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„Wir finden, dass der Kinderschutz gerade jetzt ausgebaut werden muss.“ Die Frankfurter Jura-Professorin Carola Berneiser fordert einen Ausbau des Kinderschutzes in der Corona-Krise.

Frankfurt

Wissenschaftlerin warnt: „Wer sieht gerade jetzt die Kinder?“

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Die Frankfurter Jura-Professorin Carola Berneiser fordert im Interview einen Ausbau des Kinderschutzes während der Corona-Krise.

100 Wissenschaftler haben den Appell „Mehr Kinderschutz in der Corona-Pandemie“ unterzeichnet. Carola Berneiser von der Frankfurt University of Applied Sciences ist eine der Initiatorinnen.

Frau Berneiser, in dem Appell bemängeln Sie, dass der Kinderschutz aktuell drastisch vernachlässigt wird. Warum?

Angesichts der aktuellen Situation habe ich mich gefragt: Wer sieht gerade jetzt die Kinder, die es ohnehin schon schwer haben, die zu ihrem Schutz in einer Heimeinrichtung untergekommen sind und wegen des Infektionsrisikos nach Hause entlassen wurden? Wie geht es den Kindern, die Gewalt durch die eigenen Eltern erfahren haben und ohne ambulante Hilfe der häuslichen Situation nun vollständig ausgeliefert sind? Dass solche Kinder schutzlos sind, das hat mir große Sorge bereitet.

Was wollen Sie mit dem Appell bezwecken?

Wir möchten auf die prekäre Situation von gerade solchen Kindern aufmerksam machen. Wir finden, dass der Kinderschutz gerade jetzt ausgebaut werden muss. Aktuell aber geschieht genau das Gegenteil. Wir brauchen klare Vorgaben durch die Landespolitik und das Bundesfamilienministerium, um in der aktuellen Krise die für den Schutzauftrag von Kindern systemrelevanten Institutionen zum Handeln zu befähigen.

Carola Berneiser, Vertretungsprofessorin für Familien-, Kinder- und Jugendhilferecht in Frankfurt.

Sie berichten, dass Kinder aus Einrichtungen zurück in ihre Familien geschickt werden. Woher haben Sie die Informationen? In wie vielen Fällen geschieht das?

Im Austausch mit Kollegen, Fachkräften von freien und öffentlichen Jugendhilfeträgern sowie Studierenden, die ihr Praktisches Jahr absolvieren, wurde deutlich, dass die Jugendhilfe derzeit massiv zurückgefahren wird. In den überwiegenden Fällen wurde die Arbeit auf akute Kindeswohlgefährdung reduziert. Wegen der Angst vor einer Ansteckung werden viele Kinder aus Wochengruppen, Heimen und Psychiatrien nach Hause geschickt. Insbesondere ambulante Hilfen wurden runtergefahren. Das sind nur punktuelle Beobachtungen, wir können nicht sagen, in wie vielen Fällen das so ist. Aber die Meldungen kamen sehr gebündelt.

Zur person

Carola Berneiser ist Vertretungsprofessorin für Familienrecht und Kinder- und Jugendhilferecht an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Was fordern Sie konkret?

Wir haben gefordert, dass der Kinderschutz als systemrelevant anerkannt wird – das ist inzwischen geschehen. Dabei ist natürlich wichtig, dass der Infektionsschutz für die Fachkräfte gewährleistet ist. Es könnte sehr helfen, den Zugang zum Covid-Test zu erleichtern, damit sich die Fachkräfte sicher fühlen können. Auch ist wünschenswert, die Attraktivität der Tätigkeit der Fachkräfte zu steigern, indem man einen Risikobonus zahlt. Weiterhin ist wichtig, dass Hilfeprozesse fortlaufen und Familien engmaschig begleitet werden, Integrationshelfer im Einsatz bleiben und eine Notbebetreuung in Kita und Schule erfolgt. Auch Inobhutnahmeplätze müssen ausgeweitet werden.

Wie kann man gewährleisten, dass genug Personal zur Verfügung steht?

Eine Idee ist, Studierende der Sozialen Arbeit und anderer Fachbereiche dort einzusetzen, wo Personal ausfällt. Auch könnte man Fachkräfte untereinander austauschen und da einsetzen, wo sie gebraucht werden.

Welche Kinder sind besonders gefährdet?

Kinder mit Beeinträchtigungen und ganz kleine Kinder sind besonders schutzbedürftig. Sie können sich nur schwer oder gar nicht mitteilen. Da sind die Eltern besonders herausgefordert – und viele eben auch überfordert. Eine Vielzahl der Todesfälle bei kleinen Kindern geht auf eine mangelnde Grundversorgung zurück. Wir hegen keinen Generalverdacht, aber das kann gerade jetzt in der Isolation eine große Lebensgefahr für Kinder bedeuten.

Geht es im Endeffekt darum, den Schutzanspruch der gesamten Bevölkerung gegen den Kinderschutz abzuwiegen?

Die Frage ist: Welchen Stellenwert kann der Kinderschutz haben? Wir müssen Kinder als Teil der Gesellschaft denken und nicht die beiden Faktoren gegeneinander abwiegen. Wir müssen es schaffen, Kinder vor Gewalt zu schützen und gleichzeitig den Infektionsschutz zu wahren. Dass das möglich ist, sehen wir an Ärzten, die für systemrelevant erklärt wurden und weiterhin mit Patienten in Kontakt stehen.

Interview: Helen Schindler

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