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Corona

Jugendamt Frankfurt verzeichnet trotz Corona keinen Ansturm

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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Beim Jugendamt Frankfurt spiegeln sich die Auswirkungen des Lockdowns kaum in der Statistik wider. Doch die Sorge um das Wohlergehen der Jugend bleibt.

Die Inobhutnahmen in Frankfurt sind während des vergangenen Jahres nicht gestiegen. Dies geht aus Zahlen des Sozialdezernats der Stadt hervor. Demnach sind die neu begonnen Inobhutnahmen sogar gesunken, von 639 auf 535. Auf der anderen Seite seien aber die neu begonnene Gefährdungseinschätzungen bei Kindern um 70 auf 3433 Fälle gestiegen. Dabei wird das Gefährdungsrisiko eines Kindes eingeschätzt, sobald dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt werden. Das Dezernat schließt daraus, dass nicht einfach weggeschaut wurde, sondern Gefährdungen auch gemeldet wurden.

Kinder ziehen sich zurück

Das sieht auch Dieter Kieweg so, Leiter des Geschäftsbereichs „Einrichtungen der Jugend- und Erziehungshilfe“ bei der Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in Frankfurt. „Das Umfeld der Familien war wach und hat gut reagiert“, sagt Kieweg. Denn durch die Schließungen von Schulen und Kindertageseinrichtungen seien diese Institutionen als Frühwarnsystem weggefallen. „Es gab bei den Meldungen eine Verschiebung in den privaten Bereich.“

Das zeigen auch die Zahlen. Die Meldungen von Seiten der Schule gingen 2020 um drei Prozent auf 8,6 Prozent zurück (im Vergleich zu 2019). Bei den Kitas war es ein Rückgang um einen Prozent auf 3,7 Prozent. Einen Anstieg gab es hingegen bei Bekannten/Nachbarn – von 4,4 auf 6,2 Prozent. Beim Punkt Eltern/Sorgeberechtigte stiegen die Meldungen von 8,6 auf 11,9 Prozent. Auch die anonymen Meldungen stiegen leicht an.

Das alles sind Ergebnisse, die so anfangs nicht vorauszusehen waren. „Es gab viele Befürchtungen, dass mit dem ersten, harten Lockdown, es auch zu mehr Stresssituationen in den Familien kommen würde“, sagt der Bereichsleiter. Dadurch seien Kinder gefährdeter, auch sein Bereich habe mit mehr Inobhutnahmen gerechnet. „Wir hatten teilweise Feldbetten in den Kinderheimen aufgestellt. Wir hatten ja auch keine Erfahrungen in dem Bereich.“

Die zusätzlichen Betten hat es nicht benötigt, was aber nicht heißen müsse, dass in den Familien alles in Ordnung sei. „Momentan herrscht bei vielen Erwachsenen Disziplin im Umgang mit den Kindern. Das kann aber auch zu einer negativen Befreiung führen.“ Die Zahlen sollten deshalb nicht als Entwarnung verstanden werden, man müsse weiter wachsam sein.

Kieweg hebt hervor, dass die Erziehungsberatungsstellen durchweg offen waren. Anfangs sei dort eher eine entspanntere Atmosphäre in den Familien festgestellt worden. „Die Schule war als Stressfaktor weggefallen und man hatte mehr Zeit für die Familie.“ Aber je länger die Einschränkungen dauern, desto stärker steige auch der Stress. Homeschooling und die unsichere Situation belasten oft das Familienleben. „Viele Eltern sind überfordert und die Kinder ziehen sich zurück, weil die sozialen Kontakte fehlen.“

Der Bereichsleiter sorgt sich deshalb auch um die Zukunft. „Es werden Spuren bei den Kindern zurückbleiben.“ Studien hätten gezeigt, dass Kinder und Jugendliche sich einsam fühlen und Zukunftsängste haben. Auf die Nachwirkungen der Pandemie müsse auch die Jugendhilfe Antworten finden. Das Gros davon gehe nur mit den Jugendlichen gemeinsam. „Wir müssen die jungen Leute ernst nehmen und verstehen, was sie umtreibt.“

Die Zahlen des Sozialdezernats sind aber nicht die einzigen Indikatoren, die einen Eindruck geben, wie es gefährdeten Kindern und Jugendlichen geht. Auch das Thema häusliche Gewalt darf nicht außer Acht gelassen werden. Kommissarin Nele Lange, bei der Frankfurter Polizei zuständig für den Deliktsbereichs „Häusliche Gewalt/Stalking“, erklärt, dass bei Gewalt gegen Frauen häufig auch Kinder betroffen sind.

Beratungen nehmen zu

Zwar weist die polizeiliche Kriminalstatistik für Frankfurt nur einen kleinen Anstieg der Fälle im Vergleich zu 2019 um 2,6 Prozent auf, aber „eine Dunkelfeldstudie gibt es nicht“, sagt Lange. In die Statistik kämen nur Fälle, die auch angezeigt wurden. Die Zahlen allein ließen keinen Rückschluss auf das Gesamtfeld zu.

Birgitt Schnitzler von der Beratungs- und Interventionsstelle bei Frauen helfen Frauen Frankfurt berichtet, dass sich die Beratungen im Vergleich zum Jahr 2019 deutlich erhöht haben. Gerade die Online-Beratungen hätten sich nahezu verdoppelt und seien signifikant gestiegen. Im zugehörigen Frauenhaus sei die Zahl der dort lebenden Frauen aber nicht angestiegen. Auch Schnitzler bestätigt, dass in vielen der Fälle Kinder involviert sind.

„Unsere Sorge ist, dass sich die Frauen nicht melden“, sagt Birgitt Schnitzler. Momentan hätten viele Frauen noch mehr Ängste als vor der Pandemie. Sie fragen sich, wie sie es dann alleine in der Pandemiesituation schaffen sollen. „Wir merken es besonders bei unseren Erstkontakten mit Frauen. Sie fragen dann nach den Möglichkeiten, die sie überhaupt haben.“

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