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Ausgelassene Stimmung am Mainufer, nicht immer ganz coronakonform.
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Ausgelassene Stimmung am Mainufer, nicht immer ganz coronakonform.

Coronavirus

Jugendforscher: „Warum sollten Jugendliche weniger frustriert sein?“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Der Erziehungswissenschaftler Andreas Walther von der Goethe-Universität in Frankfurt fordert im Interview mehr Verständnis für Jugendliche in der Pandemie.

Herr Walther, am vorigen Wochenende wurden im Günthersburgpark, im Grüneburgpark und am Schaumainkai Einsatzkräfte mit Flaschen und Steinen beworfen, als sie die Einhaltung der Corona-Verordnung kontrollierten. Schon im vorigen Jahr war es zu heftigen Auseinandersetzungen am Opernplatz gekommen. Was ist mit der Jugend los?

Gegenfrage: Warum sollten Jugendliche weniger frustriert und geduldiger sein nach eineinhalb Jahren Maßnahmen als andere Altersgruppen? Bereits nach dem ersten Lockdown war eine gewisse Anspannung spürbar, Lockerungen von denen man selbst nicht betroffen war, wurden als ungerecht empfunden. Das zeigt sich in solchen Ereignissen, aber auch an anderen Stellen der Stadt.

Zum Beispiel?

Beim Drängeln vor den Testzentren, in der Außengastronomie, bei der Nutzung des öffentlichen Raums oder im Verkehr. Es ist eine Art Ellenbogenmentalität spürbar, etwa nach dem Motto: „Jetzt habe ich so lange gewartet. Ich möchte nicht mehr länger warten.“ Ein Stück weit würde ich die Ereignisse vom vorigen Wochenende dort einordnen. Wir reden hier trotzdem nicht von einem Massenphänomen. Ein großer Teil der Jugendlichen war sehr lange Zeit sehr solidarisch, extrem diszipliniert und leidensfähig. Wenn wir das berücksichtigen, dann sind solche Ereignisse doch gar nicht so spektakulär. Sie sind auch nur bedingt jugendspezifisch. Auch Erwachsene haben sich Kontrollen und Einschränkungen widersetzt, zum Beispiel bei Demonstrationen.

Wie ordnen Sie die Pandemie und die Folgen daraus für die Lebensphase von Jugendlichen ein?

Die Jugendzeit ist eine Lebensphase, in der Anforderungen und Entwicklungsprozesse in extrem hoher Taktung und Verdichtung auftreten. Jugendkulturelle Praktiken im öffentlichen Raum sind dabei genauso wichtig wie Bildung und Ausbildung. Doch im außerschulischen Bereich fühlen sich Jugendliche noch stärker ausgebremst und stillgelegt. Und das in einer Lebensphase, in der so viel anstünde, und das über einen so langen Zeitraum, der in ihrem Leben einen viel größeren Anteil hat als in unserem Leben.

Man wird eben nur einmal 18, und dieser Geburtstag soll natürlich auch groß gefeiert werden.

Ja, Jugendliche haben Angst, ihre Jugend zu verpassen, das äußern sie zum Teil explizit – etwa in der JuCo-Studie. Diese Angst, wichtige Momente zu verpassen – ob ein Date, ein Praktikum oder ein Treffen mit der Clique, gab es schon vorher, in der Pandemie wird sie aber zu einer Belastung. Gleichzeitig sind aber die Möglichkeiten, mit dieser Belastung umzugehen, sehr ungleich verteilt. In sozialen Medien wie Tik Tok wird präsentiert: „Was hätte ich angezogen, wenn…?“ Und jetzt geht es eben nicht darum, sich auszutoben, sondern Verpasstes wenn möglich nachzuholen.

zur person

Andreas Walther, Jahrgang 1964, ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik und Jugendhilfe an der Goethe-Universität in Frankfurt. stn

Die ganzen Vorschriften, mit denen Jugendliche seit über einem Jahr leben müssen: Kommt da nicht einfach auch viel Frust dazu?

Natürlich äußert sich da auch Frust, wir alle sind dünnhäutiger und ungeduldiger geworden; weniger Hass oder Wut, was Jugendlichen ja auch zugeschrieben wird. Ich sehe darin eher einen teilweise verzweifelten Ausdruck von „wir gehören auch dazu, auch wir sind ein Teil der Gesellschaft, auch uns gehört der öffentliche Raum“. Aber ehrlich gesagt: Gemessen an der Dauer und Härte der Einschränkungen, die für Jugendliche einschneidender waren als für Erwachsene, hätte man doch auch mit ganz anderem rechnen können.

Was hätten wir denn erwarten können?

Ausdrücke von Ungeduld, von Gängelung, von Genervtsein und Ungerechtigkeit hätten viel früher und viel massiver auftreten können.

Und nun erobern Jugendliche die Stadt zurück?

Wo sollen Jugendliche denn hingehen, außer den öffentlichem Raum zu nutzen? Sich der Kontrolle und Einschränkung zu widersetzen, ist auch ein Ringen um Handlungsfähigkeit und um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit nach dem Motto: „Wir lassen uns jetzt nicht länger einsperren und rumschubsen.“ Alle Entscheidungen, wie Schule auf, Schule zu, wurden ja nie mit Jugendlichen ausgehandelt, sondern über ihre Köpfe hinweg entschieden. Und auch in die letzten Schlupflöcher, die ihnen offenstehen, kommt am Ende die Erwachsenengesellschaft und verwehrt sie ihnen. Da geht es schon auch ein bisschen um eine Selbstbehauptung.

Was meinen Sie damit?

Jugendliche wollen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden. Und in dem Maße, in dem sie das Gefühl haben, dass sich alle ihr Recht nehmen und ihre Ansprüche setzen, verlieren Regeln ihre Glaubwürdigkeit, wenn das nicht auch für sie gilt.

Interview: Stefan Simon

Erziehungswissenschaftler Andreas Walther.

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