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Chefredakteur Karl Gerold: "Bei mir gibt es keinen Kommunismus."

50 Jahre '68

"Fundis" und "Realos" in der FR

In vielen Zeitungsverlagen gab es ab 1968 Debatten um ein Redaktionsstatut, so auch bei der Frankfurter Rundschau. Doch die Diskussion in der FR erledigte sich bald.

Das Jahr 1968 und die folgenden Jahre waren die Zeit, in der von „mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt), Mitbestimmung und Pressefreiheit in einem Atemzug die Rede war. Neben Themen wie innere Demokratie in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und Betrieben waren die Gefahren der Pressekonzentration und der Ruf nach Redaktionsstatuten zur Gewährleistung der inneren Pressefreiheit, also der Unabhängigkeit der Redaktionen von der Verlagsleitung, die uns bewegenden Themen. In vielen Zeitungsverlagen gab es Debatten um ein Redaktionsstatut, auch für Mitbestimmung bei der Bestellung von Chefredakteuren und Ressortleitern. So auch in der FR. 

Das von der Redaktion ausgearbeitete Statut beschränkte sich nicht auf eine Mitbestimmung bei der Berufung neuer Chefredakteure und Ressortleiter, es beinhaltete auch, dass im Falle umstrittener Entscheidungen von Ressortleitern oder der Chefredaktion ein gewählter Redakteursausschuss angerufen werden konnte. Dieser hatte dann zu beurteilen, ob ein Beitrag der Linie des Blattes entsprach oder nicht. 

Ihren Anspruch auf Mitbestimmung begründeten die Redakteure und Redakteurinnen der FR so: 
„Die Redakteure haben den (ideellen und materiellen) Wert der Frankfurter Rundschau mitgeschaffen; durch ihre tägliche Arbeit tun sie dies weiterhin. Die Redakteursversammlung ist das oberste meinungsbildende Organ der Redaktion. Sie dient der permanenten Klärung des Selbstverständnisses der Redakteure, der politischen und journalistischen Haltung der Redaktionsmitglieder in allgemeinen und speziellen Fragen.

Ein Mitglied der Redakteursversammlung, das mindestens drei Jahre im Haus ist, muss Mitglied der Geschäftsleitung (mindestens Prokurist) sein. 

Verlagsleitung und Redaktionsversammlung sind sich einig, dass der Platz für den redaktionellen Teil nicht weiter eingeschränkt, sondern ausgebaut wird.

Um zu garantieren, daß die Linie der FR auch in Zukunft im Sinne dieses Statuts erhalten bleibt, empfiehlt die Redakteursversammlung, in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Herausgeber einen Weg zu finden, der sich an dem Le Monde-Modell oder an einer von Karl-Hermann Flach in seinem Buch „Macht und Elend der Presse“ vorgeschlagenen Journalistengenossenschaft, die über eine Sperrminorität verfügen soll, orientiert.“

Die Redakteursversammlung billigte diesen Entwurf, Karl Gerold aber wollte nicht mitziehen. Nachrichtenredakteur Hans Lerchbacher, der für die Redaktion mit Gerold sprach, erzählt: „Ich sagte ihm: Chef, so geht das nicht. Sie können sich nicht in der Zeitung für den Liberalismus so starkmachen und in der Zeitung so selbstherrlich bleiben.“

Gerold sagte nichts, ging, kam nach einer halben Stunde wieder und sagte: „Junge, ich schmeiß dich raus, du bist gekündigt.“ Lerchbacher ging wortlos wieder an seine Arbeit. „Nach gut einer weiteren halben Stunde kam Gerold wieder zu mir und sagte: Du bist wieder eingestellt.“ Ja, so war er, der Karl Gerold.

Aus der weiteren Diskussion entstand ein neuer Entwurf des stellvertretenden Chefredakteurs Karl-Hermann Flach. Überliefert ist diese Reaktion Karl Gerolds: „Bei mir gibt es keinen Kommunismus. Ich will jederzeit jeden, den ich möchte, rausschmeißen können, wenn es sein muss, auch dich, Karl-Hermann.“ 

Die Lage änderte sich, als Gerold 1973 gestorben war und Werner Holzer Chefredakteur wurde. Er, der neue Zeichen setzten wollte, sagte der Redaktion hinsichtlich des Umgangs miteinander: „Wir tun einfach so, als wäre das Statut vom Verlag schon beschlossen – ich halte mich daran.“

Und er erkannte den Redakteursausschuss, der sich selbst als „illegaler Haufen“ würdigte, an. Der ehemalige Nachrichtenredakteur Rolf-Henning Hintze, der dem Redakteursausschuss angehörte, erinnert an dieses Beispiel: Holzer ließ sich vom Redakteursausschuss vorladen, um zu begründen, warum er die Veröffentlichung einer Fernsehkritik untersagte, die sehr hart einen ARD-Beitrag kritisierte, der die Apartheidpolitik verharmlost hatte. Holzer wurde gerügt, seine Entscheidung ohne vorheriges Gespräch mit dem Redakteur getroffen zu haben und sich nicht um eine Einigung bemüht zu haben. 

Als die Verhandlungen mit der Verlagsleitung nach Gerolds Tod wieder aufgenommen wurden, wollte die Verlagsleitung die Mitbestimmung bei der Bestellung des Chefredakteurs zwar akzeptieren, aber nicht explizit im Statut festgeschrieben wissen, sondern in einer Protokollnotiz verankern. So wollte sie nach außen das Gesicht wahren und vor allem gegenüber dem Verband der Zeitungsverleger nicht offenbaren, dass der Verlag freiwillig seine Macht beschneidet. Dazu gab es dann eine Vollversammlung der Redaktion, die sehr turbulent verlief. 

In der Kantine der FR argumentierten zwei Fraktionen heftig gegeneinander, man kann sie mit „Realos“ und „Fundis“ bezeichnen. Die einen wollten lieber „den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, die anderen „alles oder nichts“. 

Die einen wollten das, was möglich ist, egal, wie das rechtlich fixiert ist, also die Protokollnotiz akzeptieren. Die anderen wollten aus prinzipiellen Gründen „alles oder nichts“ im Statut selbst. Diese Fraktion setzte sich knapp durch. Damit war das Thema Redaktionsstatut für innere Mitbestimmung in der FR ein für alle Mal erledigt. Aber immerhin hatte die Redaktion im Binnenverhältnis mit dem Chefredakteur zehn Jahre damit arbeiten können. 

Es gab in der ganzen Bundesrepublik Deutschland in Folge von 1968 überhaupt nur drei solcher Statute, die der Redaktion Mitbestimmung bei Stellenbesetzungen gewährten, beim „stern“ bei der „Zeit“ und bei der Tageszeitung „Mannheimer Morgen“. Alle drei sind aber nur kurze und wirkungslose Episoden geblieben.

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