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Erlebnispädagoge Neuwirth bouldert gern mit den Jugendlichen.

Nordend

Jugendlichen geht es um Grenzen und Respekt

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Gert Neuwirth leitet das Jugendhaus Heideplatz. Ein Gespräch über die Zeiten von kriminellen Jugendgangs und über soziales Lernen.

Herr Neuwirth, was ist das große Thema unter Jugendlichen?
Ein wichtiges Thema ist die digitale Welt, der Austausch über Social Media. Wir als Jugendhaus müssen uns verstärkt medienpädagogisch fit machen. Ich finde es wichtig, dass junge Kollegen über Multimedia Zugang zu den Jugendlichen finden.

Seit 25 Jahren besteht das Jugendhaus. Welche Themen ändern sich, welche nicht?
Grenzen, Respekt und Disziplin sind immer ein Thema. Im Jugendhaus ist es nicht schlecht, wenn es ein bisschen Ordnung und Disziplin gibt. Schon seit Generationen beschäftigt die Jugend, dass Erwachsene über sie schimpfen. Ich finde, dass die Jugend das Provokante aus früheren Jugendkulturen, etwa Punks oder Rocker, nicht mehr hat. Diese Jugendkulturen werden homogener.

Musik spielte immer eine zentrale Rolle in Jugendkulturen. Ihr Haus ist da Vorreiter?
Wir vertreten die Hip-Hop-Jugendkultur stark. Hip-Hop ist eine Kunstform, ein Ausdruck vom Leben. Wir haben ein Studio zum Aufnehmen. Ein wesentliches Merkmal der offenen Jugendarbeit ist die Unverbindlichkeit, die Freiwilligkeit. Die Aufnahmen haben eine ganz hohe Verbindlichkeit. Die Jugendlichen halten ihre Termine ein und fordern uns ein, wenn der, der das Studio macht, zehn Minuten zu spät ist. Wir haben auch Proberäume, die aktuell zwei neue Bands nutzen. Die werden nächstes Jahr vielleicht bei „Power am Tower“ spielen, da ist es gute Tradition, dass das Jugendhaus ein oder zwei Bands für Auftritte stellt.

Werden Sporthalle und Fitnessstudio auch gut angenommen?
Wir haben eine starke Sportfraktion, es wird viel Basketball gespielt. Da haben wir eine Kooperation mit dem Sportkreis. Baskidball nennt sich das, das ist sehr gut besucht. Da spielen Jugendliche mit einem Trainer, einem Ex-Profi.

Wie wichtig ist die Beziehungsarbeit bei Ihnen?
Es ist ein wichtiges Element, da man über Beziehungen den Kontakt aufbaut. Man kriegt schon zum einen oder anderen eine innige Beziehung, fast väterliche Gefühle. Wir haben einige, die kamen mit 14, jetzt sind sie 19, und sie bedanken sich für Ratschläge und gesetzte Grenzen. Manchmal ist es frustrierend, wenn man so ’ne Terrorgang hat, die anstrengend ist. Das ist ein Prozess, er geht über Monate, wer ist stärker. Da muss man dauernd hinterher sein, was Regeln und Grenzen angeht.

Apropos Terrorgang: Das Jugendhaus wurde auch gegründet, um kriminelle Jugendgangs wie die „Turkish Powerboys“ oder die „Griesheim Tigers“ aufzufangen. Haben Sie noch mit solchen Gangs zu tun?
Es ist immer wieder Thema. Aber die Zeit des Turkish Powerboy ist vorbei. Wir haben Jugendliche, die kriminell sind oder werden. Wir versuchen, sie zu integrieren. Wenn die das Haus aber nutzen, um illegale Dinge zu tun, dann gibt es eine Konsequenz.

Gibt es Fälle von Radikalisierung?
Es gibt Jugendliche, die sich in diesem Dunstkreis bewegen. Wir haben einen Jungen, den kenne ich seit zehn Jahren, der wurde zum Salafisten. Wir haben ihn nicht fallen lassen. Wir haben ihm Grenzen gezeigt, wenn er provoziert hat, hat er für einen Tag Hausverbot bekommen. Aber er kam immer wieder. Heute hat er eine Wohnung, macht den Abschluss, hat einen Ausbildungsplatz. Wir als Team haben einen gerettet, vor einem ganz fatalen Weg.

Wann sind Sie netter Onkel und wann verfechten Sie Regeln?
Wir machen die Regeln und setzen sie auch durch. Falls eine Regel missachtet wird, gibt es eine Konsequenz. Das ist soziales Lernen und unser Auftrag. Im Jugendhaus hat es eher noch einen spielerischen Charakter, da kann man mal eine Grenze überschreiten und vielleicht über Angebot, mal zu kehren, der Sanktion entgehen.

Gibt es im Haus spezielle Angebote für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?
Wir haben keine speziellen Angebote, das impliziert ja schon ein Stigma. Alle Programme sind für alle. Wir haben das Haus beim Ansturm vor zwei Jahren sofort geöffnet. Wir haben für Jugendliche gekocht, etwa afghanisch. Viele nutzen erst nur den Fitnessraum, weil sie dort ihr eigenes Reich haben. Manche kommen in den offenen Bereich, die Annäherung läuft nebenher. Bei uns sind sowieso viele Ethnien vertreten, da ist es einfach, Kontakt zu finden.

Interview: Miriam Keilbach

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