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Erst seit etwa einem Monat sind die offenen Treffs in den Jugendhäusern wieder möglich.
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Erst seit etwa einem Monat sind die offenen Treffs in den Jugendhäusern wieder möglich.

Coronavirus

Jugendliche in Frankfurt: Endlich wieder zusammen chillen

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Über Monate durften Jugendliche ihre Freizeit nicht in Jugendzentren verbringen. Nun kehren sie in die offenen Treffs zurück.

Ein wahrer Klassiker der Fußballgeschichte steht bevor. Deutschland gegen die Niederlande, auch wenn das Spiel nur auf der Playstation gespielt wird. Sou und Emmanuel bereiten sich lässig sitzend auf den Sofas im AWO-Jugendhaus auf das Duell vor.

Eine lange Zeit durften die Jugendlichen hier nicht sitzen, nicht im Raum mit der Playstation, nicht auf den Sofas im großen Aufenthaltsbereich, nicht im Computerraum. Über Monate waren die Jugendtreffs in Frankfurt quasi geschlossen. Teilöffnungen waren erlaubt, allerdings nicht der offene Jugendtreff, sozusagen das Herzstück jeder Jugendeinrichtung. „Sie mussten vorab Termine vereinbaren, wenn sie in unseren Räumen lernen oder Bewerbungen schreiben wollten“, sagt Fabian El Moukahel. Er arbeitet seit 2016 als Sozialarbeiter im AWO-Jugendtreff.

Nun können Sou und Emmanuel wieder nebeneinander sitzen und zocken. „Ich habe zu Hause ja eine Playsi, aber wir konnten nur online zocken. Ich habe es vermisst, meine Freunde zu sehen“, sagt Emmanuel. Sou, der passend zu seiner Teamauswahl das Deutschland-Trikot trägt, nickt. So, genug geredet, die Jungs wollen jetzt endlich mit dem Spiel anfangen. „Bitte die Tür schließen“, ruft Emmanuel noch hinterher.

Viele unterschätzten die Jugendlichen, meint Sozialarbeiterin Nika Heüveldop.

Seit rund einem Monat kommen die 14- bis 19-Jährigen wieder. Momentan jedoch nur junge Männer, doch bald soll es für einen Tag in der Woche einen offenen Treff für Mädchen geben. Anfangs lief es etwas schleppend, jetzt rollt es langsam an, sagt Nika Heüveldop. Auch sie arbeitet hier als Sozialarbeiterin. Während die jungen Männer auf den Sofas sitzen bereiten Heüveldop, El Moukahel und Katharina Martens, die dritte Sozialarbeitern im Bunde, den Grill vor.

Währenddessen albert eine Freundesclique herum, die wie die Bosse in der Sofaecke im Hauptraum sitzen. Die fünf im Alter von 17 bis 19 sind Freunde, trafen sich auch während des ersten und zweiten Lockdowns. „Wir waren oft bei mir im Garten“, sagt Maciej. Die Jungsclique kommt seit fünf Jahren, die meisten von ihnen wohnen in der Umgebung, in Hausen, Praunheim, Rödelheim und Bockenheim.

Im AWO-Jugendtreff sitzt die „Generation Corona“, wie die jungen Menschen seit dem Ausbruch und den Folgen für sie in der Pandemie genannt werden. Die Jugendlichen hatten wohl am meisten wegzustecken. Sie mussten über Monate hinweg Solidarität zeigen mit den älteren Mitmenschen, sie durften nicht in die offenen Jugendtreffs, nicht in Bars, nicht auf Partys. Viele konnten ihren 18. Geburtstag nicht feiern. Sie verpassten wichtige Ereignisse ihres Teenager-Daseins. „Es gibt schon viele Unsicherheiten, weil eben einiges für sie weggefallen ist. Aber ich denke auch, dass viele Erwachsene Jugendliche unterschätzen. Nach dem Motto: Sie seien frustriert und bekämen nichts auf die Reihe. Aber viele nutzten ihre neu erworbene Freizeit und sind kreativ“, sagt Heüveldop.

Sozialarbeiter El Moukahel ist beeindruckt von der Motivation mancher Jugendlicher.

Fußball etwa spielt eine große Rolle. So auch für den 15-jährigen Raouf. Er sitzt zusammen mit seinem älteren Bruder Amin und zwei weiteren Jungs im Computerraum. Sie schauen sich ein Youtube-Video an. Raouf nutzte die Freizeit, um seine Fußball-Fähigkeiten zu trainieren. „Ich habe viel an meiner Technik gearbeitet und an meiner Ausdauer“ , sagt Raouf. Auch sein Bruder Amin und dessen Kumpel, der neben ihm sitzt, nutzten die Zeit. „Ich lerne Japanisch, mein Kumpel Arabisch. Ich kann ihm auch was beibringen. Wir motivieren uns gegenseitig, kommen oft hierher und lernen. Ich denke, in dieser Zeit ist Motivation wichtig“, sagt Amin.

Er komme oft in das Jugendhaus, weil er sich zu Hause nicht konzentrieren könne. „Hier habe ich meine Ruhe und mehr Platz zum Lernen. Außerdem gibt es hier Stifte und Papier“, sagt Amin.

Die beiden Brüder leben erst seit sieben Jahren in Deutschland und sprechen beinahe akzentfrei Deutsch. El Moukahel ist von Raouf und Amin besonders angetan. „Es ist unglaublich, welche Entwicklung sie genommen haben und wie motiviert sie sind. Amin möchte Dolmetscher werden, deswegen fängt er jetzt an der Goethe-Uni mit seinem Studium in Romanistik und Japanologie an.“

Die Tische im Großraum sind gedeckt, Heüveldop füllt die Teller mit Gemüsespießen, vegetarischen Würstchen und Sucuk. Der Renner unter den Jugendlichen. „Sucuk geht immer“, sagt Heüveldop und grinst. In der offenen Küche ist ein kleines Buffet aufgebaut. Es gibt Fladenbrot, Wassermelonensalat, Grillpaprika und zwei hausgemachte Limonaden aus Minze, Holunder und Mangosaft. „Den Sirup haben wir mit den Jungs selbst hergestellt“, sagt Martens. Die Kräuter kommen aus den Hochbeeten neben dem Haus, die sie selbst angelegt haben. Dort wachsen nicht nur Minze und Holunder, sondern auch Früchte wie Erdbeeren und vieles weitere.

Die Jugendlichen haben Sozialarbeiterin Martens gut in das Team aufgenommen.

Da die Jungs mittlerweile mit Sucuk, Limonaden und Gemüsespießen versorgt sind, können auch die beiden Sozialarbeiterinnen Heüveldop und Martens endlich etwas essen. Sie sind beide noch sehr frisch im Team. „Die Jungs haben es einem superleicht gemacht. Der Respekt war von Beginn an da“, sagt Heüveldop. Auch Martens betont die angenehme Atmosphäre und Kommunikation. „Sie sind außerdem sehr motiviert und haben viele Anregungen für unseren Garten. Und sie haben einige Ideen, was wir jetzt im Sommer an Ausflügen unternehmen könnten.“ Geplant sind eine längere Radtour, Kanu fahren. Und der größte Wunsch der Jugendlichen ist eine Fahrt zum Europa Park.

In der Küche stapeln sich nun die dreckigen Teller. Die Jugendlichen sitzen derweil wieder auf den Sofas, spielen Fußball an der Playstation. Ein bisschen Zeit geben die Sozialarbeiter:innen ihnen noch. Hier zählt schließlich Teamarbeit, alle packen mit an. Denn das dreckige Geschirr spült sich nicht von selbst.

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