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Der 80-jährige Jürgen Todenhöfer auf seinem Wahlkampftruck an der Hauptwache.
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Der 80-jährige Jürgen Todenhöfer auf seinem Wahlkampftruck an der Hauptwache.

Frankfurt

Frankfurt: Die große Show des Jürgen Todenhöfer

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Hart, aber gerecht: „Team Todenhöfer“ gibt ein Gastspiel auf der Frankfurter Hauptwache.

Frankfurt - „Team Todenhöfer“? Echt jetzt? Noch eine politische Kundgebung am Samstagnachmittag auf der Hauptwache? Noch eine neue Partei? Muss das sein?

Ja, aber… muss die Antwort wohl lauten. Einerseits handelt es sich bei dem vom 80-jährigen Jürgen Todenhöfer gegründeten „Team Todenhöfer“ um etwas ganz Neues: Endlich mal eine Partei, bei der Name Programm ist. Auch wenn die Sache mit dem „Team“ Ansichtssache ist – genauso gut könnte man sagen, Syracus sei einst vom „Team Dionysios“ regiert worden. Aber es sind ja auch noch andere Menschen mit von der Partei.

Frankfurt: „Jürgen! Jürgen“ - Todenhöfer-Fans an der Hauptwache

Etwa die vielen auffallend jungen Frauen, die mit „Ordner“-Binden auf der Hauptwache herumlaufen, Parteiprogramme verteilen und hin und wieder „Jürgen! Jürgen!“ rufen. Oder Khurrem Akhtar, Chef des hessischen Landestodenhöferteams, der seinen Kermit studiert hat und „den Jürgen“ tatsächlich mit den unsterblichen Worten „Applaus! Applaus!“ begrüßt. „Ich habe dem Jürgen versprochen, dass Frankfurt eine absolute Party wird“, sagt Akhtar, und da wären wir schon beim großen Aber: Schon wieder eine Partei, die ihre Versprechen nicht einhält. Abzüglich der Ordner bewegt sich das Publikum im deutlich unteren dreistelligen Bereich, da hatte sich der Jürgen mehr erhofft.

Der „für seine Auftritte irgendwo zwischen Peter Scholl-Latour und Kara Ben Nemsi berüchtigte Extrempublizist“ (Leo Fischer) betritt die Bühne seines futuristischen Wahlkampf-Trucks, der wie frisch aus dem Flugpark der Beteigeuze entliehen wirkt, etliche Minuten nach dem auf 16 Uhr terminierten Redebeginn. Die hautenge schwarze Lederjacke, die dem Wahlkämpfer zur zweiten Haut geworden ist, legt er ab, denn der Jürgen hat vor, sich warmzureden. Und das tut er dann auch.

Jürgen Todenhöfer will Kanzler werden - in Palästina

Gleich zu Beginn empfiehlt sich Todenhöfer wärmstens als Kanzler, wenn auch eher Kanzler für Palästina. Denn das Thema Gerechtigkeit für Palästina ist eines der Kernthemen des Teams Todenhöfer, dem er den Untertitel „Die Gerechtigkeitspartei“ verpasst hat. „Ich schäme mich für die Einseitigkeit dieser Regierung“, sagt Todenhöfer, weil die sich im Nahost-Konflikt immer nur auf die eine Seite schlage. Welche das ist, muss er nicht sagen, das weiß sein Publikum ohnehin. „Gibt es nicht auch das Leid der Palästinenser?“

Was es sonst noch so gibt: die FDP („Schlappschwänze!“), die Linke („Ohne Wagenknecht nichts wert!“), die AfD („Weg damit!“), die Grünen („Fortschrittsfeindliche Verbotspartei!“) und die CDU („Fast so schlimm wie Grüne, aber nicht ganz!“). Dann gibt’s natürlich noch die SPD, aber auf einen, der am Boden liegt, tritt der Jürgen nicht ein, das wäre auch nicht gerecht.

Jürgen Todenhöfer in Frankfurt: Spott für Laschet

Todenhöfer verspottet dann noch die Berufe seiner Mitfavoriten im Rennen um das Kanzleramt und nennt Laschet einen „Radiomoderator“ und Baerbock eine „Assistentin“. Zweifellos beides schändliche Professionen, aber einer mit der beruflichen Vita Todenhöfers – Richter, CDU-Bundestagsabgeordneter und Burda-Verlagsmanager (zeitgleich!) sowie Extrempublizist hat da natürlich leicht Lästern.

Todenhöfer sagt Nein zu Krieg und Bürokratie und Kirchensteuer und Ja zu Bildung und grünem Wasserstoff. Wenn er an der Macht ist, wird er eine Million neue Wohnungen bauen, den Mittelstand steuerlich entlasten und die Menschen lehren, sich gegenseitig zu respektieren. Spätestens ab 17 Uhr gerät der Wahlkämpfer dann in eine rhetorische Endlosschleife, in der er wieder und wieder die ungeheuerliche Daueraggression der „westlichen“ gegen die „muslimische“ Welt geißelt. Bis sich um 18 Uhr eine weitere abrahamitische Weltreligion zu Wort meldet und die Glocken der Katharinenkirche losläuten, dass nicht einmal ein Todenhöfer gegen das Gebimmel anjürgen kann.

In dem von Selbstzweifeln geplagten Christenmenschen aber kann in diesem Ende der Veranstaltung ein Keim der Hoffnung sprießen. Womöglich gibt es ja doch einen Gott. Und auch wenn der von Gerechtigkeit nicht viel halten mag, so kennt er doch Erbarmen. (Stefan Behr)

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