehen. Einen Schlag hat der Zeuge nicht gesehen, aber wechselseitige Beleidigungen gehört und später die Motorrad-Prüfung bestanden. Dieter S. habe sich furchtbar aufgeregt, wenn jemand in der Ausfahrt in der Mainzer Landstraße geparkt habe, also eigentlich ständig, erinnert sich der Zeuge und ehemalige Fahrschüler.

Das Gericht verurteilt Hassan A. wegen Körperverletzung und Beleidigung zu 45 Tagessätzen à 45 Euro. Halb so schlimm wie in der ersten Instanz, aber immer noch durchgefallen.

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